{"id":1669,"date":"2015-03-31T11:04:28","date_gmt":"2015-03-31T11:04:28","guid":{"rendered":"http:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/?p=1669"},"modified":"2015-03-31T20:18:52","modified_gmt":"2015-03-31T20:18:52","slug":"meine-kindheit-und-zeit-in-der-hitlerjugend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/2015\/03\/meine-kindheit-und-zeit-in-der-hitlerjugend\/","title":{"rendered":"Meine Kindheit und Zeit in der Hitlerjugend"},"content":{"rendered":"<p>Meine fr\u00fche Kindheit war nicht aufregend. Meine Eltern waren nicht reich, aber auch nicht arm. Wir lebten wie fast alle anderen Familien recht bescheiden. Es reichte, um satt zu werden, die Miete zu bezahlen und hin und wieder etwas Neues zum Anziehen zu kaufen. Ich freute mich Weihnachten \u00fcber ein kleines Blechspielzeug und vielleicht noch \u00fcber ein paar neue Schuhe, die die ersten Monate nur Sonntags getragen wurden.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr und Sommer liefen wir Kinder nur barfu\u00df im Freien herum. Die Stra\u00dfe war unser Spielplatz. Man konnte in den 30er Jahren unbek\u00fcmmert auf der Stra\u00dfe spielen. Autos waren selten, und wenn eins kam, so h\u00f6rte man es schon von Weitem. Ein Bierwagen mit Vollgummireifen auf Kopfsteinpflaster war un\u00fcberh\u00f6rbar. Unsere Spiele<!--more--> waren meistens mit gro\u00dfer Lautst\u00e4rke verbunden. Man spielte R\u00e4uber und Gendarm, Cowboy und Indianer oder V\u00f6lkerball usw. Zur t\u00e4glichen Hygiene geh\u00f6rte es, dass ich, nachdem ich den ganzen Tag drau\u00dfen gespielt hatte, von meiner Mutter ausgezogen wurde, sie\u00a0 mich in den Sp\u00fclstein stellte, mich einseifte und mit kaltem Wasser wieder abseifte. Die ganze Prozedur wurde von Gebr\u00fcll meinerseits begleitet. Aber sehr erfrischend. Wer hatte damals schon ein Badezimmer?<\/p>\n<p>Das ganz besondere Vergn\u00fcgen fand immer Sonntag morgens statt: Kindervorstellung im Kino. Ich ben\u00f6tigte meistens eine ganze Woche, um mir 20 Pfennig zusammen zu betteln bei Oma, Tanten Vater oder Mutter. Vor Beginn des Krieges sah man noch M\u00e4rchenfilme, amerikanische Cowboyfilme mit Shirley Temple, Dick und Doof oder Pat &amp; Patachon.<\/p>\n<p>Im Alter von etwa 6 Jahren begann ich mich f\u00fcr die Hitlerjugend zu interessieren. Wenn die Jugend mit Trommel und Fanfaren in ihren braunen Uniformen durch unsere Stra\u00dfen marschierten, das beeindruckte uns schon sehr! Und wir marschierten hinterher und versuchten Gleichschritt zu halten.<\/p>\n<p>Ostern 1938 wurde ich eingeschult. Damals hie\u00df es einfach Volksschule. Es wurde zur Einschulung von jedem ein Foto gemacht mit der obligatorischen Schult\u00fcte. Da aber kaum jemand das Geld f\u00fcr diese T\u00fcte hatte, brachte der Fotograf eine T\u00fcte mit, mit der jeder einzelne abgelichtet wurde. Unser erstes Schuljahr verbrachten wir fast ausschlie\u00dflich mit dem Lernen der S\u00fctterlinschrift. Unser <a href=\"http:\/\/www.derwesten.de\/staedte\/bottrop\/mit-schiefertafel-und-griffeldose-id8398152.html\" target=\"_blank\">erstes Lehrmaterial<\/a> bestand aus einem Tornister mit einer Schiefertafel, einer Griffeldose mit einigen Griffeln, einer Schwammdose und einem geh\u00e4keltem Lappen zum Trocknen der Tafel. Als erstes das \u201ei\u201c, dann das \u201eo\u201c und so weiter. Nach einem halben Jahr begannen wir mit ganzen W\u00f6rtern. Nachdem wir nun die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/S\u00fctterlinschrift\" target=\"_blank\">S\u00fctterlinschrift<\/a> beherrschten, mussten wir alles vergessen und von Neuem anfangen mit der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ausgangsschrift\" target=\"_blank\">lateinischen Schrift<\/a>.<\/p>\n<p>Ein besonderes Datum habe ich nicht vergessen. Wir wohnten zu der Zeit in Essen-West. Es war der 9. November 1938. Ich ging wie jeden Morgen zur Schule. Mein Weg f\u00fchrte \u00fcber die Altendorfer Stra\u00dfe. An einem uns allen bekannten Textilkaufhaus mit Namen Blum hatte man alle Schaufenster-scheiben zertr\u00fcmmert und alle Textilien flogen auf die Stra\u00dfe. Eine gro\u00dfe Menschenmenge stand auf der Stra\u00dfe und schaute zu. Ich fragte einen Mann, was da passiert, was das bedeute, er antwortete mir: \u201eDas verstehst du nicht, mein Junge, das sind Juden.\u201c Er hatte recht, ich verstand das tats\u00e4chlich nicht. Sp\u00e4ter verstand es die NS Propaganda geschickt, durch dauernde Vokabeln wie \u201eDie Juden sind unser Ungl\u00fcck\u201c und mit\u00a0 diffamierenden Karikaturen in Zeitschriften, wie zum Beispiel \u201e Der St\u00fcrmer\u201c, dem Volk klar zu machen, dass es\u00a0 tats\u00e4chlich so sei.<\/p>\n<p>Nach Ausbruch des Krieges 1939 wurden auch die Filme der Zeit angepasst. Statt M\u00e4rchenfilme sahen wir sonntags Kriegsfilme. Vor jedem Film gab es die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Deutsche_Wochenschau\" target=\"_blank\">\u201eDeutsche Wochenschau\u201c<\/a> mit Berichten von den einzelnen Kriegsschaupl\u00e4tzen. Ich entsinne mich, darin nie einen deutschen gefallenen Soldaten gesehen zu haben, jedoch hunderte Gefallene unserer Feinde. Dass aber auch die deutschen Verluste hoch waren, konnte man in den Tageszeitungen verfolgen. T\u00e4glich gab es Dutzende von Todesanzeigen f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/45\/P-Soldaten\" target=\"_blank\">\u201eF\u00fchrer Volk und Vaterland\u201c<\/a> gefallener Soldaten.<\/p>\n<p>Im Alter von 10 Jahren durfte ich endlich in die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutsches_Jungvolk\" target=\"_blank\">DJ (Deutsches Jungvolk)<\/a> eintreten. Ich war sehr stolz, eine Uniform zu tragen. Der Beitritt zur DJ oder <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/ns-organisationen\/hitler-jugend.html\" target=\"_blank\">HJ (Hitler-Jugend)<\/a> war\u00a0 gezwungenerma\u00dfen freiwillig. Wer aber nicht beitrat, wurde diffamiert und gemieden. Andererseits wurde uns Kindern aber auch viel geboten: Kameradschaft, Gel\u00e4ndespiele, gemeinsames Singen und vieles mehr. Das dieses eigentlich dazu diente, uns fr\u00fchzeitig f\u00fcr die Wehrmacht fit zu machen, erkannte ich erst gegen Kriegsende.<\/p>\n<p>Es gab nationale Feiertage, die wurden pomp\u00f6s und grandios inszeniert: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erster_Mai\" target=\"_blank\">Der erste Mai (Tag der Arbeit)<\/a> oder der 20. April, das war der Geburtstag Adolf Hitlers. Aus fast jedem Fenster hingen dann <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_Flaggen_Deutschlands_%281933\u20131935%29\" target=\"_blank\">Hakenkreuzfahnen<\/a>, die Marktpl\u00e4tze waren mit Birkengr\u00fcn geschm\u00fcckt und Kolonnen von SA und SS Hitlerjugend und Deutsches Jungvolk, die man damals <a title=\"Pimpf \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pimpf\" target=\"_blank\">Pimpfe<\/a> nannte, marschierten mit Marschmusik durch die Stra\u00dfen. Auf den Aufmarschpl\u00e4tzen hielt ein Parteibonze h\u00f6heren Ranges eine markige Rede, und alle schrien <a title=\"Hitlergru\u00df \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hitlergru\u00df\" target=\"_blank\">\u201eSieg Heil\u201c<\/a>. Fast alle!! \u2013 F\u00fcr uns Kinder und Jugendliche war das alles sehr beeindruckend, und wir glaubten an das, was man uns t\u00e4glich vorbetete.<\/p>\n<p>Nach und nach kam der Krieg auch zu uns, zun\u00e4chst als vereinzelte Luftangriffe der englischen Air Force. Nachdem die Sirenen Luftalarm gemeldet hatten, standen wir am Fenster und schauten zu, wie zig <a title=\"Flugabwehrkanone \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Flugabwehrkanone\" target=\"_blank\">Flakscheinwerfer<\/a> den Himmel absuchten. War erst einmal ein Flugzeug in den Lichtkegel geraten, wurde es fast jedes Mal abgeschossen.<\/p>\n<p>Dann kam der 5. M\u00e4rz 1943. Fliegeralarm. Wir standen wieder am Fenster. Doch dann h\u00f6rten wir pl\u00f6tzlich ein unheimlich lautes Brummen und\u00a0 Dr\u00f6hnen am Himmel.\u00a0 Pfad-finderflugzeuge warfen sogenannte <a title=\"Luftkrieg: Wie man eine feindliche Stadt in Brand steckt - DIE WELT\" href=\"http:\/\/www.welt.de\/geschichte\/zweiter-weltkrieg\/article116612051\/Wie-man-eine-feindliche-Stadt-in-Brand-steckt.html\" target=\"_blank\">Christb\u00e4ume<\/a> ab, und das ganze Zielgebiet war taghell erleuchtet. Unser Haus stand direkt gegen\u00fcber den <a title=\"Krupp Gussstahlfabrik \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Krupp_Gussstahlfabrik\" target=\"_blank\">Krupp-Werken<\/a>. Auf diese hatten es die Englischen Bomber abgesehen. Zirka 500 dieser Bomber luden ihre <a title=\"Essen '45 - Niedergang der Kruppwerke - YouTube\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2pN2GE6QBIk\" target=\"_blank\">Brand- und Sprengbomben \u00fcber unseren Stadtteil<\/a> ab. Wir sind dann\u00a0 ganz schnell in den Keller geeilt, ohne unsere schon seit Monaten gepackten Koffer mitzunehmen. Drau\u00dfen herrschte ein infernalischer L\u00e4rm. Bomben fielen ohne Unterlass, die Flak schoss aus allen Rohren. Doch ganz pl\u00f6tzlich war es f\u00fcr einige Sekunden unheimlich still. Dann brach mit einem gewaltigen Get\u00f6se die H\u00f6lle los. Das Licht erlosch, die Luft voller Staub, Wasser lief aus geborstenen Rohren. Alle schrieen wild durcheinander. Eine Luftmine war in unserem Hof explodiert und hatte unser vierst\u00f6ckiges Haus total zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Meine Mutter nahm mich an der Hand, und wir kletterten im Dunkeln \u00fcber die Reste unserer Kellertreppe. Drau\u00dfen war es taghell. Nachbarh\u00e4user standen in Flammen. Bomben fielen ununterbrochen. Wahrscheinlich hatten meine Mutter und ich eine ganze Kompanie von Schutzengeln. Wir erreichten wie durch ein Wunder einen Hochbunker in etwa 500 Meter Entfernung. Meine Mutter schlug mit einem Stein an die Stahlt\u00fcr des Bunkers, und wir wurden eingelassen. Im Bunker, mit meterdicken Betonmauern war vom L\u00e4rm drau\u00dfen nur wenig zu h\u00f6ren. Wir beide sahen aus wie M\u00fchlenarbeiter, von Kopf bis Fu\u00df wei\u00df vom M\u00f6rtelstaub.<\/p>\n<p>Um etwa 5 Uhr morgens lie\u00df man uns raus. Wir erkannten unseren <a title=\"Luftangriffe auf das Ruhrgebiet \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Luftangriffe_auf_das_Ruhrgebiet\" target=\"_blank\">Stadtteil Essen-West<\/a> nicht wieder. Nur rauchende Tr\u00fcmmer, ein infernalischer Brandgeruch. Ich stand nun mit meiner Mutter vor einem riesigen Schutthaufen der mal unser Haus war. Meine ganze Habe bestand nur aus einem Schlafanzug, Pantoffeln, einem Mantel und einer M\u00fctze. Dank einiger Bezugsscheine bekam ich einige wenige neue Textilien. Wir \u00fcbernachteten einige Tage jedes Mal bei einem anderen Verwandten.<\/p>\n<p>Am 25. M\u00e4rz 1943 begab ich mich mit noch 2000 anderen Kindern zum Hauptbahnhof Essen, <a title=\"LeMO\u00a0Kapitel\u00a0-\u00a0Der Zweite Weltkrieg\u00a0-\u00a0Alltagsleben\u00a0-\u00a0Kinderlandverschickung\" href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/der-zweite-weltkrieg\/alltagsleben\/kinderlandverschickung.html\" target=\"_blank\">Kinderlandverschickung<\/a>. Man verfrachtete uns wahllos in die Personenwagen, und die Fahrt ging in das Protektorat B\u00f6hmen und M\u00e4hren (Tschechien). Unterwegs wurden wir aufgeteilt f\u00fcr die einzelnen KLV-Lager. Ich hatte Gl\u00fcck und kam mit 60 anderen Jungen f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Jahre in das KLV-Lager Raab bei Pardubitz.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em><a title=\"Zeitzeugen stellen sich vor\" href=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/zeitzeugenarbeit\/zeitzeugen-stellen-sich-vor-2\/\">Horst R. im M\u00e4rz 2015<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine fr\u00fche Kindheit war nicht aufregend. Meine Eltern waren nicht reich, aber auch nicht arm. Wir lebten wie fast alle anderen Familien recht bescheiden. Es reichte, um satt zu werden, die Miete zu bezahlen und hin und wieder etwas Neues zum Anziehen zu kaufen. Ich freute mich Weihnachten \u00fcber ein kleines Blechspielzeug und vielleicht noch &#8230; <a title=\"Meine Kindheit und Zeit in der Hitlerjugend\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/2015\/03\/meine-kindheit-und-zeit-in-der-hitlerjugend\/\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Meine Kindheit und Zeit in der Hitlerjugend\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1,33],"tags":[],"class_list":["post-1669","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jede-generation-baut-die-strassen-auf-denen-die-naechste-faehrt-japanische-weisheit","category-kindheit-und-jugend-vor-und-waehrend-des-krieges"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1669","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1669"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1669\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1669"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1669"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1669"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}