Der 5. Dezember

Die Geschichte vom Tannenbäumchen (1)

“Tante Luise”, sagte am andern Abend Mathildchen, “was erzählst Du uns denn heute für eine Geschichte? Weißt Du denn noch etwas?” “Ja freilich weiß ich noch etwas, hört mir nur zu!”

“Ach, Tante”, sagte das Mathildchen wieder, “es dauert doch gar zu lange bis das Christkind kommt, ich kann es kaum noch aushalten und werde ganz ungeduldig.” “Ungeduldig? das musst Du Dir vergehen lassen. Höre nur wie geduldig das Tannenbäumchen war und wie es stille wartete, bis sein Zeit kam, denn die Geschichte, die ich heute erzähle, kommt in unserm Garten vor!”

Die Kinder stützten ihre kleinen Ellenbogen auf der Tante Knie und sie begann:
“Es war einmal ein schöner großer Garten, in dem standen eine Menge Bäume, welche alle die herrlichsten Früchte trugen. Auf dem einen wuchsen Kirschen, auf dem andern Birnen, auf dem dritten Äpfel und so fort, aber bei allen gab es etwas zu naschen vom Frühjahr bis zum Herbst und die Kinder, die in dem Garten wohnten, hatten die Bäume sehr lieb.

Nun war es wieder einmal Frühling und der Garten stand da in seinem schönsten Schmucke. Die Kirschbäume waren anzusehen, als wären sie mit Zucker bestreut, die Pfirsiche hatten rosenrote Blüten wie der Abendhimmel und die Apfelbäume waren mit weißen Röslein ganz überschüttet.

Da war kein Strauch und kein Bäumchen auch noch so klein, welches nicht eine Blütenflocke oder ein lichtes, saftgrünes Blättchen aufzuweisen hatte und wenn dann die liebe Sonne so drüber hin schien, war der Garten gar zu lieblich anzusehen.

Aber mitten drinnen in all der Pracht stand ein kleiner Baum, für den schien kein Frühling gekommen zu sein, denn starr und dunkelgrün streckten seine Nadeln sich hinaus und auch nicht die kleinste weiße oder rote Blüte war daran aufzufinden. Das Bäumlein aber war trotz seiner Armut ganz zufrieden, beklagte sich nicht, und kam manchmal im Vorüberfliegen ein Vöglein seinem Wipfel nahe und ruhte sich darauf aus, so freute es sich wie die andern Bäume an dessen Gezwitscher und dachte nicht daran, wie unscheinbar es neben ihnen aussah.

Aber das ärgerte die schöngeputzten Bäume und ein hochmütiger Kirschbaum fing auf einmal an und sprach: “Es ist ein rechtes Glück, wenn man hübsch aussieht und auch zu etwas gut ist in der Welt! Was habe ich jetzt für feine, weiße Blüten und wenn diese abgefallen sind, dann kommen die frischen, grünen Blätter und zuletzt die prächtigen, roten Kirschen, an denen die kleinen und großen Leute ihr Vergnügen haben. Ach, wie froh bin ich, dass ich nicht so ein einfältiger Tannenbaum geworden bin, wie derjenige hier neben mir, der doch zu nichts auf der Welt gut ist, als um uns den Platz zu versperren!”

“Du hast Recht”, rief ein stattlicher Birnbaum, “Dein Nachbar ist mehr als überflüssig im Vergleich zu uns. Von meinen saftigen Birnen will ich noch gar nicht reden, aber welchen prächtigen Schatten gebe ich in der Hitze den lieben Kindern, die sich auf der Bank unter meinem Blätterdache ausruhen.

Es geht weiter…

zweiter Teil am 7. Dezember

dritter Teil am 10. Dezember

vierter Teil am 12. Dezember

Luise Büchner 1821 – 1877