{"id":1983,"date":"2015-05-25T16:41:39","date_gmt":"2015-05-25T16:41:39","guid":{"rendered":"http:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/?p=1983"},"modified":"2017-05-24T16:27:39","modified_gmt":"2017-05-24T16:27:39","slug":"flucht-aus-der-tschechoslowakei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/2015\/05\/flucht-aus-der-tschechoslowakei\/","title":{"rendered":"Flucht aus der Tschechoslowakei"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2044\" aria-describedby=\"caption-attachment-2044\" style=\"width: 140px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/files\/2015\/05\/2991038067_9e25031b52.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"2044\" data-permalink=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/2015\/05\/flucht-aus-der-tschechoslowakei\/auschwitz-i-oswiecim\/#main\" data-orig-file=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/files\/2015\/05\/2991038067_9e25031b52.jpg\" data-orig-size=\"500,375\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Auschwitz I (O\u015bwi\u0119cim)\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;Foto: &lt;a href=&#039;https:\/\/www.flickr.com\/photos\/cirque-du-pablo\/2991038067\/&#039; target=&#039;_blank&#039;&gt;Pablo Nicol\u00e1s Taibi Cicare&lt;\/a&gt;&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/files\/2015\/05\/2991038067_9e25031b52-300x225.jpg\" data-large-file=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/files\/2015\/05\/2991038067_9e25031b52.jpg\" class=\"size-thumbnail wp-image-2044\" src=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/files\/2015\/05\/2991038067_9e25031b52-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2044\" class=\"wp-caption-text\">Foto: <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/cirque-du-pablo\/2991038067\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Pablo Nicol\u00e1s Taibi Cicare<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Bei unserer Flucht aus der Tschechoslowakei, Anfang April 1945, befanden wir uns eines Tages auf der Etappe von Waldm\u00fcnchen nach Kamen in der Oberpfalz. Pl\u00f6tzlich sahen wir die ersten Toten. M\u00e4nner im blau- und wei\u00dfgestreiften Anz\u00fcgen im Stra\u00dfengraben. Wir glaubten, es handelt sich um Gef\u00e4ngnisinsassen, die von Tieffliegern beschossen wurden. Es waren aber nicht einige wenige, sondern im Laufe des Weges waren es Hunderte. Auf einer Anh\u00f6he angekommen, sahen wir aus einiger Entfernung eine endlose Kolonne dieser bedauernswerten Menschen. Wir erreichten einen Ort Namens Neukirchen-Balbini. Wir \u00fcbernachteten im Saal eines Gasthofes. M\u00fcde und hungrig, wir hatten nichts zu essen, schliefen auf Stroh und wurden morgens durch gro\u00dfen L\u00e4rm und Kettengerassel geweckt. Die Amerikaner waren da. Der Krieg war zu Ende. Wir waren sehr geschockt, hatten wir noch immer an den Endsieg durch irgendwelche Wunderwaffen geglaubt.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p>Doch pl\u00f6tzlich waren auch tausende ehemalige KZ-Insassen des <a href=\"http:\/\/www.br.de\/service\/suche\/suche104.html?query=flossenb\u00fcrg&amp;node=&amp;dateFrom=&amp;dateUntil=&amp;_documentTypes=on&amp;_documentTypes=on&amp;_documentTypes=on&amp;_documentTypes=on#\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">KZ-Lagers Flossenb\u00fcrg<\/a> in der Oberpfalz frei. Diese Menschen waren noch viel erb\u00e4rmlicher dran als wir, litten sie doch an den Folgen von Hunger und Krankheiten. Viele nutzten ihre pl\u00f6tzliche Freiheit und pl\u00fcnderten bei Bauern alles Essbare, ohne daran zu denken, was sie ihrem ausgemergelten K\u00f6rper zumuteten. Sie a\u00dfen Fleisch und Fett, um anschlie\u00dfend unter uns\u00e4glichen Qualen zu sterben. Die Bauern im Dorf mussten viele von ihnen\u00a0in der Umgebung bergen. 250 S\u00e4rge ohne Deckel wurden im Dorf angefertigt, und alle Fl\u00fcchtlinge, auch wir, schaufelten zwei Massengr\u00e4ber in den Ma\u00dfen 8 x 8, vier Meter tief am \u00f6stlichen Dorfausgang. Bei der Bestattung der Leichen wurden alle S\u00e4rge von Bewohnern des Dorfes von einem Ende des Dorfe zum anderen Ende getragen. Drei Jahre sp\u00e4ter hatte man alle Leichen umgebettet\u00a0 und in Flossenb\u00fcrg auf einem dort errichteten Ehrenfriedhof beigesetzt.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he der Stadt Weil in der Oberpfalz befand sich ein amerikanisches Lager f\u00fcr deutsche Kriegsgefangene. Viele deutsche Soldaten wurden von dort aus entlassen und machten sich auf den Weg in ihre Heimat. Sie wurden von umherziehenden Gruppen von KZ-H\u00e4ftlingen aufgegriffen und um ihre letzte Habe beraubt. War ein ehemaliger SS-Mann dabei, den sie an dem Blutgruppenzeichen unter dem rechten Arm erkannten, so wurde der an dem n\u00e4chsten Baum aufgeh\u00e4ngt und ohne R\u00fccksicht darauf, ob es sich um einen Mann der k\u00e4mpfenden Truppe oder um einen ehemaligen Bewacher handelte.<\/p>\n<p>Nachdem wir bei einem Bauern einen Unterschlupf f\u00fcr mich und meinen Freund Manfred f\u00fcr das n\u00e4chste halbe Jahr gefunden hatten, stellten wir fest, dass im Haus des Bauern zwei polnische KZ-H\u00e4ftlinge wohnten.\u00a0 Gleichzeitig boten sie Schutz vor den pl\u00fcndernden KZ-H\u00e4ftlingen. Diese beiden erz\u00e4hlten uns, was sie in ihrer Zeit in Flossenb\u00fcrg erlebt haben. Wir waren entsetzt und konnten es kaum glauben. Nach dem Kriegs habe ich noch mehr dar\u00fcber erfahren.<\/p>\n<p>In Flossenb\u00fcrg wurde haupts\u00e4chlich in Steinbr\u00fcchen gearbeitet. Eine gewisse Tradition hatten Steinbr\u00fcche schon immer, da es sich um Basalt-Steinbr\u00fcche handelte. Im Jahr 1939 wurde das KZ-Lager Flossenb\u00fcrg errichtet, um Basaltquader f\u00fcr die nach dem Krieg zu errichtenden monumentalen Bauten der Hauptstadt des &#8222;Gro\u00dfdeutschen Reiches&#8220; zu erzeugen. Hitler und sein Architekt Albert Speer hatten die Absicht, unter anderem ein Geb\u00e4ude mit einer Kuppel zu errichten, das wie der Petersdom aussehen sollte \u2013 eine Halle mit einem Fassungsverm\u00f6gen von etwa 70 bis 80.000 Menschen! Berlin hie\u00dfe nicht mehr Berlin, sondern Germania. F\u00fcr alle diese Vorhaben wurden Basaltbl\u00f6cke aus Flossenb\u00fcrg ben\u00f6tigt. Ab 1943 wurden H\u00e4ftlinge zur Kriegsproduktion eingesetzt, haupts\u00e4chlich f\u00fcr die Firma Messerschmidt. Zwischen 1939 und 1945 waren etwa 100.000 H\u00e4ftlinge aus \u00fcber 30 Nationen in Flossenb\u00fcrg inhaftiert, von denen mindestens 30.000 gestorben sind. Nach dem 20. Juli 1944, dem Attentat auf Adolf Hitler, wurden am 9. April 1945 sieben Beteiligte des missgl\u00fcckten Attentats in Flossenb\u00fcrg hingerichtet, u.a. auch Dietrich Bonnhoefer und Wilhelm Canaris. Eine Woche sp\u00e4ter trieben SS-Wachmannschaften \u00fcber 10.000 H\u00e4ftlinge des KZ-Lagers Flossenb\u00fcrg auf einen sogenannten Todesmarsch, um sie nicht in die H\u00e4nde der Alliierten fallen zu lassen. Rund 7.000 Menschen kamen bei diesem Marsch um.<\/p>\n<p>Ich muss dazu sagen, wir waren ja auf der Flucht, wollten nach Hause. Wir waren selbst ganz erb\u00e4rmlich dran. Um ehrlich zu sein, wir haben die Toten gesehen, aber das hat uns damals kaum ber\u00fchrt. Es ist wirklich so. Ich habe kein Mitleid gesp\u00fcrt, das hei\u00dft wir waren 60 Jungs im Alter von 12\/13 Jahren. Es war halt so. Also, wir haben die Gr\u00e4ber geschaufelt und haben uns halt so dabei am\u00fcsiert, es h\u00f6rt sich komisch an, aber es war\u00a0so. Aber anschlie\u00dfend, beim Bauern, wo die Polen wohnten und alles so erz\u00e4hlten, was passiert war: Es war Tod durch Arbeit. Mit Erschie\u00dfen usw. war da gar nicht, die wurden ausgenutzt bis zum Tod. Man hat versucht damals, 2.000 dieser H\u00e4ftlinge als Steinmetze auszubilden. Diese Steinbr\u00fcche gab es weit, weit vor dem Krieg schon, wurden gewerblich genutzt. Man hat sie damals ausgenutzt, indem man die H\u00e4ftlinge reingebracht hat, die da umsonst gearbeitet haben. Die SS hatte nat\u00fcrlich ihren Vorteil davon, die hat sich bezahlen lassen, ganz klar. Die aktiv waren, um diese Leute umzubringen durch Arbeit. Was ja auch gr\u00f6\u00dftenteils gelungen ist. Also, ich meine, mit einer Wassersuppe am Tag 12 Stunden arbeiten, das h\u00e4lt keiner durch.<\/p>\n<p>In Buchenwald war es ja das gleiche. Ich kenne die Geschichte, habe ich auch gelesen, in Auschwitz war ich pers\u00f6nlich vor 3 Jahren, aber das ist ja nicht zu vergleichen, wie es damals war. Ein Teil dieser Baracke steht da noch, Krematorium ist gesprengt. Die hygienischen Verh\u00e4ltnisse waren katastrophal, ich kann mich erinnern \u2026 eine lange Baracke in Auschwitz von mindestens 60 m L\u00e4nge. Da sind in der L\u00e4nge so Betonplatten und mit L\u00f6chern. 40\/50 L\u00f6cher, da haben die ihre Notdurft verrichten m\u00fcssen, alle in einer Reihe. Also, das habe ich selber gesehen. Aber speziell \u00fcber die Sache, die ich selbst erlebt habe, das war in Flossenb\u00fcrg.<\/p>\n<p>Alte und Junge, alle, wir waren alle damals \u2013 wir haben am Dorfausgang, es gab ein Bagger, Spaten und Hacke und der gleichen \u2013 es ist Tatsache \u2013 Ich kann das noch nachvollziehen. Es gibt Leute im Dorf in meinem Alter, die das selber erlebt haben. Leben noch, ich war vor einiger Zeit mal da.<\/p>\n<p>Bei der SS hatten alle ihre Blutgruppenkennzeichnung unter dem rechten Arm. Ich habe das selber gesehen, als sie aufgeh\u00e4ngt waren, da hingen sie tagelang.<\/p>\n<p>Die sind verbrannt worden &#8230; und wie sich die Bauern gewehrt haben!<\/p>\n<p>SS war die Elite. Und am Anfang des Krieges wurde jemand eingestellt, der musste mindestens 180 cm gro\u00df sein, blond und dergleichen. Diese ganzen \u2026 die deutsche Rasse!<\/p>\n<p>Wenn jemand dunkle Haare hat, der hatte \u00fcberhaupt keine Chance! Am Anfang des Krieges hat man ihn gar nicht genommen, er musste blond sein. Gro\u00df 180. Heroisch.<\/p>\n<p>Ich muss noch sagen, dieser ganze Zug war von SS begleitet, von einem Tag auf den anderen sind die alle stiften gegangen. Die haben die ganzen 10.000 pl\u00f6tzlich alleine gelassen. Die hatten Angst, und sie sind aufgegriffen worden \u2013 zum Teil wieder \u2013 obwohl sie sich beim Bauern Bekleidung besorgt haben, ihre SS Bekleidung wollten sie total loswerden,\u00a0 alles was da so rumlief \u2026 und wehe dem, der hat ein Blutgruppenzeichen.<\/p>\n<p>Gut, es war so, Mitte Juli haben die Amerikaner alle wieder eingesammelt, verpackt in ein Sammellager, und dann wurden sie in die Heimatl\u00e4nder abgeschoben. Da wurde es den Amerikanern schon zu viel, was die da f\u00fcr Unheil angerichtet haben. Wobei man sagen muss, das Unheil haben wir selber angerichtet. Das war nur eine Art Rache, das ist klar. Wenn man versteht, was die Leute mitgemacht haben. Unvorstellbar!<\/p>\n<p>Das war der Sinn der Sache. Der Todesmarsch, so nannte man den. Man muss sich mal vorstellen: Die Leute hatten nichts au\u00dfer ihrer blaugestreiften Jacke und Hose, und teilweise barfu\u00df, im Lager hatten sie Holzpantoffeln. Barfu\u00df! Es war noch April, in der Oberpfalz gab es noch Schneeschauer zu der Zeit. Die 250, die wir in Nordkirchen-Balbini noch beerdigt hatten, war ja nur ein kleiner Teil. Das ging ja noch weiter, die Bauern haben im Umkreis von 2 km die Toten eingesammelt, der n\u00e4chste Ort, da wieder eingesammelt. Die sind dann alle oben in Flossenb\u00fcrg oben auf dem Ehrenfriedhof, das gibt es tats\u00e4chlich heute noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em><a href=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/zeitzeugenarbeit\/zeitzeugen-stellen-sich-vor-2\/\">Horst R. war zum Zeitpunkt seiner Flucht nach Hause 12 Jahre alt.<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei unserer Flucht aus der Tschechoslowakei, Anfang April 1945, befanden wir uns eines Tages auf der Etappe von Waldm\u00fcnchen nach Kamen in der Oberpfalz. Pl\u00f6tzlich sahen wir die ersten Toten. M\u00e4nner im blau- und wei\u00dfgestreiften Anz\u00fcgen im Stra\u00dfengraben. 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