Der 12. Dezember

Die Geschichte vom Tannenbäumchen (4)

Wenn der Winter kommt und Schnee und Eis auf der Erde liegt und all die Bäume hier kahl und entlaubt stehen, dann sollst Du süßere und buntere Früchte tragen als Kirschen, Birnen und Äpfel und die Kinder werden sich mehr über Dich freuen und Dich lieber haben, als alle anderen Bäume auf der Welt!”

Nachdem das Christkind dies gesagt, war es gerade so schnell wieder verschwunden, als es gekommen und nur der liebe alte Mond warf noch goldne Strahlen auf die stille Welt.

So vergingen Sommer und Herbst, die Bäume hatten nach und nach all ihre Früchte hergegeben und der Winter kam mit raschen Schritten heran. Wohl hatten sie noch manchmal das Tannenbäumchen ausgespottet, aber es machte sich nichts mehr daraus und dachte immer nur an das, was Christkindlein ihm versprochen hatte.

Bald war an dem Apfel- und Birnbaum kein Blättchen mehr zu sehen, die Eichen und Buchen streckten ihre nackten Arme zum Himmel empor und froren erbärmlich, aber es half nichts – es war eben Winter und sie mussten sich von dem kalten Nordwind nach allen Seiten hin und her zausen lassen.

Unser Tannenbäumchen hielt sich wacker, es blieb so grün und frisch wie im Sommer und wartete in Geduld bis seine Zeit käme.

Auf einmal, in einer langen, dunklen Nacht, da ward es wieder ganz hell und licht und der schöne Engel stand wieder neben dem Bäumchen und sagte: “Ich bin da, um mein Wort zu halten. Nun sollst Du einmal sehen!”

Neben dem Christkind im Schatten stand Nikolaus, der hielt seinen großen Sack mit beiden Händen auseinander und Christkind griff hinein und wieder hinein und überschüttete das Bäumchen mit goldenen Nüssen und Äpfeln, mit köstlichem Zuckerwerk, mit Rosinen und Mandeln, mit funkelnden Perlen und silbernen Sternen, so dass es schöner und bunter glänzte und prangte, als je ein Baum zuvor.

Dann steckte der Nikolaus brennende Kerzchen an die Zweige der Tanne, da leuchtete sie fast so hell wie die Sternlein an dem dunklen Nachthimmel über sie. Wie nun alles fertig war, klingelte Christkind laut und lange mit seiner silbernen Schelle, dass alle Bäume und Sträucher rings umher aufwachten, sich verwundert umsahen und nicht wussten, woher auf einmal all der Glanz und die Pracht kam.

“Seht hierher, Ihr Necker und Spötter!” rief nun das Christkind mit lauter Stimme, “der herrlich geschmückte Baum vor euch, das ist das Tannenbäumchen, welches Ihr ausgespottet und gekränkt habt und das nun schöner ist, als je einer von euch gewesen. Jetzt nehme ich es mit mir, wohin Ihr niemals kommt, in warme, geschmückte, helle Stuben und zu fröhlichen Menschen. Alt und Jung wird sich an seinem Anblick erfreuen und die Kinder werden es am liebsten von allen Bäumen haben!”

Damit nahm Christkindchen das Bäumchen in die Hand, breitete seine Flügel aus und fort war es, ehe sich die erstaunten Bäume ein wenig von ihrer Verwunderung erholen konnten. Ganz verdutzt blickten sie dem hellen Streifen nach, bis er im Dunkel entschwand und nickten dann verdrossen und kopfschüttelnd wieder ein.

Wohin aber Christkind das Tannenbäumchen trug, das brauche ich Euch nicht zu sagen, das wissen alle artigen Kinder, die zu Weihnachten eines von ihm bekommen. Nun esset Ihr zwar gern frische Kirschen und süße Birnen gebratene Äpfel und Pflaumenmus, wenn ich Euch aber jetzt frage: “Welcher Baum ist Euch der liebste von allen, was werdet Ihr sagen?”

Da riefen Georg und Mathildchen jubelnd und wie aus einem Munde und alle Kinder rufen es mit ihnen: “Das Tannenbäumchen! das Tannenbäumchen!”

So hat die Geschichte angefangen…

erster Teil am 5. Dezember

zweiter Teil am 7. Dezember

dritter Teil am 10. Dezember

Luise Büchner 1821 – 1877