{"id":9070,"date":"2020-05-15T12:13:54","date_gmt":"2020-05-15T10:13:54","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-quartier.de\/oberhausen\/?p=9070"},"modified":"2020-05-16T14:57:45","modified_gmt":"2020-05-16T12:57:45","slug":"wie-die-pflege-durchkapitalisiert-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-quartier.de\/oberhausen\/2020\/05\/wie-die-pflege-durchkapitalisiert-wurde\/uwiemann\/","title":{"rendered":"Wie die Pflege durchkapitalisiert wurde"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jahrhundertelang war die Pflege Sache der Familie, der Kirche, der Wohlfahrtsverb\u00e4nde. Inzwischen dr\u00e4ngen internationale Kapitalanleger in den Markt.<span style=\"text-decoration: underline;\"> Auf Kosten der Pflegebed\u00fcrftigen?<\/span><\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Uringeruch, Schimmel, <strong>\u00fcberfordertes Personal.<\/strong> Immer wieder werden unzumutbare Zust\u00e4nde in deutschen Pflegeheimen bekannt. Bei zwei H\u00e4usern der Alloheim Gruppe beispielsweise wurde vor einiger Zeit wegen massiver Pflegem\u00e4ngel die Schlie\u00dfung angeordnet. Sie konnten nur weiterbetrieben werden, weil ein anderer Betreiber sie \u00fcbernahm. In weiteren Heimen der Gruppe wurden \u00e4hnliche Missst\u00e4nde \u00f6ffentlich. Auch wenn Alloheim diese teilweise bestreitet. Eine bundesweite Auswertung der Verstorbenen durch Corona wird die &#8222;F\u00fchrung&#8220; durch Alloheim best\u00e4tigen.\u00a0<\/p>\n<p>Alloheim ist mit rund 240 Einrichtungen der zweitgr\u00f6\u00dfte Anbieter auf dem privaten Pflegemarkt. Zumindest in einigen dieser Einrichtungen scheint <strong>Profitmaximierung offenbar Priorit\u00e4t zu haben.<\/strong> Innerhalb weniger Jahre wechselte das Unternehmen mehrfach den Eigent\u00fcmer. Inzwischen geh\u00f6rt es dem schwedischen Finanzinvestor Nordic Capital.<\/p>\n<p>In den letzten zwei Jahren zeigt sich immer deutlicher ein Trend, dass gro\u00dfe internationale Investmentgesellschaften Einrichtungen aufkaufen und diese auf Gewinn getrimmt ist, sagt der Verband der Katholischen Altenhilfe. Diese sogenannten Heuschrecken w\u00fcrden die Pflegeheime <strong>ausquetschen<\/strong>, um sie nach wenigen Jahren wieder gewinnbringend zu verkaufen.<\/p>\n<p><strong>Eine Entwicklung, die so sicherlich niemand im Blick hatte, als 1995 die Pflegeversicherung eingef\u00fchrt wurde. Damit wurde der Markt f\u00fcr private Anbieter ge\u00f6ffnet, nachdem die Pflege zuvor jahrhundertelang eine Sache der Familien, Kirchen und Wohlfahrtsverb\u00e4nde war. Das Ziel des Gesetzgebers war es, die wachsende Zahl von Pflegebed\u00fcrftigen finanziell abzusichern und den Ausbau von dringend ben\u00f6tigten Pflegeeinrichtungen anzukurbeln. <span style=\"text-decoration: underline;\">Markt und Wettbewerb waren die Schlagworte der Zeit. Deren kontraproduktive Auswirkung wir jetzt beobachten k\u00f6nnen.<br \/>\n<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Seit Einf\u00fchrung der Pflegeversicherung haben wir eine beachtliche Expansion der &#8222;Privaten&#8220; Pflegeinfrastruktur im Gleichklang mit der Altersstruktur. Die Nachfrage ist noch immer gr\u00f6\u00dfer als das Angebot, die Erl\u00f6se sind damit gesichert. Die Privaten Anbietern sind in vielen Bereichen schneller, findiger und engagierter gewesen als vielfach die gemeinn\u00fctzigen Tr\u00e4ger. Die Ausnahme bilden hier die Johanniter\u00a0 und Malteser.<\/p>\n<p>Oft waren es engagierte Krankenpfleger oder Altenpfleger, die ihre Chance sahen, sich selbstst\u00e4ndig zu machen, sich Kapital beschafften und ein Pflegeheim er\u00f6ffneten. Solche gebe es auch heute noch, die mit viel Herzblut sehr gute Arbeit leisten w\u00fcrden, sagt die katholische Altenhilfe, die zur Caritas geh\u00f6rt. Andererseits sei es viel schwieriger geworden, heute ein einzelnes Pflegeheim mit 60 bis 70 Pl\u00e4tzen wirtschaftlich zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Diese Heime sind es nun h\u00e4ufig, die von gro\u00dfen Betreibergesellschaften, aufgekauft werden mit zum Teil hohen Renditeerwartungen. Die Pflege ist ein lukrativer Markt geworden. Mehr und mehr Immobilienkonzerne, Pensionsfonds, oder Hedgefonds investieren hier. Denn die Anlage gilt als vergleichsweise sicher. Knapp dreieinhalb Millionen Pflegebed\u00fcrftige gibt es schon jetzt. Bis 2050 d\u00fcrfen es Sch\u00e4tzungen zufolge mehr als f\u00fcnf Millionen werden. Die m\u00fcssen versorgt werden. Und wenn sie selbst daf\u00fcr nicht aufkommen k\u00f6nnen, springt die Solidargemeinschaft ein.<\/p>\n<p><strong>In der Sendung Hart aber fair vom 11. Juni 2018 w<\/strong>urde dar\u00fcber berichtet, dass 2017 bereits 40.000 Betten von Finanzinvestoren \u00fcbernommen wurden. Aufgrund der Analyse von 400 Gesch\u00e4ftsberichten von Pflegeunternehmen durch das Leibnitz Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung, \u00fcber die ebenfalls in der gleichen Sendung berichtet wurde, kann f\u00fcr das Jahr 2016 die <strong>Kapitalrendite im privaterwerbswirtschaftlichen Pflegesektor auf 8,6 Prozent beziffert.<\/strong> Im Unterschied hierzu liegt der gleiche Wert im \u00f6ffentlich-rechtlichen Pflegesektor bei 3,1 Prozent beziffert. <strong>Es lohnt sich also in die Pflege und Heime zu investieren, vor allem wenn man die Ausgaben f\u00fcr Personal auf 50 Prozent reduzieren kann, im \u00f6ffentlich-rechtlichen Sektor liegen sie noch bei 62 Prozent. Gute Einrichtungen ben\u00f6tigen \u00fcber 70 Prozent Personalkosten.<\/strong><\/p>\n<p>Diese Entwicklung ist aber nur ein Zeichen f\u00fcr eine politische Gro\u00dfwetterlage, die im Zuge der Politik zunehmend zur Durchkapitalisierung des Pflegesystems insgesamt und gewollt &#8222;Privat vor Staat&#8220; gef\u00fchrt hat. <strong>Dabei ist klar:<\/strong> Misswirtschaft und Verschwendung waren nie zu legitimieren, auch vorher nicht! Und gegen effizientes Wirtschaften wird niemand etwas sagen k\u00f6nnen. Wir sehen eine Entwicklung, welche unsere moralischen Fundamente von Wohlfahrtspflege ad absurdum f\u00fchren; sie zerfallen f\u00fcr jeden sichtbar.\u00a0 <strong>Nicht der Mensch, das Kapital steht im Vordergrund.<\/strong><\/p>\n<p>Der Begriff der Maschinisierung der Pflege erscheint durchaus angemessen, denn die Arbeitsverdichtung f\u00fcr das Personal ist derart voran geschritten, dass f\u00fcr eine bewohnerintensive Zuwendungsarbeit nur noch sehr begrenzt Ressourcen verf\u00fcgbar sind. Insgesamt gilt: Das Management der organisierten Altenhilfe mag im Hinblick auf Methoden der Betriebsf\u00fchrung professioneller geworden sein, doch mit zunehmend erwerbswirtschaftlich ausgerichteten Unternehmenspolitik sind ideelle und fachliche Bez\u00fcge zunehmend in der Defensive geraten.<strong> Wer tr\u00e4gt die Verantwortung f\u00fcr diese Entwicklung? <\/strong>Nat\u00fcrlich hat die privaten Finanzinvestoren (aber auch die kirchlichen Einrichtungen) der \u00d6konomisierung nichts entgegengesetzt. Im Gegenteil, sie haben mitgemacht! Auch die Manager, die kommerziellen Betreiber, die Controller sind im Blick zu behalten. Aber alle diese Akteure setzen nur das um, was die Politik entschieden hat. Hier muss angesetzt werden.<\/p>\n<p><strong>Eine Umkehr <\/strong>kann es nur geben, wenn die Politik das Grundproblem erkannt hat. Gegenw\u00e4rtig hat die Politik keinerlei Vision. Das Problem ist der fehlende Geist einer weitsichtigen Politik, das Problem ist das Fehlen kluger neuer Konzepte in der F\u00fchrungsregie der Verantwortung tragenden Parteien. Und das Drama ist, dass wir das hohe Engagement einer prosozial eingestellten j\u00fcngeren Generation (nur nicht von Pflegenden) verheizen, denn wir haben Strukturen geschaffen, die von Anfang darauf gerichtet sind, nur den Blick auf die Kosten, Effizienz und Machbarkeit zu richten, alles andere ist sekund\u00e4r.<\/p>\n<p><strong>Es bedarf einer dringenden Umkehr hin zu einem sozialen Wohlfahrtsstaat und einer gesellschaftlich verantworteten Altenpolitik. <\/strong>Die Begriffe m\u00fcssen parteien\u00fcbergreifend unidiologisch verstanden werden. Grundlegend m\u00fcssen fachliche, ethische und wirtschaftliche Aspekte in Einklang gebracht werden, ohne dass die erwerbswirtschaftliche Profitlogik dominiert und die Pflege, wie im Pflegeversicherungsgesetz (SGB XI) angelegt, als eine reine Markt abh\u00e4ngige Dienstleistung gesehen wird.<\/p>\n<p><strong>Wir m\u00fcssen schnellstens die Frage beantworten: <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>In welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben und Alt werden?<\/li>\n<li>Wollen wir wirklich die Pflege und Sorge der uns anvertrauten alten, kranken und sterbende Menschen finanziellen Kalk\u00fcls \u00fcberlassen, welche sie ausschlie\u00dflich als Renditeobjekte im Fokus hat?<\/li>\n<\/ul>\n<p>An der Ausrichtung der Wohlfahrtspolitik\u00a0 auch bezogen auf die \u00e4ltere Generation zeigt sich ein Kern der Humanit\u00e4t in unserer Gesellschaft, f\u00fcr den vormals eine sozialdemokratische Politik und der CDA-Fl\u00fcgel immer eingetreten ist.\u00a0 <strong>Die Altenpolitik muss als Pflichtaufgabe gesehen werden.<\/strong><\/p>\n<blockquote>\n<p>Fazit:<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Bundesregierung hat mit dem Pflegeversicherungsgesetz (SGB XI) 1994 private Anbieter mit anderen Anbietern in der Pflege\u00a0 unter dem Schlagwort &#8222;Privat vor Staat&#8220; gleichgestellt und haben sich die Politiker\/Parteien aus der Verantwortung gezogen. Damit wurden spekulative Fonds auf dem deutschen Kapitalmarkt offen zugelassen und angelockt. Die Auswirkungen dieser politischen <strong>Fehlentscheidung sehen wir B\u00fcrger jetzt, <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><strong>durch den Pflegenotstand. <\/strong><\/li>\n<li><strong>Diesem kann aber nicht durch Lockerung und Beschneidung der staatlichen Aufsicht begegnet werden, wie mit der letzten \u00c4nderung des WTG-Gesetzes zu Ostern 2019. Der Notstand wird durch Wegsehen vergr\u00f6\u00dfert.<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<blockquote>\n<p><strong>Wir B\u00fcrger haben die Entscheidung in der Hand, bringen wir uns aktiv ein, unterst\u00fctzen die Bewohnervertretungen, die Pflegekr\u00e4fte in Ihren Forderungen!<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jahrhundertelang war die Pflege Sache der Familie, der Kirche, der Wohlfahrtsverb\u00e4nde. Inzwischen dr\u00e4ngen internationale Kapitalanleger in den Markt. 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