{"id":9698,"date":"2020-04-11T12:12:34","date_gmt":"2020-04-11T10:12:34","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-quartier.de\/oberhausen\/?p=9698"},"modified":"2020-04-15T12:09:34","modified_gmt":"2020-04-15T10:09:34","slug":"prekaer-und-weiblich-in-der-pflege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-quartier.de\/oberhausen\/2020\/04\/prekaer-und-weiblich-in-der-pflege\/uwiemann\/","title":{"rendered":"Prek\u00e4r und weiblich in der Pflege"},"content":{"rendered":"<p><strong>Pflege auf Kosten von Frauen?<\/strong><\/p>\n<p>Dass das so ist, hat Geschichte. Dass F\u00fcrsorge als eine scheinbar nat\u00fcrliche Eigenschaft von Frauen gilt, auch deshalb, weil Alte und Kranke schon seit Jahrhunderten \u00fcberwiegend von Frauen betreut und gepflegt wurden. Der Kampf um berufliche Anerkennung, und der Ausbau von Pflegeeinrichtungen begannen erst sp\u00e4t und sind l\u00e4ngst noch nicht abgeschlossen. Im Vergleich zu anderen Facharbeiter\/innen verdienen Pfleger\/innen noch immer deutlich weniger.<strong> &#8222;Pflegen kann doch jeder&#8220;.<\/strong> Damit wird nicht nur die Arbeit, die auf menschliches Wohlergehen zielt und nicht auf Profite zum Wohle f\u00fcr Profiteure abqualifiziert. Zudem kommen die gepflegten Menschen in diesem Bild von Pflege als Liebesdienst zu kurz. <span style=\"text-decoration: underline;\">Gut gepflegt zu werden ist keine milde Gabe, sondern ein Anspruch, ein Menschenrecht und die Voraussetzung, um trotz Beeintr\u00e4chtigungen an der Gesellschaft teilhaben zu k\u00f6nnen. <\/span><strong>Wenn das Pflegesystem dies nicht leistet, ist die Menschenw\u00fcrde in Gefahr.<\/strong><\/p>\n<p>Inzwischen regt sich zunehmend Kritik an den Zust\u00e4nden in der Pflege, in denen nicht nur mehr Geld, sondern mehr Personal und gute Versorgung gefordert wurde. Viele Protestaktionen, Petitionen und Klagen wenden sich gegen den Pflegenotstand. Menschen mit Pflegebedarf und ihre Angeh\u00f6rigen schlie\u00dfen sich in Selbsthilfeorganisationen zusammen. Sie alle wollen sich nicht l\u00e4nger aufreiben und fordern L\u00f6sungen, eine bedarfsdeckende Finanzierung, einen Ausbau der Versorgungsstrukturen, ausreichend Bezahlung und Personal, kurz die M\u00f6glichkeit, so zu pflegen, wie es ihren Bed\u00fcrfnissen entspricht.<\/p>\n<p>Dazu sind grundlegende Ver\u00e4nderungen n\u00f6tig: Es muss Geld in die \u00f6ffentliche Daseinsvorsorge flie\u00dfen, wo es allen zugutekommt. Nur so wird es m\u00f6glich, die Arbeit gesellschaftlich gerecht zu verteilen und angemessen zu entlohnen. Um die Pflege aufzuwerten, muss sie raus aus der Sph\u00e4re des Unsichtbaren und Privaten. Bis heute gelten Pflegearmut und \u00dcberlastung oft als individuelle Probleme oder gar als pers\u00f6nliches Versagen. Langfristig braucht es Pflegeinfrastrukturen, die von den Beteiligten selbst mitgestaltet werden und die gute Arbeitsbedingungen und Versorgungsbedingungen f\u00fcr alle bieten. Pflege muss eine \u00f6ffentliche Angelegenheit sein und keine, die auf Kosten der Besch\u00e4ftigten und zu Pflegenden Profite abwirft.<\/p>\n<p>In Deutschland wird die \u00fcberwiegende Mehrheit der Menschen mit Pflegebedarf ganz oder teilweise von Angeh\u00f6rigen betreut. Von den rund 2,9 Millionen offiziellen pflegebed\u00fcrftigen Menschen werden 73 Prozent zu Hause versorgt. Davon erh\u00e4lt die gro\u00dfe Mehrheit, rund zwei Drittel, Unterst\u00fctzung ausschlie\u00dflich von Angeh\u00f6rigen, ein Drittel wird zus\u00e4tzlich durch ambulante Pflegedienste versorgt. Die Angeh\u00f6rigen sind der Pflegedienst der Nation. Zwar entspricht die Pflege im vertrauten Umfeld h\u00e4ufig dem Wunsch der Menschen. Doch die Umst\u00e4nde sind meist nicht selbstgew\u00e4hlt. Ausreichend professionelle Unterst\u00fctzung ist oft nicht bezahlbar. Angeh\u00f6rige oder andere Laien sind f\u00fcr die Aufgaben nicht ausreichend qualifiziert. Zudem bedeutet die Pflegeverantwortung h\u00e4ufig \u00dcberlastung, Stress und Altersarmut. Dennoch bleibt die Angeh\u00f6rigenpflege das vorherrschende Modell und das ist kein Zufall: Im deutschen Wohlfahrtsstaat wird Pflege gezielt als Familienangelegenheit organisiert.<\/p>\n<p>Bei einer nur l\u00fcckenhaften Grundversorgung durch die Pflegeversicherung kann von Wahlfreiheit keine Rede sein. Zu oft sind Angeh\u00f6rige ein unfreiwilliger Ersatz-Pflegedienst. Das Pflegegeld, das die gepflegten Personen oft an ihre Angeh\u00f6rigen weitergeben, ist nicht mehr als eine Aufwandsentsch\u00e4digung, kann den Einkommensverlust durch Jobverzicht oder Teilzeitarbeit nicht wettmachen und reicht schon gar nicht zum Leben. <span style=\"text-decoration: underline;\">Wenn etwa eine Frau ihren dementen Ehemann (Pflegegrad 2) in Vollzeit pflegt, werden nur 316 Euro Pflegegeld ausgezahlt. Wenn ein Rentner f\u00fcr seine schwerbehinderte Partnerin (Pflegegrad 5) rund um die Uhr da ist, sind es 901 Euro Pflegegeld.\u00a0<\/span>Wer den vollen Pflegegeldsatz in Anspruch nimmt, hat keinerlei Anspruch mehr auf zus\u00e4tzliche Unterst\u00fctzung. Besserverdienende und Verm\u00f6gende l\u00f6sen das Problem, indem sie Unterst\u00fctzung hinzukaufen. Wer das Geld daf\u00fcr nicht hat und den Knochenjob nicht selbst machen kann, muss f\u00fcr die Pflege die Ersparnisse aufbrauchen oder sich, was immer h\u00e4ufiger vorkommt, verschulden.<\/p>\n<p>Prek\u00e4re und stressige Arbeitsverh\u00e4ltnisse lassen vielen Menschen auch ohne Pflegeverantwortung zu wenig Zeit, um sich um andere oder um sich selbst zu k\u00fcmmern. Kommt noch die zeitintensive Pflege eines nahestehenden Menschen hinzu, ist das unter den heutigen Bedingungen oft nicht vereinbar mit dem Job und f\u00fchrt zum Ausstieg aus der Erwerbsarbeit. Das damit verbundene <span style=\"text-decoration: underline;\">Armutsrisiko<\/span> trifft vor allem <span style=\"text-decoration: underline;\">Frauen.<\/span> Zwei Drittel der pflegenden Angeh\u00f6rigen sind <span style=\"text-decoration: underline;\">weiblich, zu einem \u00fcberwiegenden Teil im erwerbsf\u00e4higen Alter.<\/span>Viele von ihnen arbeiten in Teilzeit, rund 60 Prozent sind nicht erwerbst\u00e4tig, 27 Prozent haben die Erwerbsarbeit f\u00fcr die Pflege aufgegeben. Wer aufgrund der Pflege seinen Beruf aufgibt, muss h\u00e4ufig in der Folge Hilfe zum Lebensunterhalt beantragen. Wer Angeh\u00f6rige mit einem Pflegegrad unterhalb von Stufe 2 pflegt, gilt im Hartz-IV-System als voll erwerbsf\u00e4hig, als quasi arbeitslos, und muss nicht selten Sanktionen f\u00fcrchten, wenn er oder sie dem Arbeitsmarkt nicht voll zur Verf\u00fcgung stehen kann. L\u00e4ngere Pflegezeiten f\u00fchren au\u00dferdem zu niedrigeren Rentenanspr\u00fcchen und versch\u00e4rfen die Gefahr der Altersarmut. Pflegearmut) hat damit in der Mehrzahl ein weibliches Gesicht. Zum einen, weil von Frauen noch immer erwartet wird, sich besonders verantwortlich f\u00fcr die Pflege zu f\u00fchlen. Zum anderen, weil sie immer noch im Schnitt weniger verdienen als M\u00e4nner und ihr Beitrag zum Haushaltseinkommen eher als verzichtbar gilt.<\/p>\n<p>Zu den finanziellen Sorgen kommen andere Belastungen, rund um die Uhr verf\u00fcgbar und an das Haus gefesselt zu sein, keine Zeit f\u00fcr Mu\u00dfe und f\u00fcr Ausgleich zu haben. <span style=\"text-decoration: underline;\">In einer Befragung bewerteten rund <strong>58<\/strong> Prozent der privat Pflegenden die Aufgabe als<strong> sehr belastend, rund 38 Prozent gaben an, kaum noch Kontakt zu anderen Menschen zu haben.<\/strong><\/span> Zugleich steht man permanent in einer engen Beziehung zu der gepflegten Person, was es erschweren kann, ausreichend Pausen einzulegen und einen gesunden Abstand zur Arbeit zu finden. Der andauernde Zeitstress und das Jonglieren mit unl\u00f6sbaren Anforderungen f\u00fchren oft zu Ersch\u00f6pfung. Die psychischen Belastungen und das Risiko, selbst zu erkranken, sind f\u00fcr pflegende Angeh\u00f6rige \u00fcberdurchschnittlich hoch, das gilt insbesondere f\u00fcr psychische oder psychosomatische Erkrankungen. Da Pflege als Privatsache gilt, wird eine \u00dcberforderung oft als individuelles Versagen gedeutet. Obgleich Millionen Menschen in einer ganz \u00e4hnlichen Zwangslage stecken, bleibt ihr Leid weitgehend unsichtbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pflege auf Kosten von Frauen? Dass das so ist, hat Geschichte. Dass F\u00fcrsorge als eine scheinbar nat\u00fcrliche Eigenschaft von Frauen gilt, auch deshalb, weil Alte und Kranke schon seit Jahrhunderten \u00fcberwiegend von Frauen betreut und gepflegt wurden. 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