Der 10. Dezember

Die Geschichte vom Tannenbäumchen (3)

Aber man bereitet guten, lindernden Tee daraus, und haben die kleinen Leute zu viel von dem guten Obst gegessen und davon Leibschneiden bekommen und sind die großen zu lange unter den Buchen und Eichen herumgeschwärmt, so dass sie sich den Schnupfen geholt, dann muss sie dieser gesund machen, damit sie wieder von vorn anfangen können.”

Als die kluge Linde schwieg, nickten die anderen Bäume und lachten, denn sie waren der schönen Linde alle gut, nur die Eiche brummte etwas in sich hinein von “dumm und albern!” aber sonst blieb Alles ruhig.

Das arme Tannenbäumchen hatte die ganze Zeit über zitternd und schweigend dagestanden, doch nun suchte es die allgemeine Stille zu benutzen, um auch ein Wörtchen der Verteidigung zu sagen. Ganz leise und schüchtern fing es an: “Ach, Ihr lieben Bäume, ich weiß wohl, dass Ihr mich als den Schlechtesten von Euch allen betrachtet, aber so ganz nutzlos und überflüssig bin ich doch auch nicht, wenn ich auch weniger schön geschmückt bin, als Ihr. Aus meinem Holze kann man Häuser und Schiffe bauen und mit den Tannenzapfen machen die Leute ihr Feuer an, auch – ”

“Ha! ha! ha!” schallt es da aus allen Ecken und Enden, “ha, ha, ha! hört doch das dumme Ding! wenn es nur lieber ganz geschwiegen hätte. Mit Hobelspänen kann man Feuer machen, als ob das ein Verdienst wäre. Ha, ha, ha!”

Und die Bäume bogen und neigten sich und wollten sich bald tot lachen und der dicke Apfelbaum verlor noch manche weiße Blüte in seiner großen Lustigkeit. Endlich ging die Sonne unter; die Vögel suchten ihr grünes Quartier auf und wollten ihre Ruhe haben, so wurden die Schwätzer dann stiller und stiller und als der goldne Mond langsam herauf stieg, lag alles im tiefsten Frieden.”

Nur ein Baum konnte nicht ruhen und schlafen, das war das Tannenbäumchen. Es war so betrübt, dass es gern bittere Tränen vergossen hätte, wenn es ein Mensch und kein Baum gewesen wäre. Ach, es konnte sich gar nicht zufrieden geben und wünschte sich auch weiche, flatternde Blätter und süße Früchte, damit es Niemand mehr verspotten dürfte.

Wie es nun so dastand in seiner Betrübnis, da ward es auf einmal vor ihm ganz helle und licht und wie aus der Erde gewachsen, schwebte auf dem grünen Rasen ein wunderschöner Engel. Der hatte ein langes, schneeweißes Gewand, weiße Flügel an den Schultern, auf dem Kopfe trug er einen Kranz von den schönsten Rosen und darüber hin hing ein langer Schleier, der glänzte wie gesponnenes Silber.

Na, könnt ihr euch wohl denken, wer der schöne Engel gewesen? Natürlich war es Niemand sonst, als unser liebes Christkind, welches Alles mit angehört und angesehen, wie es auch immer sieht, ob ein Kind lieb oder unartig ist. Das arme bescheidene Tannenbäumchen tat ihm in tiefster Seele leid und darum kam es jetzt zu ihm geflogen und sagte mit seiner süßen Stimme: “Tannenbäumchen, was fehlt dir denn?”

Aber das Bäumchen konnte nicht antworten, es war zu betrübt und auch zu erschreckt von dem hellen Glanz und Christkindchens Anblick; es schüttelte nur leise den Wipfel, da fuhr Christkindchen fort: “Tannenbäumchen, ich weiß es recht gut, was Dir fehlt; die bösen Bäume hier haben Dich ausgelacht, weil Du nicht so schön bist als sie. Aber warte nur, bald sollst du schöner sein als sie alle.

so hat die Geschichte angefangen…

erster Teil am 5. Dezember

zweiter Teil am 7. Dezember

Es geht weiter…

vierter Teil am 12.Dezember

Luise Büchner 1821 – 1877