{"id":798,"date":"2013-09-17T16:42:54","date_gmt":"2013-09-17T16:42:54","guid":{"rendered":"http:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/?page_id=798"},"modified":"2015-05-15T15:25:37","modified_gmt":"2015-05-15T15:25:37","slug":"die-reise-meines-lebens-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/2013\/09\/die-reise-meines-lebens-2\/","title":{"rendered":"Die &#8222;Reise&#8220; meines Lebens"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/2013\/10\/meine-taetigkeit-als-zeitzeuge\/p1040245-2\/\" rel=\"attachment wp-att-954\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"954\" data-permalink=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/2013\/10\/meine-taetigkeit-als-zeitzeuge\/p1040245-2\/#main\" data-orig-file=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/files\/2013\/10\/P1040245.jpg\" data-orig-size=\"3456,2592\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;DMC-TZ5&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1374059053&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;14.2&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;100&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.005&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;}\" data-image-title=\"P1040245\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/files\/2013\/10\/P1040245-300x225.jpg\" data-large-file=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/files\/2013\/10\/P1040245-1024x768.jpg\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-954\" src=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/files\/2013\/10\/P1040245-150x150.jpg\" alt=\"P1040245\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Wegen der schlimmen Erfahrungen aus den Bombenangriffen auf unsere Heimatstadt Duisburg, insbesondere dem Dreifachangriff vom 14.\/15. Oktober 1944, der als schwerster Luftangriff, der jemals auf eine einzige Stadt bis dahin erfolgte, hatte sich unsere Mutter um eine Evakuierung in weniger luftgef\u00e4hrdete Gebiete bem\u00fcht. Meine \u00e4lteste Schwester war dienstverpflichtet bei der Deutschen Kriegsmarine im heutigen Schleswig- Holstein, und meine zweit\u00e4lteste Schwester befand sich damals mit 15 Jahren in der Kinderlandverschickung in Oberschlesien. Wir, meine Mutter und ich, wurden am 8. Januar 1945 zur Niederlausitz in den Raum Sorau, heute zu Polen geh\u00f6rig, verschickt.<!--more--><\/p>\n<p>Wir erhielten Quartier auf einem Bauernhof und verbrachten dort zun\u00e4chst eine ruhige, sorgenfreie Zeit. Jedoch wurden wir bereits wenige Wochen nach unserer Ankunft darauf aufmerksam,\u00a0dass sich die Dorfstra\u00dfe nach und nach mit westw\u00e4rts ziehenden Fahrzeugen, haupts\u00e4chlich\u00a0 Pferdefuhrwerken, beladen mit Hab und Gut und Menschen, Frauen, Kindern, alten Leuten, sp\u00fcrbar belebte. Es entstand ein regelrechter Fahrzeugstrom, der kaum noch unterbrochen wurde und nur abends bzw. nachts verebbte. Auf Nachfrage best\u00e4tigte sich unsere Vermutung, dass es sich um Fl\u00fcchtende aus den weiter \u00f6stlich gelegenen Landesteilen handelte, die sich vor der herannahenden Kampfesfront der Deutschen Wehrmacht in Sicherheit zu bringen versuchten, die sich im R\u00fcckzug vor den voranst\u00fcrmenden Russischen Heeresstreitkr\u00e4ften verteidigten. Als dann auch noch unsere b\u00e4uerliche Gastfamilie einige Fahrzeuggespanne auf- und ausr\u00fcstete, bestand f\u00fcr uns kein Zweifel, dass auch wir uns zum Aufbruch nach Westen einstellen mussten. Meine Schwester war inzwischen aus Oberschlesien zu uns nach Sorau gereist, und wir stellten beim Studium ihres Schulatlasses fest, dass die in den Wehrmachtsberichten genannten Orte des aktuellen Frontverlaufes sich unserem Fluchtdomizil bedrohlich n\u00e4herten. Unser Gastgeber stellte uns einen Handleiterwagen zur Verf\u00fcgung, mit dem wir unser Gep\u00e4ck und uns auf Schusters Rappen in Sicherheit bringen wollten. Jedoch war unser W\u00e4gelchen zu schwach. Es brach zusammen. Meine Schwester lief zur Stra\u00dfe, um nach einer Mitfahrgelegenheit Ausschau zu halten. Da stoppte der Fl\u00fcchtlingstreck und genau vor unserem Hause hielt ein Panzerschleppzug, also ein Sch\u00fctzenpanzerwagen, der ein besch\u00e4digtes Fahrzeug gleicher Bauart im Schlepp hatte. Meine Schwester handelte mit den aufsitzenden Soldaten aus, dass sie, meine Mutter und ich aufsteigen und mitfahren durften. Unser Hab und Gut lie\u00dfen wir an Ort und Stelle auf der Hofausfahrt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Mit dieser milit\u00e4rischen Fahrm\u00f6glichkeit fuhren wir einen Tag, eine Nacht und den folgenden Tag bis Bad Muskau. Wir erfuhren erst sp\u00e4ter, dass unsere Sitzgelegenheiten aus Munitionskisten mit Handgranaten, Panzerf\u00e4usten und Gewehrmunition bestanden.<\/p>\n<p>In Bad Muskau stiegen wir auf zivile Transportmittel um, denn ab hier funktionierte noch die Eisenbahn. Allerdings hatte bereits eine gewaltige Zahl an Fl\u00fcchtenden von dieser M\u00f6glichkeit Gebrauch gemacht und wir Drei fanden nur noch auf einer Verbindungsbr\u00fccke zwischen zwei Personenwagen Platz, was wegen der noch herrschenden winterlichen K\u00e4lte und den Funken aus dem Schornstein der Lokomotive alles andere als komfortabel war. Dieser Vorortzug brachte uns nur nach Cottbus. Es gelang uns, einen Anschlusszug nach Berlin zu finden, denn es gab kaum eine andere Verbindung, die in ann\u00e4hernd westliche Richtung f\u00fchrte. Auch dieser Zug war hoffnungslos \u00fcberf\u00fcllt, und es gestaltete sich \u00e4u\u00dferst schwierig, f\u00fcr uns drei Personen noch darin Platz zu finden. An Sitzpl\u00e4tze war gar nicht erst zu denken, Hauptsache erst einmal drin sein und hinter sich die T\u00fcre zu, man rappelte sich schon zurecht.<\/p>\n<p>Berlin erreichten wir am heraufd\u00e4mmernden n\u00e4chsten Morgen. Am Lehrter Bahnhof verlie\u00dfen wir die drangvolle Enge. Der Bahnhof wies die \u00fcblichen Bombensch\u00e4den auf, Dach und Fenster waren fortgerissen. Wir blickten in einen sch\u00f6nen Vorfr\u00fchlingshimmel. Unsere Mutter machte sich sofort auf, um Erkundigungen \u00fcber ein Weiterkommen einzuholen und etwas Essbares aufzutreiben, w\u00e4hrend Thea und ich bei unserem sp\u00e4rlichen Gep\u00e4ck im Wartesaal zwischen einer Menge Menschen zur\u00fcck- blieben. Es schien, als ob sich halb Deutschland auf Reisen begeben h\u00e4tte. Mutter erschien nach geraumer Zeit mit der Auskunft, gegen Abend ginge ein Zug nach Flensburg \u00fcber Kiel und Schleswig ab, und sie brachte ein ordentliches Paket Butterbrote und eine Sch\u00fcssel Malzkaffee, Muckefuck genannt, mit. Es dauerte unendlich lange, bis am Sp\u00e4tnachmittag der Zug nach Flensburg ausgerufen wurde. Wir machten uns sofort auf den Weg, um noch ein g\u00fcnstiges Pl\u00e4tzchen zu erhaschen. Auch jetzt wurde unser Optimismus entt\u00e4uscht, denn es erwarteten uns wieder von Menschen \u00fcberquellende Zugabteile. Pl\u00f6tzlich entdeckte Mutter ein Abteil mit einem Schild: \u201a<i>Deutsche Kriegsmarine \/ Dienstabteil\u2019<\/i>. Mutter \u00f6ffnete mit dem Mut einer Verzweifelten die Abteilt\u00fcr: niemand anwesend! Wir stiegen unverdrossen ein und harrten der Dinge, die da kommen k\u00f6nnten. Jedoch erschien keine uniformierte Amtsperson, um uns aus dem bequemen Abteil zu verweisen. Wieder dauerte es scheinbar unendlich, bis der Zug sich in Bewegung setzte. Wir verlie\u00dfen den Bahnhof, das Stadtgebiet und strebten dem Berliner Umland zu, und es gab Fliegeralarm. Am Himmel erschienen die uns bekannten untr\u00fcglichen Zeichen eines nahenden Bombenangriffs, Scheinwerferstrahlen, explodierende Flakgranaten, die bekannten Christb\u00e4ume, das sind die abgeworfenen Zielmarkierungen der angreifenden feindlichen Flugzeuge. Wir befanden uns jedoch bereits in sicherer Entfernung, der Zug verlangsamte seine Fahrt und hielt dann vollst\u00e4ndig an. Nachdem wir diesem beklemmenden Schauspiel etwa eine Stunde lang zuschauen durften, war das Spektakel beendet, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Wir gaben uns einer immer noch ungest\u00f6rten Ruhe hin und erwachten erst wieder, als wir in aller Fr\u00fche des folgenden Tages Kiel erreichten.<\/p>\n<p>Hier f\u00fchlten wir uns vor den Kampfhandlungen der Ostfront in Sicherheit und konnten uns in Ruhe der Suche nach einem weiteren Verbleib widmen.<\/p>\n<p><b>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/b><span style=\"font-size: small\"><em><strong><a href=\"https:\/\/unser-quartier.de\/habitare-secum\/zeitzeugenarbeit\/zeitzeugen-stellen-sich-vor-2\/\">(Erinnerungen K.H.RU \/ Auszug aus Kapitel 2: Kindheit)<\/a><\/strong><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wegen der schlimmen Erfahrungen aus den Bombenangriffen auf unsere Heimatstadt Duisburg, insbesondere dem Dreifachangriff vom 14.\/15. 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