Buchempfehlungen

von Elisabeth Sternberg

Buchempfehlung von Elisabeth Sternberg. Heute: Brautbriefe Zelle 92, Dietrich Bonhoeffer / Maria von Wedemeyer 1943 – 1945

Der November ist vielleicht ein guter Monat, um sich mit Briefen zu beschäftigen. Wann haben Sie Ihren letzten Brief mit der Hand geschrieben? Für lange Abende kann es eine stille, intensive Beschäftigung mit uns selbst und der angesprochenen Person sein.

Ich schlage hier eine Briefsammlung vor, die manchem von Ihnen vielleicht bekannt ist, für alle anderen aber kann das Buch eine wunderbare Entdeckung sein:

Es handelt sich um den Briefwechsel zwischen dem 37jährigen Theologen Dietrich Bonhoeffer und seiner 18jährigen Braut Maria von Wedemeyer. Er beginnt mit seiner Verhaftung in das Militärgefängnis Berlin-Tegel – die beiden werden sich nicht mehr in Freiheit sehen, Bonhoeffer wird 1945 hingerichtet. Damit Sie sich etwas in die Nähe und Liebe der beiden einfühlen können, hier ein Zitat vom Anfang und Ende eines Briefes von Maria an ihren Dietrich vom 9.8.43:

Mein sehr lieber Dietrich!
Endlich ist es still geworden im Haus. Ich habe die Fenster geöffnet und die tiefe, blaue Nacht zu mir hereinströmen lassen. Alle meine Gedanken wandern nun ungehindert zu Dir. Vielleicht erzählen sie Dir einen schönen Traum, vielleicht streicheln sie Dir auch nur leise die Hände und sagen Dir damit mehr, als Worte sagen können….. -……
Und nun muss ich Dir noch einmal und immer noch mehr danken für Deinen Brief….. Es ist so schön zu denken, dass er grade noch bei Dir war.- Ach, könnte ich mich doch auch einmal als Brief verschicken lassen! Aber ich bin ja auch so bei Dir, nicht nur mit meinen Gedanken, sondern mit meinem ganzen Herzen.
Ich hab Dich lieb, Deine Maria.“

Vielleicht verspüren Sie nach diesen berührenden Zeilen nun den Wunsch, mehr von diesen Briefen zu lesen (oder sich auch nach langer Zeit noch einmal mit ihnen zu beschäftigen). Vielleicht sind sie aber außerdem der Anlass, mal wieder zum Stift zu greifen, um mit einem handgeschriebenen Brief in den trüben Novembertagen jemandem eine Freude zu bereiten!

C.H. Beck Verlag ISBN: 978-3-406-54440-8 Preis: 18 €

gebundene Sonderausgabe zum 100sten Geburtstag Bonhoeffers 2006

C.H. Beck Verlag ISBN: 978-3-406-68518-7 Preis: 14,95 €

In der Stadtbibliothek vorhanden

P.S.: Ein kleiner Nachtrag zur letzten Buchempfehlung: Das Buch von Alissa Walser, „Am Anfang war die Nacht Musik“ kam unter dem Titel „Licht“ ins Kino. Ich habe ihn gesehen und war sehr angetan! Als DVD zu kaufen und in der Stadtbibliothek auszuleihen.

Buchempfehlung von Elisabeth Sternberg. Heute: Alissa Walser, Am Anfang war die Nacht Musik

Eine junge Pianistin, ein Arzt und eine neue medizinische Heilmethode

Anfang Oktober hörte ich in einer Live-Übertragung aus der Philharmonie ein Konzert, in dem ein ungewöhnliches Instrument die Hauptrolle spielte: die Glasharmonika.

Ich erinnerte mich an eine besondere Leseerfahrung, zog das Buch aus meinem Regal, und las es erneut. Hauptthema ist allerdings nicht die Glasharmonika, sondern: hier der Inhalt (Zitat vom hinteren Bucheinband):

„Wien, 1777. Franz Anton Mesmer, der wohl berühmteste Arzt seiner Zeit, soll das Wunderkind Maria Theresia Paradis heilen, eine blinde Pianistin und Sängerin. In ihrer hochmusikalischen Sprache nimmt Alissa Walser uns mit auf eine einzigartige literarische Reise. Ein Roman von bestrickender Schönheit über Krankheit und Gesundheit, über Musik und Wissenschaft, über die fünf Sinne, über Männer und Frauen oder ganz einfach über das Menschsein.“

Der Arzt Mesmer erhoffte sich Ruhm und Ehre für seine neue Methode, doch das Gegenteil trat ein: er entfesselte in der Fachwelt einen Skandal, seine „magnetische Methode“, auch „animalischer Magnetismus“ genannt, wurde als esoterisches Getue abgetan. Sie wird auch „Mesmerismus“ genannt und oft im Zusammenhang mit Hypnose und verwandten Praktiken erwähnt.

Der literarische bzw. sprachliche Stil des Buches ist gewiss etwas gewöhnungsbedürftig, da alles in indirekter Rede geschrieben ist, aber es ist lohnenswert, der Geschichte um den Arzt und seiner Patientin zu folgen.

Ja, und wo bleibt die Glasharmonika?

Ein Instrument mit fast sphärischen Klängen, Mesmer liebte es – Mozart komponierte sogar zwei Stücke für sie. Erst langsam ist sie wieder ab und an zu hören.

(Wer mehr wissen will: Abbildungen etc. im Internet unter Wikipedia.org)

Piper Taschenbuch 2011, ISBN: 978-3-492-27202-5, 11 €

Hörbuch: 978-3869520292 (6 CDs) (Preis uneinheitlich)

In der Stadtbibliothek vorhanden, auch als Hörbuch

Buchempfehlung von Elisabeth Sternberg. Heute: Zwei Bücher über Bücher

Es ist die Zeit der Frankfurter Buchmesse, und aus diesem Anlass stelle ich hier einmal zwei Bücher über Bücher vor:

Petra Hartlieb, Meine wundervolle Buchhandlung

Die Geschichte einer Frau, die Knall auf Fall mit ihrem Mann eine Buchhandlung in Wien kauft! Sie kündigt ihren Job, auch der Ehemann lässt sich auf das Abenteuer ein, und es geht los von Hamburg nach Wien.

Lebendig und humorvoll erzählt Hartlieb vom Auf und Ab des risikoreichen Unterfangens, von ihrer Begeisterung für Bücher, aber auch über die Schwierigkeiten, die sich in einer Buch“handlung“ ergeben. Es ist eben nicht alles so romantisch, wie sich manche Leute das Leben in einem Buchladen vorstellen.

Die SZ schreibt: „Eine Liebeserklärung an die Literatur, deren Autoren und an alle begeisterten Leser“.

DuMont Taschenbuch 2015 ISBN: 978-3-8321-6343-3, 9,99 €. In der Stadtbibliothek vorhanden

Burkhard Spinnen, Das Buch

Eine Hommage

mit Illustrationen von Line Hoven

Ein Buch, das mit Pferden beginnt, und man fragt sich: was soll das? Das aber dann schnell die Kurve kriegt und es durchaus eine Verbindung gibt vom Pferd zum Buch. Der Autor, mit mehreren Preisen für seine literarische Arbeit ausgezeichnet, lässt uns teilhaben an seiner Liebe zum gedruckten Buch. Er verteufelt die digitale Version eines Textes nicht, schreibt aber über all die wunderbaren und beglückenden Momente, die er mit bedrucktem Papier erlebt.

Es geht um große und kleine, richtige und falsche, um verliehene und verschenkte, verlorene und gefundene Bücher, um das Sammeln von Büchern und das Leben mit ihnen.“ (Klappentext)

Schöffling & Co. 2016, Hardcover, ISBN: 978-3-89561-046-2, 15 €. In der Stadtbibliothek vorhanden

Buchempfehlung von Elisabeth Sternberg. Heute: Elizabeth von Arnim, Die Reisegesellschaft

Eine ungewöhnliche Reise mit Pferd und Wohnwagen um die Jahrhundertwende

Die Herbstferien haben begonnen, und manch eine/r ist wieder unterwegs. Vielleicht ist noch Platz im Koffer für ein höchst amüsantes Taschenbuch – bei schlechtem Wetter ein großer Trost!

Von Mark Twain hatte ich Ihnen schon einmal ein Reise-Buch ans Herz gelegt – diesmal ist es Elizabeth von Arnim (1866 – 1941), mit der Sie ein paar vergnügliche Stunden verbringen können. Die Autorin wird einigen bekannt sein, nicht zuletzt vielleicht durch die Verfilmung ihres Buches „Verzauberter April“ (1922).

In der „Reisegesellschaft“ (1909) machen sich Baron Otto von Ottringel und seine Frau Edelgard mit Freunden und weiteren Gefährten auf eine Reise mit Pferd und Wohnwagen durch Englands Süden/Sussex. Von Ottringel ist ein Chauvinist erster Güte, dazu von äußerster Sparsamkeit. Preußisches Junkertum, Dünkelhaftigkeit und Borniertheit sind seine hervorstechenden Eigenschaften. Edelgard als getreue Gattin nimmt ihn so, wie er halt ist, beginnt auf der Reise aber immer mehr mit feiner Ironie und Spott seiner Humorlosigkeit zu begegnen.

Spitzzüngig, witzig und außerordentlich vergnüglich begleitet von Arnim die heterogene Reisetruppe auf ihrer Reise durch Englands Süden.

(Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass dieses Buch nach Erscheinen das Geschäft der Wohnwagenvermieter ankurbelte!)

Eine bissige Satire und großer Lesespass!

Erhältlich als Insel-Taschenbuch für 11 €

In der Stadtbibliothek nur digital verfügbar/ausleihbar.

Buchempfehlung von Elisabeth Sternberg. Heute: Jürgen Teipel, Mittagsschlaf mit Murmeltier

Untertitel: Erstaunliche Beziehungsgeschichten zwischen Tier und Mensch

Heute empfehle ich Ihnen einmal ein „Tierbuch“: ein Geschichtenbuch sowohl für Menschen, die Tiere nur aus gelegentlichen Zoobesuchen kennen, als auch für wahre Tierliebhaber.

Das Buch ist ein ganz besonderes „Juwel“: Leute aus der Schweiz und Deutschland erzählen authentische Geschichten in ihrer je eigenen Sprache über ganz besondere Beziehungen, die sie mit einem Tier haben oder hatten – seien es Schwein, Pinguin, Falke, Huhn etc. oder eben ein Murmeltier.

Der Autor hat mit den Menschen Gespräche geführt, ihre Geschichten gesammelt und aufgeschrieben. Er lässt uns teilhaben an erstaunlichen und unglaublichen Begegnungen, die wir lesen und uns die Augen reiben – kaum zu glauben, was wir da lesen!

Die Autorin Karen Duve: „Ein großartiges Buch. Anrührend und ganz ungewöhnlich.“

dtv Klappenbroschur 2021, ISBN: 978-3-423-26290-3, 16,90 €

In der Stadtbibliothek vorhanden

Buchempfehlung von Elisabeth Sternberg. Heute: Wolfgang Büscher, Heimkehr

Ein Mann, eine Waldhütte und viele gute Gedanken…

Meine letzte Buchempfehlung vor der Urlaubssaison im Juni handelte von einer jungen Frau, die mit dem Fahrrad und Büchern im Gepäck auf eine Reise durch Deutschland fährt.

Nun geht es um jemand, der zurückkommt – allerdings handelt es sich um eine ungewöhnliche Rückkehr: ausgehend von einem Bild aus Kindertagen und die Erinnerung an den – vom Förster vereitelten – Bau einer Waldhütte, macht sich der Autor auf den Weg und bleibt vom Frühjahr bis Herbst in einer Waldhütte nahe seiner Heimatstadt Kassel.

Mit Wolfgang Büscher leben wir in und mit dem Wald und erleben die Umgebung auf eine ganz direkte und intensive Weise, verwoben mit Erinnerungen an das Leben außerhalb seines Refugiums.

Der Autor (Jahrgang 1951) ist für seine Reiseliteratur mehrfach ausgezeichnet worden; das Besondere an seiner Prosa ist seine innere Reflexion über sein Sehen und Erleben, manchmal in fast lyrischen Bildern!

Ich lege Ihnen diese sehr lohnenswerte Buch ans Herz – Sie werden Freude daran haben!

Rowohlt Verlag (Mai 2020), 22 € – leider noch nicht als Taschenbuch, in der Stadtbibliothek vorhanden

Ausnahmsweise stelle ich im Zusammenhang mit einer Waldhütte ein weiteres Buch vor:

H.D. Walden, Ein Stadtmensch im Wald

Ich erwähne diese Buch deshalb, weil auch hier ein Mensch für längere Zeit in eine Hütte im Wald zieht – aber das ist auch das einzig Verbindende: denn die Erfahrungen, das Leben in und mit Flora und Fauna, auch die schriftstellerische Umsetzung sind völlig verschieden.

Der Beginn des Buches: „Als die Seuche ausbrach, zog ich mich ins Ruppiner Wald- und Seengebiet zurück.“ (Seuche = Corona!)

Auch für dieses Buch meine herzliche Empfehlung!

(H.D. Walden ist das Pseudonym des Schweizer Autors Linus Reichlin. Er bezieht sich damit auf das berühmt gewordene Buch von H.D. Thoreau „Walden oder das Leben in den Wäldern“ (USA 1854), sozusagen ein Klassiker der Aussteigerliteratur, es wird immer noch nachgedruckt und ist u.a. als Taschenbuch lieferbar.)

Galiani-Verlag (2021), 14 €, nicht als Taschenbuch, in der Stadtbibliothek vorhanden

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