{"id":13128,"date":"2021-11-26T12:12:28","date_gmt":"2021-11-26T11:12:28","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-quartier.de\/oberhausen\/?p=13128"},"modified":"2021-11-27T10:00:07","modified_gmt":"2021-11-27T09:00:07","slug":"am-lebensabend-ins-pflegeheim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-quartier.de\/oberhausen\/2021\/11\/am-lebensabend-ins-pflegeheim\/uwiemann\/","title":{"rendered":"Senioren  sollen ihren Lebensabend in der Familie verbringen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sind die Altenheime noch zeitgem\u00e4\u00df?<\/strong><\/p>\n<p>Am Lebensabend ins Pflegeheim? F\u00fcr die meisten Deutschen eine Horrorvorstellung, ihr ganzes Leben aufgeben zu m\u00fcssen. Trotzdem werden immer neue Einrichtungen gebaut, obwohl es l\u00e4ngst anders ginge.<\/p>\n<p>Stellen Sie sich vor: Morgen fr\u00fch wachen Sie auf, und pl\u00f6tzlich k\u00f6nnen Sie Ihr Bein und Ihren Arm nicht mehr bewegen, nicht mehr aufstehen, vielleicht sogar nicht mehr sprechen, Schlaganfall. Sie werden sofort ins Krankenhaus eingeliefert, doch die \u00c4rzte sagen: Das war&#8217;s, Ihr Zustand ist irreversibel, finden Sie sich damit ab. Sie k\u00f6nnen ab sofort rein gar nichts mehr ohne Hilfe tun. Sie brauchen einen\u00a0 Rollstuhl Sie k\u00f6nnen sich keinen Pullover mehr \u00fcber den Kopf ziehen, noch nicht einmal mehr zur Toilette gehen. Vielleicht leben Sie allein, vielleicht wollen Sie Ihre Kinder nicht damit behelligen, sich ab sofort um Sie k\u00fcmmern zu m\u00fcssen. Also: Pflegeheim.<\/p>\n<p>Ihr Leben findet ab sofort auf f\u00fcnfzehn (15) Quadratmetern statt, Ihrem Heimzimmer. Also kommt jemand, vielleicht ein Entr\u00fcmpler, und r\u00e4umt Ihre Altbauwohnung aus. Ihre geliebte Porzellansammlung? Die M\u00f6bel, die Sie nach und nach, vielleicht m\u00fchevoll zusammengestellt haben? Die Bilder an den W\u00e4nden? Zu viel, zu sperrig. Die teure Hi-Fi-Anlage? W\u00fcrde vielleicht ins Zimmerchen passen. Aber laut aufdrehen, das geht wohl nicht im Altenheim. <strong>Das ganze Leben, aufgel\u00f6st.<\/strong><\/p>\n<p>Dann kommen die \u00c4ngste, man hat so viel gelesen schon, dass die Menschen in den Heimen oft unterern\u00e4hrt seien, manche regelrecht ausgetrocknet, weil den Pflegern die Zeit fehle, beim Trinken zu helfen. Dass Menschen im eigenen Kot liegen gelassen w\u00fcrden, weil v\u00f6llig \u00fcberlastete Pfleger es einfach nicht schneller schafften, die Inkontinenzeinlagen zu wechseln. \u00dcberforderung, Gewalt auf beiden Seiten, Ruhigstellung mit Pillen. Wird Ihr Heim eines dieser schlechten Heime sein, in dem das Personal derart schlampig geplant wird, dass es zu all diesen Missst\u00e4nden kommt? Oder wird es ein gutes sein, in dem genug Zeit f\u00fcr alles da ist, in dem liebevoll gepflegt wird? <strong>Sie wissen es nicht.<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Bewertungen, ja, es gibt Pflegenoten und jede Menge Aufseher unterschiedlichster Institutionen, die regelm\u00e4\u00dfig Dienstpl\u00e4ne und vieles andere \u00fcberpr\u00fcfen. Doch gleichzeitig wei\u00df man mittlerweile, dass all diese Pr\u00fcfsysteme in Deutschland oft genug versagt haben, und in makellos erscheinenden Heimen in Wahrheit skandal\u00f6se Zust\u00e4nde herrschten. Das Pflegeheim ist eine Blackbox.<\/p>\n<p>Selbst wenn Sie ein gutes Heim erwischen sollten: Werden Sie sich dort wohlf\u00fchlen, T\u00fcr an T\u00fcr, Tisch an Tisch mit all den Fremden, die ab sofort ihre Wohngruppe bilden, mit denen Sie aber rein gar nichts gemein haben au\u00dfer ihrer k\u00f6rperlichen Einschr\u00e4nkung? Werden Sie mit dem Statusverlust klarkommen, damit, gestern vielleicht noch Hochschuldozentin gewesen zu sein, Consultant oder Anw\u00e4ltin &#8211; und heute von einer 20-j\u00e4hrigen Pflegesch\u00fclerin den Takt vorgegeben zu bekommen, die in Ihnen einfach eine tattrige Omi sieht und schlimmstenfalls mit Babystimme zu Ihnen spricht? Aufstehen und waschen, wenn die Pflegerin Zeit hat?<\/p>\n<p><strong>Sie sind ausgeliefert.<\/strong> Das Altenheim ist ein angstbesetzter Ort. Neun von zehn Deutschen, ergab erst j\u00fcngst wieder eine Umfrage des Bayerischen Rundfunks, f\u00fcrchten sich davor.<\/p>\n<p><strong>Es ist an der Zeit, eine grundlegende Systemfrage zu stellen: Hat das Modell Altenheim ausgedient?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt einen Mann, der schon seit Jahren die Abschaffung der Heime fordert, der bekannte Hamburger Psychiater Klaus D\u00f6rner. Wer alte Menschen dorthin abschiebt, argumentiert er, verletzte ihre Menschenrechte. Schlie\u00dflich, findet D\u00f6rner, w\u00fcrden die Alten dort abgeschottet, segregiert, aus den Familien herausgel\u00f6st. Die Geschichte gibt ihm recht: Altenpflegeheime waren urspr\u00fcnglich eine Weiterentwicklung der Armenh\u00e4user und Siechenh\u00e4user des 19. Jahrhunderts, in die jene am Lebensende mussten, die weder Geld noch Familie hatten. Damals allerdings gab es die heutigen Sozialsysteme noch nicht, die doch eigentlich verhindern sollen, dass Kranke und Schwache aus dem Sichtfeld genommen werden. D\u00f6rner ist ein Radikaler, viele in der Branche nehmen ihn nicht ernst. Dabei ist sein Gedanke, die vollstation\u00e4re Pflege abzuschaffen, alles andere als abwegig, finden auch immer mehr Pflegewissenschaftler. Zumindest f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Pflegebed\u00fcrftigen.<\/p>\n<p><strong>Die deutsche Pflegeversicherung<\/strong><\/p>\n<p>Die Idee, die hinter der deutschen Pflegeversicherung (SGB XI) sei 1995 steht, ist die: Die Leistungen sollen den Pflegebed\u00fcrftigen helfen, ein m\u00f6glichst selbstst\u00e4ndiges und selbstbestimmtes Leben zu f\u00fchren, das der W\u00fcrde des Menschen entspricht. So steht es im Sozialgesetzbuch, und folgerichtig m\u00fcsste das Heim als Endstation eines Lebens die absolute Ausnahme sein. Eine nur f\u00fcr die allerschwersten F\u00e4lle. Jene zum Beispiel, die komplett bettl\u00e4gerig sind, mehrmals am Tag von mehreren starken Armen umgebettet werden m\u00fcssen, damit sie sich nicht wundliegen. Oder jene, die rund um die Uhr von Maschinen beatmet werden m\u00fcssen. Trotzdem leben momentan fast zwei Millionen Menschen in einer solchen Einrichtung, viel zu viel, nimmt man den Grundsatz, vom selbstbestimmten Leben beim Wort. In welchem Heim kann man schon selbst entscheiden, was man essen m\u00f6chte, wie laut man Musik h\u00f6rt, wohin man spazieren f\u00e4hrt? Und trotzdem werden immer weiter neue Heime gebaut. Es gibt daf\u00fcr Kredite von der KfW und F\u00f6rdergelder von den Bundesl\u00e4ndern. Davon profitieren auch <span style=\"text-decoration: underline;\">internationale Finanzinvestoren, die in den vergangenen Jahren viele deutsche Pflegeheime aufkauften. <\/span><\/p>\n<p><strong>F\u00f6rderung von Pflegeimmobilien<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber die F\u00f6rderung von Pflegeimmobilien versickern somit jedes Jahr Millionen \u00f6ffentlicher Gelder in die Taschen privater Investoren, die an anderer Stelle eigentlich dringend gebraucht w\u00fcrden. Zum Beispiel f\u00fcr h\u00f6here Geh\u00e4lter der Pfleger*innen was wiederum Voraussetzung w\u00e4re, damit mehr Schulabg\u00e4nger sich f\u00fcr diesen Beruf entscheiden. Warum bauen wir immer noch Pflegeheime? Es gibt l\u00e4ngst bessere Alternativen. Sich zu Hause pflegen lassen zum Beispiel, was l\u00e4ngst nicht mehr hei\u00dfen muss, dass die Verantwortung allein an Kindern und Ehefrauen h\u00e4ngt. Die Pflege l\u00e4sst sich heute gut auf einen Mix aus Familie, Pflegediensten und Ehrenamtlern aufteilen.<\/p>\n<p><strong>Geht nicht, ruft die Pflegeheimlobby reflexartig, wenn diese Debatte aufbrandet: Den Angeh\u00f6rigen verlange das viel zu viel ab, die Pflegedienste seien schlie\u00dflich nur ein paar Minuten am Tag da, die Alten vereinsamten in ihren Wohnungen, w\u00e4hrend sich ihre T\u00f6chter, Ehefrauen, Schwiegert\u00f6chter zwischen Job und Pflege aufreiben m\u00fcssten.<\/strong><\/p>\n<p>Richtig, das stimmt aber eben nur zu den Bedingungen des Status quo. Es gibt zu wenig Geld f\u00fcr die ambulanten Pflegedienste im Land, und deshalb gibt es dort vielerorts zu wenige Pfleger*innen. Deshalb finden manche Familien niemanden, der ihren Vater oder Mutter abends ins Bett bringt. <span style=\"text-decoration: underline;\">Leitete die Bundesregierung aber Geld um, g\u00e4be es also mehr Geld f\u00fcr ambulante Pflege und daf\u00fcr weniger f\u00fcr Heime, s\u00e4he es anders aus. Siehe unser Beitrag vom 19.11.21 &#8222;Geld ist genug im System&#8220;<\/span><\/p>\n<p><strong>Skandinavien und die Niederlande haben es vorgemacht und das System umgekrempelt: Dort flie\u00dft der Gro\u00dfteil des Pflegebudgets in ambulante Pfleger*innen, die ins Haus kommen, sich einen Gro\u00dfteil des Tages um die Menschen k\u00fcmmern und die Angeh\u00f6rigen entlasten, die ihre Arbeit nachgehen k\u00f6nnen. Trotzdem bleiben in diesem System die Familien zusammen. Je mehr eigentliche Pflegearbeit ihnen abgenommen wird, umso entspannter ist das Zusammenleben, umso weniger Druck ist da, den Ehemann, die Mutter oder den Bruder in ein Heim abgeben zu m\u00fcssen.<\/strong><\/p>\n<p>Denn auch das verursacht immens viel Leidensdruck, das Gef\u00fchl, es als Angeh\u00f6riger nicht mehr geschafft zu haben und ein Familienmitglied letzten Endes abgeschoben zu haben.<\/p>\n<p><strong>Auch in Deutschland gibt es l\u00e4ngst Ans\u00e4tze f\u00fcr solche Mixturen<\/strong><\/p>\n<p>Mischungen zwischen Pflege in der Familie und Profi-Pflege, die es m\u00f6glich machen, zusammenzubleiben, ohne dass die gesunden Familienmitglieder unter der Last einknicken. Tagespflegeeinrichtungen zum Beispiel, in denen Pflegebed\u00fcrftige die Zeit verbringen, w\u00e4hrend der Rest der Familie arbeitet.<\/p>\n<p>Technische \u00dcberwachungssysteme, die daf\u00fcr sorgen, dass Demenzkranke, die darauf keine Lust haben, sondern lieber zu Hause bleiben, trotzdem sicher sind. Es gibt sogar Modellversuche mit Pflegefamilien, die statt eines Pflegekindes einen Senior bei sich aufnehmen.<\/p>\n<p>Sicher, jene, die jahrelang ein demenzkrankes Familienmitglied gepflegt haben, kommen vielleicht trotz alledem irgendwann an den Punkt, an dem sie dankbar sind, die Verantwortung abgeben zu k\u00f6nnen. Aber auch dann gibt es Alternativen zum Einheits-Heim. <span style=\"text-decoration: underline;\">Betreutes Wohnen,<\/span> barrierefrei, in dem man sich jede Leistung einzeln hinzubuchen kann, die Hauswirtschaft, die Tagespflege, das Einkaufen, die medizinische Versorgung. Das Charmante an dieser Idee: Man bleibt selbstbestimmt in den eigenen vier W\u00e4nden.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wir m\u00fcssen uns trauen, neu zu denken, bei den <\/strong><strong>Opfern von Gewalt und schweren Pflegefehlern!<\/strong><\/p>\n<p>36.000 Menschen, so viel wie die Bewohner einer Kleinstadt, leiden laut offiziellen Sch\u00e4tzungen in deutschen Pflegeheimen Hunger oder Durst, weil niemand Zeit hat, ihnen beim Essen oder Trinken zu helfen. 14.000 Menschen werden an Bett und Rollstuhl gefesselt, ohne dass die Pfleger daf\u00fcr eine Genehmigung haben. Fast eine Viertelmillion Demenzkranker wird mit Psychopharmaka ruhiggestellt. Harte Strafen, etwa Berufsverbote, gibt es in der Altenpflege dennoch fast nie. Die deutsche Gesetzgebung sieht das einfach nicht vor.<\/p>\n<p>Ihre Meinung ist gefragt. Zum gleichen Thema bieten wir das Seminar: <strong>&#8222;Sorglos und unbeschwert im Alter leben&#8220;<\/strong> vom 18. Juli 2022 in K\u00f6nigswinter an. Es kann bereits gebucht werden. Planen Sie Ihre anerkannte Weiterbildung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sind die Altenheime noch zeitgem\u00e4\u00df? Am Lebensabend ins Pflegeheim? F\u00fcr die meisten Deutschen eine Horrorvorstellung, ihr ganzes Leben aufgeben zu m\u00fcssen. Trotzdem werden immer neue Einrichtungen gebaut, obwohl es l\u00e4ngst anders ginge. 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