St. Martinsumzug um 1947

Ich habe, wie sich das unter Bergleuten geziemt, einen noch lebensälteren Kumpel Ernst, der sein Leben in Meerbeck und Umgebung verbringt. Ein wirklich international gefragter Urbergmann (eine seiner Grubenlampen wurde dem Papst als Geschenk der damaligen Ministerpräsidentin überreicht – aber das ist eine andere Geschichte).

Wenn Ernst seine „Dönnekens” verzällt, wird es interessant.

Es war die Zeit der Martinsumzüge und auch ich wollte mich daran beteiligen und die Balkonbrüstung mit meinen brennenden Grubenlampen schmücken – nur die brannten nicht! Da konnte nur mingen Kumpel Ernst helfen. Was er auch sofort tat.

Während er die Lampen auseinander nahm, reinigte und kaputte Teile ersetzte, erzählte er von einem Martinsumzug so um 1947 in Meerbeck.

1947 war ein Jahr der bittersten Armut! Der Meerbecker Heimatforscher, natürlich auch ein Bergmann, Karl-Heinz Tepper, schreibt in seinem Buch über Meerbeck, dass man damals dem Herrn Pfarrer folgendes Schild an seinen Hühnerstall heftete: „Bist du Gottes Diener, brauchst du keine Hühner. Der liebe Gott ist überall, nur nicht in deinem Hühnerstall!“

Man hatte dem Pastor die Hühner geklaut!

Ich lebte in damals in meiner Heimat, dem Bergischen Land, und die Besitzerin des Leichenwagens sagte freudig: “Die Lück sterwen, et is ene Pracht!” Es gab also Leute, die an dem Elend verdienten.

Ernst hatte damals ein Pony, welches dem heiligen Martin bei dem Martinsumzug als Reittier diente. Aber die Not war groß und Hunger tut weh. Da ging das Pony zum Metzger Brandhof und wurde verspeist. Aber die Meerbecker waren damals Bergleute, wo es immer, wie auf dem Pütt gilt:

Gibts nicht, gibts nicht!

Der Martinsumzug wurde ohne Pferd veranstaltet. Nur der heilige Martin hatte kein Pferd! Aber das machte nichts! Man setzte den heiligen Mann auf ein Fahrrad (was damals eine Kostbarkeit war). Munter drauflos strampelnd, führte St. Martin die Kinderschar an. Dann kam der Höhepunkt jedes Martinsumzugs, die Begegnung mit dem Bettler. Es musste der Mantel geteilt werden. Nur das hatte man nicht geübt und holter die polter stürzte der heilige Martin dem Bettler in den Schoß.

Aber, es war doch ein wunderbares Martinsfest – natürlich ohne Weckmann – dazu war man zu arm.

Grüße mit einem freundlichen Glückauf!

Wolfgang vom Niederrhein