{"id":3586,"date":"2018-12-28T13:03:43","date_gmt":"2018-12-28T12:03:43","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-quartier.de\/oberhausen\/?p=3586"},"modified":"2018-08-14T18:04:16","modified_gmt":"2018-08-14T16:04:16","slug":"nachbarschaft-als-neuer-generationenvertrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-quartier.de\/oberhausen\/2018\/12\/nachbarschaft-als-neuer-generationenvertrag\/sraebiger\/","title":{"rendered":"Nachbarschaft als neuer Generationenvertrag"},"content":{"rendered":"<blockquote>\n<p>Die Kleinfamilie, eine Erfindung der Industrialisierung, ist ein Auslaufmodell. Aber ihre n\u00e4chste Form ist nicht der allgegenw\u00e4rtige Versorgerstaat, der von der Krippe bis zur Bahre alles organisiert, finanziert und kontrolliert, sondern die Hausgemeinschaft, die lebendige Nachbarschaft, das organische Quartier.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die N\u00e4he, wo alle Altersgruppen fu\u00dfl\u00e4ufig (in Pantoffeldistanz) 80 Prozent von dem finden, was man zum Leben braucht: Freundschaft, Unterhaltung, R\u00fcckzug, Alltagsbedarf, Dienste und Besch\u00e4ftigung. Der Platz wo sich Menschen als Menschen begegnen k\u00f6nnen, in einer \u00fcberschaubaren Welt, die f\u00fcr alle die gleiche ist: das Zuhause.<\/p>\n<p>Es ist nicht leicht, angesichts der aktuellen demografischen Zahlen zuversichtlich zu bleiben.\u00a0Der Grundsatz war bisher, auch wenn sich die Details im Lauf der Zeit \u00e4nderten: Die Erwachsenen sorgen f\u00fcr die Kinder, wenn sie klein und hilflos sind. Daf\u00fcr schauen diese als Erwachsene zu den Alten, wenn Hilfe n\u00f6tig ist. Dieser Vertrag zerbricht. Er zerf\u00e4llt unter der Last von mindestens drei historischen, schwer zu b\u00e4ndigenden Kr\u00e4ften: der demografischen Entwicklung, der Verschuldung und der Beschleunigung. Zudem haben wir nicht mehr drei, sondern vier Generationen mit wechselseitigen Abh\u00e4ngigkeiten: Kinder und Jugendliche, Erwerbst\u00e4tige, Jungrentner (65 bis 80) und Hochbetagte.<\/p>\n<h2>Die Versorgungsl\u00fccke<\/h2>\n<p>Bei der ersten Rentenreform 1957 zahlten\u00a0 3 Erwerbst\u00e4tige die Rente f\u00fcr eine Person im Schnitt f\u00fcr 10 Jahre, heute kann die Rente 20 Jahre bezogen werden.<\/p>\n<table width=\"675\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"84\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"123\">\n<p>Versicherte<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"138\">\n<p>Rentner<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"57\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"154\">\n<p>Jahresentg Brutto<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"118\">\n<p>Rente brutto<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"84\">\n<p>1962<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"123\">\n<p>25.880.000<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"138\">\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 8.120.453\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"57\">\n<p>31,4%<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"154\">\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 3.747 \u20ac<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"118\">\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 1.838 \u20ac<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"84\">\n<p>2000<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"123\">\n<p>51.107.248<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"138\">\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 23.144.467\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"57\">\n<p>45,3%<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"154\">\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a027.741 \u20ac<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"118\">\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 13.373 \u20ac<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"84\">\n<p>2015<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"123\">\n<p>53.812.586<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"138\">\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 25.519.737\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"57\">\n<p>47,4%<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"154\">\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 35.363 \u20ac<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"118\">\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 15.611 \u20ac<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bereits heute bel\u00e4uft sich <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/11\/raffelhueschen-12-2016\/\" data-wpel-link=\"external\" target=\"_self\" rel=\"nofollow external noopener noreferrer\" title=\"Externer Link: der Altersquotient\" class=\"ext-link wpel-icon-right\">der Altersquotient<span class=\"wpel-icon wpel-image wpel-icon-6\"><\/span><\/a>, der das Verh\u00e4ltnis der Anzahl der \u00fcber 65-J\u00e4hrigen zur Anzahl der 15- bis 64-J\u00e4hrigen angibt, in der EU auf 28, in der Schweiz auf 29 und in Deutschland auf 31. Aufgrund geringer Geburtenraten und einer anhaltend steigenden Lebenserwartung in Europa wird sich diese Kennziffer bis zum Jahr 2060 nahezu verdoppeln.<\/p>\n<p>Das Problem besteht nicht nur aus weniger Beitragszahlern. Es versch\u00e4rft sich durch direkte und indirekte h\u00f6here Pflegekosten. 1995 wurde die Pflegeversicherung nach 12j\u00e4hriger Vorarbeit eingef\u00fchrt. Der Staat zog sich zur\u00fcck und \u00fcbergab die Verantwortung den Pflegekassen und den Familien. waren<\/p>\n<h2>Die Verschuldung w\u00e4chst\u00a0<\/h2>\n<p>Schulden sollten im Prinzip von denen bezahlt werden, die sie gemacht haben, je nach Art der Verpflichtung innerhalb einer Generation, also 25 Jahren. Wird die R\u00fcckzahlung weiter hinausgeschoben, muss die n\u00e4chste Generation amortisieren. Das ist nicht nur ungerecht, sondern mittlerweile auch unm\u00f6glich. Weltweit liegen die Schulden bei 230 Billionen Dollar. Das ist fast viermal so viel wie das weltweite Bruttoinlandsprodukt; das sind vier Jahre Gratisarbeit. Zum Vergleich: Die zur Bezahlung dieser Schulden vorhandene Geldmenge M1 (Bargeld und Bankguthaben) betr\u00e4gt global 30 Billionen. also einen Achtel der Schulden. Was zeigt: Die R\u00fcckzahlung ist unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Auch in Europa und der reichen Bundesrepublik gibt es keine andere L\u00f6sung, als die Schulden auf die n\u00e4chsten Generationen zu \u00fcbertragen und sie Zinsen f\u00fcr Auslagen bezahlen zu lassen, von denen andere profitierten. Den Schulden von Personen, Firmen und \u00f6ffentlicher Hand in der Schweiz von rund 1,7 Billionen Franken steht eine Geldmenge von lediglich 636 Milliarden Franken gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Die unbezahlbaren \u00a0Staats-Schulden sind als Problem an sich schon gro\u00df genug. Noch schwerer wiegen aber die Schulden, die noch gar nicht in den B\u00fcchern stehen. Sie bestehen vor allem aus Verpflichtungen aus den Beamtenpensionen, Sozialversicherungen, die bereits eingegangen wurden, aber noch nicht f\u00e4llig sind. Die Stiftung Marktwirtschaft in Berlin erstellt regelm\u00e4\u00dfig Rankings f\u00fcr die EU-L\u00e4nder, in denen auch die impliziten Schulden ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n<p>Die Resultate sind erschreckend. In den EU-L\u00e4ndern liegen die Verpflichtungen durchschnittlich doppelt so hoch wie die Staatsverschuldung, n\u00e4mlich bei 177 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). An der Spitze der Rangliste steht Irland mit einer Staatsverschuldung von 107 Prozent und impliziten Schulden von unglaublichen 1064 Prozent des BIP. Das ergibt eine \u00abNachhaltigkeitsl\u00fccke\u00bb von 1171 Prozent oder fast zw\u00f6lf Jahren Gratisarbeit, um den Generationenvertrag wieder ins Lot zu bringen. Am anderen Ende der Skala findet sich ausgerechnet Italien mit relativ hohen Staatsschulden (132 Prozent), aber impliziten Schulden von minus 75 Prozent des BIP. Mit anderen Worten: Die Italiener haben sich ein implizites Guthaben im Umfang von drei Vierteln einer Jahresleistung angespart.<\/p>\n<p>Insgesamt liegt die \u00abNachhaltigkeitsl\u00fccke\u00bb 2015 <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/finanzen\/anleihen\/implizite-staatsverschuldung-das-versteckte-schuldendilemma-ld.15909\" data-wpel-link=\"external\" target=\"_self\" rel=\"nofollow external noopener noreferrer\" title=\"Externer Link: im EU-Durchschnitt\" class=\"ext-link wpel-icon-right\">im EU-Durchschnitt<span class=\"wpel-icon wpel-image wpel-icon-6\"><\/span><\/a> bei 266 Prozent des BIP. Die Deutschen stehen schlechter als die Italiener da, aber \u00a0noch im Mittelfeld mit 75% direkter Staatsverschuldung zuz\u00fcglich 74% der verdeckten Verschuldung, damit mit einer \u00abNachhaltigkeitsl\u00fccke\u00bb von insgesamt 149% zu 57%.<\/p>\n<h2>Mit den unbezahlbaren Schulden hinterlassen wir der n\u00e4chsten Generation ein Problem, das innerhalb der geltenden Rechtsordnung nicht zu l\u00f6sen ist.<\/h2>\n<h2>Gesellschaftliche Beziehungen br\u00f6ckeln<\/h2>\n<p>Das Leben ver\u00e4ndert sich heute w\u00e4hrend eines einzigen Lebens st\u00e4ndig, praktisch bis zur Unkenntlichkeit. Der alte Mensch steht ratlos vor dem Ticketautomat, die Welt f\u00e4hrt ihm buchst\u00e4blich davon. Der Junge erreicht zwar den Zug, kommt aber nie ans Ziel, weil er, versunken ins Handy, gleichzeitig nirgendwo und \u00fcberall ist. Beziehung scheint nicht mehr m\u00f6glich, schon gar nicht zwischen den Generationen.<\/p>\n<p>Die Alten, die fr\u00fcher sich noch ein bisschen n\u00fctzlich machen und den Enkeln die Welt erkl\u00e4ren konnten, diese Alten m\u00fcssen jetzt fit sein, konsumieren und Pauschalangebote buchen, bis sie schlie\u00dflich \u00abKlienten\u00bb werden in einer Institution mit Qualit\u00e4ts- und vor allem mit Kostenkontrollen. Zuerst nimmt man ihnen jegliche Arbeit ab, dann garnieren Aktivierungsfachleute die freie Zeit mit Besch\u00e4ftigung.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich werden sie mit Medikamenten ruhig gestellt und nach Pflegegraden bewertet. Wer seine Str\u00fcmpfe nicht mehr selber ausziehen kann, kostet mehr. Wor\u00fcber soll man sich mit den Angeh\u00f6rigen unterhalten, wenn sie zum Pflichtbesuch kommen? \u00dcber das Menu, das Wetter oder die neusten Todesf\u00e4lle? <strong>Kann das die Ernte des Lebens sein!<\/strong><\/p>\n<h2>Schlaraffenland ist abgebrannt!<\/h2>\n<p>Die oben aufgezeigte Entwicklung wird sich nicht aufhalten lassen, sie kann nur in konstruktive Bahnen gelenkt werden. Unabh\u00e4ngig davon muss der Generationenvertrag in der Industriewelt 4.0 \u00a0neu und anders definiert werden. Wir m\u00fcssen uns schnellstm\u00f6glich auf\u00a0 uns selbst und die An- und Zugeh\u00f6rigen besinnen.<\/p>\n<p>Jeder muss nun f\u00fcr sich einen ausk\u00f6mmlichen Lebensabend planen und \u00fcberlegen welche Priorit\u00e4ten er setzt und welche Politik er unterst\u00fctzt. Ein weiter so, trotz der oben aufgezeigten Gefahren kann es f\u00fcr viele zuk\u00fcnftige Rentner nicht geben. Ein eigenes aktives Handeln ist jetzt angesagt?<\/p>\n<h2>Vorsorge kann auf vielf\u00e4ltige Art und Weise getroffen werden. Wir bieten hier eine Diskussionsplattform<\/h2>\n<p>[contact-form][contact-field label=&#8217;Name&#8216; type=&#8217;name&#8216; required=&#8217;1&#8217;\/][contact-field label=&#8217;E-Mail&#8216; type=&#8217;email&#8216; required=&#8217;1&#8217;\/][contact-field label=&#8217;Kommentar&#8216; type=&#8217;textarea&#8216; required=&#8217;1&#8217;\/][\/contact-form]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kleinfamilie, eine Erfindung der Industrialisierung, ist ein Auslaufmodell. 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