Neues aus dem Lesekreis 55plus

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Datum 05. März 2021

Wolfram Reutlinger lädt Sie zu einem geplanten Zoom-Meeting ein.

Thema: Mein Meeting
Uhrzeit: 30.März.2021 19:00
Klicken Sie den nachstehenden link einfach mit Doppelklick an –
am 30.3. ab ca 18:50 Uhr

Zoom-Meeting beitreten

Meeting-ID: 650 967 6193
Kenncode: DJf6JS

Liebe Lesefreunde,

nachdem wir uns ganze vier Monate lang nicht treffen konnten, ist jetzt am Dienstag ein kleiner neuer Anfang gelungen: wir haben uns in einer Videokonferenz zusammengefunden! Das hat trotz einiger technischer Hakeleien gut geklappt. Falls Corona uns weiterhin an der realen persönlichen Begegnung hindert – und so sieht es derzeit aus – wollen wir dieses Format auch für unser nächstes Treffen am 30. März nutzen.

Vielleicht können die Teilnehmer, die keinen Internet-Zugang haben, ja bei einer Kollegin oder einem Kollegen mit PC/Tablet/Smartphone „Asyl“ erhalten und an der Videokonferenz teilnehmen. Das ist mit gebotenem Abstand und ggf. Maske möglich und zulässig.

Daher geht dieses Schreiben auch als Papierbrief wieder allen zu.

Was haben wir am 2.3. besprochen? Alle haben ein oder mehrere Bücher empfohlen und kurz vorgestellt. Ich versuche hier eine Wiedergabe.

Gabriele Niephaus:

  • Julia Schiff, Steppensalz; 244 S., verlag@ikgs, 8.- Euro.  Julia Schiff wurde 1940 in Detta, im rumänischen Banat geboren. Ihre Vorfahren sind deutsche Siedler aus Lothringen und dem Saarland. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt sie, wie Angehörige der deutschen und ungarischen Minderheit zu Staatsfeinden erklärt werden. Im Alter von elf Jahren wird Julia Schiff mit ihrer Familie in die Bărăgan-Steppe verschleppt; 1956 dürfen sie in ihre Heimat zurückkehren. 1981 entscheidet sich die Familie für die Aussiedlung nach Deutschland.Wir erinnern uns vielleicht an den Roman Atemschaukel von Herta Müller, die ebenfalls aus dem Banat stammt und die Deportation von Oskar Pastior nacherzählt.

Gudrun Krispin:

  • Peter Scholl-Latour, Afrikanische Totenklage, Der Ausverkauf des Schwarzen Kontinents; C. Bertelsmann Verlag, München 2001, 472 S.
    Scholl-Latour zieht Bilanz seiner aktuellen Reisen ins “Herz der Finsternis. Er beschreibt die sozialen und kulturellen Hintergründe, die ein friedliches Leben erschweren, und er nennt die Verantwortlichen: vor allem die westlichen Industrienationen. Er entlarvt Hilflosigkeit und Desinteresse einerseits sowie skrupellose Ausbeutung der wertvollen Rohstoffe andererseits. Klar wird: Heute, in der postkolonialen Zeit, sind es die gewaltigen Konsortien sowie die Mineral- und Erdölgesellschaften, die das Sagen haben.Viele Rezensenten werfen ihm Oberflächlichkeit vor und loben einen früheren Bericht Mord am großen Fluss (1986), der wesentlich besser recherchiert sei.

Doris Lehmann:

  • Sandra Lübkes, Die Schule am Meer, Kindler 2020, 569 S.Reformpädagogik auf Juist. Sie hat nur neun Jahre bestanden, aber mit ihrer reformpädagogischen Ausrichtung die Landschulbewegung beispielhaft geprägt. Juist, 1925: Tatkräftig und voller Ideale gründet eine Gruppe von Lehrern am äußersten Rand der Weimarer Republik ein ganz besonderes Internat. Mit eigenen Gärten, Seewasseraquarien und Theaterhalle. Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft: die jüdische Lehrerin Anni Reiner, der Musikpädagoge Eduard Zuckmayer, der zehnjährige Maximilian, der sich mit dem Gruppenzwang manchmal schwer tut, sowie die resolute Insulanerin Kea, die in der Küche das Sagen hat. Doch das Klima an der Küste ist hart in jeder Hinsicht, und schon bald nehmen die Spannungen zu zwischen den Lehrkräften und mit den Insulanern, bei denen die Schule als Hort für Juden und Kommunisten verschrien ist. Im katastrophalen Eiswinter von 1929 ist die Insel wochenlang von der Außenwelt abgeschlossen. Man rückt ein wenig näher zusammen.

Sabine Gubbels:

  • Sabine Weiß, Die Wachsmalerin. List 2010, 400 S.Marie Tussaud ist auf Tournee in England, als der Krieg mit Frankreich ausbricht (1802). Alle Häfen werden geschlossen, sie kann nicht zurück nach Paris. Nach vielen abenteuerlichen Jahren als reisende Schaustellerin gründet sie schließlich in London ihr berühmtes Wachsfigurenkabinett. Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, spannend und mitreißend erzählt. Es gibt noch eine Fortsetzung: Das Kabinett der Wachsmalerin
  • Carsten Jansen, Wir Ertrunkenen. Penguin, 816 S.Alles beginnt 1848, als der Seemann Laurids Madsen in den Himmel fliegt und unversehrt wieder zur Erde zurückkehrt – der Tod habe ihn noch nicht gewollt. Irgendwann verschwindet Laurids dann auf den Weltmeeren, und sein Sohn Albert macht sich auf den Weg in die Südsee, um seinen Vater zu suchen. Als er zurückkommt, weiß er, dass im neuen Jahrhundert die Zukunft in den Frachträumen der großen Segelschiffe liegt: Von Marstal aus sollen noch mehr Schiffe in See stechen. Doch Albert hat nicht mit den Frauen gerechnet. Sie hassen das Meer, das ihnen ihre Männer und Söhne genommen hat und immer wieder nimmt. Eine von ihnen eröffnet den Kampf.
  • Hendrik Groen, Lieber Rotwein als Tot sein. Piper, 320 S.
    Den eigenen Tod inszenieren und dann ab in die Toskana? Zu früh gefreut!Als sein Chef sich mit großem Bedauern von ihm verabschiedet, steht für Arthur Ophof fest: So kann es nicht weitergehen. Dreiundzwanzig Jahre im Toilettenpapiervertrieb, im Reihenhaus eines Örtchens nahe Amsterdam, in der Ehe mit seiner lieben, sanften, verständnisvollen Frau Afra – damit ist jetzt Schluss. Und so stirbt Arthur. Natürlich nicht wirklich, vielmehr fädelt er ein, was es für ein plausibles Ableben einzufädeln gilt. Aus Arthur Ophof wird Luigi Molima. Nur hat er die Rechnung ohne Afra gemacht …
    »Eine Geschichte voller Herz, die mich mit ihrem selbstironischen Humor, tollen Figuren und wichtigen Themen begeistert hat. Wer hofft, in Würde alt zu werden, findet hier vieles, worüber es sich nachzudenken lohnt.« Graeme Simsion über Hendrik Groens Tagebücher

Michael Scholz:

  • Claus Peter Hertzsch, Die Stärken des Schwachen. Erinnerungen an eine   gefährliche Zeit. Radius Stuttgart 2012, 120 S.
    Hertzsch, 1930 in Jena geboren, praktischer Theologe, der in der DDR in der Friedensbewegung aktiv war. Er schildert in einem Nachtrag zur Autobiographie »Sag meinen Kindern, dass sie weiterziehn«, eine Detailaufnahme der Nazi-Zeit, die für den Autor tödlich hätte enden können…

Inge Jennerwein:

  • Juli Zeh, Leere Herzen. Luchterhand 2017, 350 S.
    So wie Juli Zeh im Corpus delicti von 2009 in der dort beschriebenen „Gesundheitsdiktatur“ Tendenzen und Ausprägungen der Corona-Epidemie vorweggenommen hat, stellt sie in Leere Herzen die abweichendes Verhalten überwachende „demokratische Mehrheitsdiktatur“ der Besorgte Bürger Bewegung im Jahr 2025 zur Diskussion. Die zynische, angepasste brave Bürger verachtende Protagonistin verdient ihr Geld mit der Vermittlung von Suizidgefährdeten für Terroranschläge an islamische und radikale Umweltorganisationen.

Fouad Filali

  • beschäftigt sich lieber mit Sachberichten Dokumentationen und Reportagen als mit Romanen. Er empfiehlt Eckhart v. Hirschhausens Wunder wirken Wunder, in dem der Autor der Frage nachgeht, wie weit neben der klassischen „Schulmedizin“ der Glauben und die Magie zur Gesundung beiträgt.

Wolfram Reutlinger:

  • rät davon ab, das neueste Werk von Jonas Jonasson, Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten, zu erwerben. Es wiederholt das Rezept es erfolgreichen Erstlings, bleibt aber fade und ohne Pfiff.
  • Empfohlen werden dagegen Hans Pleschinski, Am Götterbaum. C.H.Beck 2021, 280 S. Eine Stadtbaurätin, eine Bibliothekarin und eine preisgekrönte Schriftstellerin wandeln und schleppen sich durch das mit antikisierenden Monumenten dekorierte München auf dem Weg zu einer verfallenden Villa. Hier lebte im ausgehenden 19. Jh. Paul Heyse, längst vergessener Dichter, Novellen, Romane und Theaterstücke schreibender erster deutscher Literaturnobelpreisträger. Die Stadträtin möchte aus dem abblätternden Kleinod ein strahlendes Weltkulturzentrum machen, die Schriftstellerin kann mit dem verseschmiedenden (angeblichen) Heile-Welt-Dichter gar nichts anfangen und die Ski-verunfallte Bibliothekarin versucht humpelnd zu schlichten, kann sie doch als einzige Erhellendes aus Werk und Leben des zu Ehrenden beisteuern. Dem femininen Trio gesellt sich ein deutsch-amerikanischer Paul-Heyse-Experte mit seinem deutlich jüngeren Ehemann zu. In gutem Stil amüsant und kundig geschrieben, ein gediegenes Lesevergnügen.
  • Zwei weitere Empfehlungen mit regionalem Bezug:
  • Das Lesebuch Inge Meyer-Dietrich, Nylands Kleine Westfälische Bibliothek 99, 155 S. Mit Gedichten und Geschichten der in Bochum aufgewachsenen Autorin. Klare, flüssige Sprache, knappe, präzise Beschreibungen. Sie schreibt überwiegend für Kinder und Jugendliche.
  • Ralf Rothmann, Milch und Kohle. Büchergilde Gutenberg 2019, 216 S. Wie fast alle Büchergilde-Ausgaben ein bibliophiles Meisterstück über eine Jugend im Ruhrgebiet der ausgehenden 60ger Jahre. Die stimmigen Illustrationen von Jörg Hülsmann geben das Leben neben der Zeche eindrucksvoll wieder.
  • Ein heiterer Buchtipp zum Schluss: Carsten Dusse, Achtsam Morden und die Fortsetzung Das Kind in mir will achtsam morden. Heyne 2019 und 2020, 416 u. 479 S. Es gibt inzwischen noch einen 3. Band dieser witzig-ironischen Reihe (Am Rande der Welt). Fesselnd und unterhaltsam.

So, das war’s. Keine Angst, Sie brauchen das nicht alles zu lesen. Aber vielleicht machen die Tipps ja Lust, ein Buch von der Empfehlenden auszuleihen oder sogar selbst zu erwerben. Bis auf die Bücher von Herzschke,

Pleschinski und Rothmann sind m.W. alle Werke preiswert oder gebraucht zu kaufen; das eine oder andere wird auch in der Bibliothek vorrätig sein.

Vielleicht können wir beim nächsten Treffen am

Dienstag, dem 30 März, um 19:00 Uhr

Zoom-Meeting beitreten

ja einen kurzen Abschnitt aus dem inzwischen Gelesenen vortragen.

Ich freue mich auf Ihre Teilnahme und grüße Sie herzlich

 

Ihr Wolfram Reutlinger