Der 7. Dezember

Die Geschichte vom Tannenbäumchen (2)

Nicht einmal vor der Sonne vermag der einfältige Tannenbaum zu schützen.” “Ja, ja”, fing nun ein dicker Apfelbaum an, “mit uns kann sich der arme Tropf freilich nicht messen. Was mich aber am meisten verdrießt, dies ist, dass man die langen Zapfen, welche der Herbstwind von ihm herunterschüttelt und die weder für Mensch, noch Tier genießbar sind, Tannäpfel nennt. Als ob sie auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit meinen schmackhaften Früchten hätten; es ist wirklich zu arg!”

Dabei schüttelte der alte Herr sein Haupt so gewaltig, dass dicke Blütenflocken zur Erde fielen und einzelne an den Nadeln des armen Tannenbäumchens hängen blieben.

“Seht, wie er sich jetzt auch noch mit fremden Federn schmückt!” schrie ein naseweiser, junger Pflaumenbaum; “Der Unverschämte, er glaubt, weil er spitze Nadeln habe dürfe er uns allen trotzen!”

Und nun fingen alle Bäume zugleich an, auf die arme Tanne zu schelten, und lobten dabei unaufhörlich ihre eignen Früchte, sowie den Nutzen, den diese brächten. Selbst die Johannis- und Stachelbeerbüsche blieben nicht still und Niemand wollte dem bescheidenen Tannenbäumchen das mindeste Gute zuerkennen.

Drüben über dem Bach war ein Wald voll schöner Buchen und Eichen; auch diese fingen an mitzuspotten und sich hervorzutun. Eine dicke Buche überschrie zuletzt alle und rief: “Wenn wir auch keine so süßen Früchte tragen, wie der liebe Kirschbaum und der vortreffliche Apfelbaum, so sind wir doch gleichfalls von dem allergrößten Nutzen. Im Sommer geben wir kühlen, prächtigen Schatten und im Winter heizen wir die Zimmer ein, wenn es draußen stürmt und schneit, denn wir haben gutes, festes Holz, aber selbst das Holz der hässlichen Tanne ist elendes Zeug, macht schwarz und rußig und gibt keine Wärme. Nebenbei sind unsre kleinen Früchte auch gar nicht zu verachten. Die Buchecker glänzen zwar äußerlich nicht durch ihre Schönheit, aber man presst gutes, fettes Öl daraus, in dem man Pfannkuchen und Kräppeln backen kann, die sehr gut zu den gekochten Kirschen und Pflaumen schmecken!”

“Nun, bist du bald fertig?” fing eine Eiche neben ihr an, “du tust, als ob du der erste Baum im Walde wärest. Mich lasse reden. Ich bin die deutsche Eiche und ein poetischer Baum. Wo es irgend ein Fest gibt, macht man aus meinen Blättern Kränze, ich komme in Millionen Gedichten vor und mein Laub wird überall hingestickt, in Gold, Seide und Perlen. Was nun den Nutzen betrifft, so ist der meinige ohne Widerrede der bedeutendste. Mit meinen Eicheln mästet man Schweine und es gibt verständige Leute genug, die essen lieber ein gutes Stück Schweinebraten, als Kirschen und Birnen und wie all das süße, kraftlose Zeug heißt, mit dem ihr so gewaltig groß tut!” Nachdem die Eiche dies gesprochen hatte, fächelte sie sich mit ihren Zweigen, hob stolz den Wipfel empor und sah sich um, als wolle sie fragen: “Wagt es noch Jemand etwas zu sagen?”

Wahrhaftig, die deutsche Eiche hatte mehr Mut, als gewöhnlich ein deutscher Mensch. Die anderen Bäume blieben auch ganz still und keiner muckte, bis endlich eine schlanke, grüne Linde sich zu regen begann und leise säuselte: “Ei, ei, Ihr lieben Freunde! Am Ende bin ich doch noch die Wichtigste von euch allen, wenn meine Blüten auch sehr klein und unscheinbar und fast nur durch ihren süßen Duft bemerkbar ist.

So hat die Geschichte angefangen…

Es geht weiter….

dritter Teil am 10. Dezember

vierter Teil am 12. Dzember

Luise Büchner 1821 – 1877