Alle Beiträge von Wolfram Reutlinger

Neues aus dem Lesekreis 55plus

Alexas_Fotos / Pixabay
Moers, 28.02.2019

Liebe Lesefreunde,

ob die Möhnen, die sich heute an Altweiberfastnacht als furchtlose, Freude verbreitende fröhliche Menschen präsentieren, sich bis Ende des Monats in grauenerregende rachsüchtige mitleidlose Erinnyen verwandeln, den Furien der Antike?

Wir wissen es nicht, entdecken bei genauerem Hinschauen aber durchaus Elemente, die uns Herr Weinbrenner letzten Montag in seiner Analyse von Kriminalroman und Thriller beschrieben hat. Wir haben gelernt, dass Krimi und Thriller von ihrem „Unterhaltungswert“ leben. Dieser speist sich aus dem Außergewöhnlichen, dem Unerwarteten, das in unsere gewohnte Welt einbricht, dem Verbrechen. Heute, wo (fast) alles geregelt, abgesichert und vorhersehbar ist, stellt ein Mord diese Sicherheit in Frage, weckt Ängste und schafft in den Figuren der Helden Raum für unerfüllbare und verdrängte Wünsche. „Die Reizlust und Angstlust der Kulturmenschen wird in der Fiktion geweckt“.

Während im traditionellen Krimi der unauffällige Normalbürger, angesehene Unternehmer oder korrekte Bedienstete (Gärtner, Butler) vom scharfsinnigen Detektiv als Verbrecher enttarnt werden, präsentieren sich unsere Karnevalsdamen in der Möhnenmaske als hässliche Hexen und Ungeheuer aus mythischer Vorzeit, besonders  eindrucksvoll zu erleben in der alemannischen „Fasnet“. Der Entdeckungsreiz besteht hier in der Enthüllung/Entzauberung eines bösen Dämons in ein liebenswertes Geschöpf unserer „Normalwelt“.

Schauen wir uns die antiken Erinnyen an, so finden wir hier vor allem Elemente des Thrillers, z.B. in der Orestie. Auch hier steht das Verbrechen (die Tötung/Opferung des Kindes, der Gattenmord) am Anfang, der Verbrecher ist jedoch bekannt und es geht im Verlauf der Handlung „action-reich“ um seine Ergreifung und Bestrafung. Die antike Erzählung bedient sich dabei noch des zusätzlichen Tricks, den Verfolger selbst schuldig und zum wiederum gejagten Verbrecher werden zu lassen.

Zurück zum klassischen Krimi:

  • Am Anfang ein Mord
  • Überschaubare Anzahl an Akteuren
  • Ein schlauer Detektiv (Sherlock Holmes, Poirot) mit (dümmlichem) Assistenten („My dear Watson“)
  • Keine breite Liebesgeschichte oder psychologische Analysen
  • Keine politischen oder gesellschaftlichen Probleme
  • Täuschung der Verdächtigen, aber rationale und nachvollziehbare Aufklärung
  • Große Schlussszene mit Überführung des Täters.

Wir haben schon bei Irene Scharenbergs „Gefährliche(n) Gifte(n)“ festgestellt, wie sich heutige Krimis aus diesem Schema lösen. In Herrn Weinbrenners Bestenliste der Bücherei-Ausleihungen wurde die breite Vielfalt der heutigen Krimi-Thriller Gattung deutlich: Frauen als Ermittler, Regional- und Länderkrimis, historische, politische, Psycho-Thriller, Fantasy-Elemente ….

Wir haben überlegt, was wir demnächst lesen wollen und haben uns entschieden, Herrn Weinbrenners Empfehlung zu folgen und uns auf Bücher zu einigen, die als (preiswertes) Taschenbuch erhältlich sind und nicht mehr als 300 Seiten umfassen, mit folgendem Ergebnis:

  • Ferdinand von Schirach, Der Fall Collini, 208 S., 10.- Euro
  • Juli Zeh, Corpus Delicti, 272 S., 10.- Euro

Beide Bücher gibt es auch antiquarisch noch preiswerter z.B. bei booklooker.de, ZVAB.com oder über Amazon.de. Es wäre schön, wenn Sie bis zum nächsten Lesekreis am

Montag, dem 25. März 2019, um 19 Uhr im Gemeindehaus

eins dieser Bücher  lesen könnten (kein Zwang!), damit wir zusammen darüber sprechen können.

Hierauf freut sich und grüßt Sie herzlich

Ihr Wolfram Reutlinger