Meine Mutter erinnert sich – Winterzeit

Ich erhebe nicht den Anspruch auf Genauigkeit und auf Richtigkeit dieser Geschichten. Ich schreibe das auf, was in meinem Gedächtnis hängengeblieben ist und lasse die Erzählungen meiner Mutter mit einfließen. Ganz Persönliches habe ich hin und wieder verschönt oder verändert wiedergegeben. Ich habe mir die schriftstellerische Freiheit genommen, manches auszuschmücken oder abzuwandeln.

Die Kindheit meiner Mutter aus ihrer Sicht erzählt:

Die schönsten Erinnerungen, die ich an meine Kindheit habe, sind die Erlebnisse mit meinem Großvater. Da meine Eltern, insbesondere meine Mutter, den ganzen Tag und teilweise auch ganze Wochen nicht zu Hause waren, war es die Aufgabe meiner Großeltern auf uns Kinder achtzugeben. Meine Großmutter hatte mit uns Kindern nicht viel am Hut. Sie hatte zwar selbst sechs Kinder großgezogen, aber wie sie das geschafft hat, weiß der liebe Himmel, denn für Erziehung von Zöglingen fehlte ihr jeglicher Sinn, denn Geduld und die Gelassenheit waren nicht ihre Stärke. Aus diesem Grund hat mein Opa diese Aufgabe wahrgenommen. Er ging ganz in dieser Verpflichtung  auf. Er war immer darauf bedacht, dass es uns gut ging und wir uns wohlfühlten. Opa war der geduldigste und liebevollste Mensch, den man sich vorstellen kann. So bin ich sehr behütet und sorglos aufgewachsen. Durch meinen Großvater hatten meine Geschwister und ich eine schöne und unbeschwerte Kindheit.

Wir lebten in bescheidenen und einfachen Verhältnissen, aber durch die Güte und Wärme, die uns mein Opa gab, habe ich mehr Reichtum bekommen, als alles Gold und Geld dieser Welt.

Ab Mitte November lang so viel Schnee, dass die Haustüre schon gar nicht zu öffnen ging. Es war die Aufgabe meines Großvaters, jeden Morgen den Schnee wegzuschaufeln, damit wir überhaupt aus unserem Haus kommen konnten. Da ich schon immer sehr klein war, hat mein Großvater mich ab dem ersten Schuljahr den Winter über auf seinen Schultern zur Schule getragen und auch wieder abgeholt. Als dann mein Bruder Anton zwei Jahre später auch zur Schule ging, hat mein Opa mich weiter zur Schule getragen. Meinem Bruder erklärte er: „Geh Toni, du bist kräftiger als die Mizi, du schaffst es schon zu Fuß zu laufen.“