{"id":31069,"date":"2020-01-20T10:22:35","date_gmt":"2020-01-20T09:22:35","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-quartier.de\/stadt-bergheim\/?p=31069"},"modified":"2020-01-27T19:54:27","modified_gmt":"2020-01-27T18:54:27","slug":"demenzgeschichten-ich-muss-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-quartier.de\/stadt-bergheim\/2020\/01\/demenzgeschichten-ich-muss-zurueck\/","title":{"rendered":"Demenzgeschichten &#8211; &#8220;Ich muss zur\u00fcck&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Ein kleiner Ort im Erftkreis vor den Toren K\u00f6lns, mit einer alten halb verfallenen Burg eines ehemaligen Landadeligen.<\/p>\n<p>Die Burg war im Jahre 2012 schon lange nicht mehr bewohnt und dennoch lebte dort noch immer eine sehr alte Dame. Ganz alleine. In einer alten Kate der ehemaligen Bediensteten der Burg auf dem Gel\u00e4nde. Sie wurde von kaum jemanden beachtet. Sie hat sich komplett selber versorgt, sie hatte keine Angeh\u00f6rigen und nur eine minimale Rente. Die alte Dame, nennen wir sie Alice, besa\u00df ein uraltes klapperiges Fahrrad mit dem sie nicht mehr fuhr, weil sie Angst hatte zu fallen.<\/p>\n<p>So schob sie es immer in den n\u00e4chsten Ort um dort in einem kleinen Supermarkt ihre Lebensmittel zu kaufen.<\/p>\n<p>Dann schob sie das Rad zur\u00fcck und lebte weiter auf dem alten Burghof, unbeachtet und alleine vom Rest der Welt, der um sie herum immer gesch\u00e4ftiger und un\u00fcbersichtlicher wurde. Die modernen Familien und Menschen um sie herum ignorierten die alte, seltsam gekleidete Frau v\u00f6llig.<\/p>\n<p>Keiner fragte sie, ob sie eventuell Hilfe ben\u00f6tigte. Niemand machte sich Sorgen. Niemand wunderte sich dar\u00fcber, dass ihre Kleidung verschlissener und warum der BH \u00fcber der Bluse getragen wurde.<\/p>\n<p>An einem verregneten Tag geht Alice wieder mit ihrem Rad Richtung Supermarkt, rutscht aus, f\u00e4llt und kann nicht mehr aufstehen. Der von Passanten gerufene Notarzt bringt sie ins Krankenhaus.<\/p>\n<p>Dieses Ereignis setzt eine Maschinerie in Gange, die nicht mehr aufzuhalten ist\u2026<\/p>\n<p>Alice hat Schmerzen, weint und ist mit der ganzen Situation v\u00f6llig \u00fcberfordert, sagt nur immer wieder, dass sie dringend nach Hause muss. Der Oberschenkel ist gebrochen \u2013 sie wird sofort operiert. Das hei\u00dft alle Sachen ausziehen und Narkose.<\/p>\n<p>Die Pflegekr\u00e4fte, die ihr helfen, bemerken wie abgemagert Alice ist und dass ihre Haut voller Pilze ist.<\/p>\n<p>Der Soziale Dienst des Krankenhauses wird \u00fcber eine 93j\u00e4hrige, hilflose alte Dame benachrichtigt, die dringend Unterst\u00fctzung braucht.<\/p>\n<p>Nach zwei Tagen, in denen Alice auf einer Intensivstation s\u00e4mtliche f\u00fcr sie katastrophalen Untersuchungen und Qu\u00e4lereien \u00fcber sich ergehen hat lassen, kommt sie auf eine normale Station und wird dort vom Sozialdienst besucht.<\/p>\n<p>Die Sozialdienst-Mitarbeiterin des Krankenhauses findet eine weinende 93j\u00e4hrige Dame im Bett liegend vor, die v\u00f6llig ver\u00e4ngstigt ist und sich an die H\u00e4nde der Sozialarbeiterin klammert\u2026.<\/p>\n<p>\u201eBitte, bitte ich muss nach Hause, Alfred findet mich sonst nicht\u2026bitte, bitte bringen sie mich nach Hause.\u201c<\/p>\n<p>Der soziale Dienst nimmt sich der Geschichte an, weil Alice ja in diesem Zustand nicht einfach alleine nach Hause geschickt werden kann. Das zust\u00e4ndige Amtsgericht wird aktiviert und kommt mit Bildern von der Kate, in der Alice lebt, ins Krankenhaus. Alle sind entsetzt, wie man im Jahre 2012 noch so \u201ehausen\u201c kann. Eine Kate aus rohem Stein, kein flie\u00dfend Wasser, ein Eimer im Hof f\u00fcr ihre Notdurft, keine Elektrizit\u00e4t, verwahrloste Kleidung, eine Sch\u00fcssel mit abgestandenem Wasser\u2026katastrophale Lebensumst\u00e4nde. Besonders f\u00fcr eine 93j\u00e4hrige, die nat\u00fcrlich dort nicht mehr leben kann.<\/p>\n<p>Das Amtsgericht stellt also einen Betreuer zur Verf\u00fcgung, der f\u00fcr Alice die Vormundschaft \u00fcbernimmt, sich um ihre Angelegenheiten k\u00fcmmert und einen Platz in einem Seniorenheim sucht.<\/p>\n<p>Im Verlauf der Behandlung im Krankenhaus wird Alice zunehmend verwirrter und unruhiger. Sie will nur nach Hause und ruft nach \u201eAlfred\u201c.<\/p>\n<p>Nur wurde leider keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Existenz eines \u201eAlfred\u201c geliefert. Der Betreuer fuhr auf den alten Hof und suchte noch nach einem Hund oder einer Katze, die auf den Namen Alfred h\u00f6rte \u2013 fand aber nichts.<\/p>\n<p>Das Amtsgericht macht eine entfernte Nichte von Alice ausfindig, die aber schon seit 40 Jahren keinen Kontakt mehr zu Alice hat \u2013 die nat\u00fcrlich auch Alice nicht zu sich nehmen kann um sie zu versorgen und zu pflegen.<\/p>\n<p>Jedoch erz\u00e4hlt diese Nichte den Krankenhaus-Mitarbeitern Alice Lebensgeschichte:<\/p>\n<p>Alice lebt auf dieser Burg seit ihrem 6. Lebensjahr. Die Burg wird damals vom Landadel noch bewirtschaftet. Alice Mutter war dort Dienstm\u00e4dchen, der Vater arbeitete auf den Feldern.<\/p>\n<p>Die kleine Alice und ihre Geschwister wuchsen auf dem Geh\u00f6ft auf und Alice wurde damals im Alter von 12 Jahren ebenfalls in den Dienst als K\u00fcchenhilfe eingestellt. Ihre Geschwister verlie\u00dfen sp\u00e4ter die Gegend.<\/p>\n<p>Auf dem Hof arbeitete ein Stallknecht namens Alfred.<\/p>\n<p>Alice und Alfred verliebten sich und waren verlobt als Alfred in den Krieg eingezogen wurde.<\/p>\n<p>Alfred ist im Krieg gefallen.<\/p>\n<p>Alice hat ihr Leben lang um ihn getrauert und nie geheiratet, sie hat weiter auf diesem Hof gelebt, selbst als die Burg verlassen wurde, ist Alice dortgeblieben.<\/p>\n<p>Alice wusste, dass Alfred nicht mehr heimkommen kann, da er gefallen war, aber in Alice Kopf und Herzen war sie immer mit Alfred verbunden.<\/p>\n<p>Und je \u00e4lter und einsamer Alice wurde, wurde Alfred wieder zur Realit\u00e4t.<br \/>\nUnd sie blieb auf dem Hof, damit Alfred sie bei seiner R\u00fcckkehr auch wiederfindet.<\/p>\n<p>Dass Alice auch jetzt mit 93 und dement immer noch Alfred zum Lebensinhalt hat, ist da ja nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Alle Mitarbeiter des Krankenhauses waren tief getroffen und ger\u00fchrt von dieser Geschichte.<\/p>\n<p>Nur blieb allen Beteiligten nichts anderes \u00fcbrig, als Alice in die Obhut des Pflegeheimes zu geben, weil es nicht m\u00f6glich war, die alte demente Dame in diese schlimmen h\u00e4uslichen Verh\u00e4ltnisse zur\u00fcck zu geben.<\/p>\n<p>Wie sch\u00f6n w\u00e4re es gewesen, wenn es jemanden gegeben h\u00e4tte, der ihr die Kate h\u00e4tte renoviert, eine Pflegekraft zur Seite gestellt h\u00e4tte und sich um Alice in ihrer seit 87 Jahren gewohnten Umgebung zu k\u00fcmmern. Leider ist dies in Deutschland so nicht vorgesehen.<\/p>\n<p>Alice verstarb innerhalb zweier Monate im Pflegeheim, immer mit dem Rufen nach Alfred auf den Lippen.<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><strong>Petra Windhausen, Maria-Hilf-Krankenhaus &#8211; Platz 2<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kleiner Ort im Erftkreis vor den Toren K\u00f6lns, mit einer alten halb verfallenen Burg eines ehemaligen Landadeligen.<\/p>\n<p>Die Burg war im Jahre 2012 schon lange nicht mehr bewohnt und dennoch lebte dort noch immer eine sehr alte Dame. Ganz alleine. In einer alten Kate der ehemaligen Bediensteten der Burg auf dem Gel\u00e4nde. 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