{"id":31408,"date":"2020-02-19T16:46:32","date_gmt":"2020-02-19T15:46:32","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-quartier.de\/stadt-bergheim\/?p=31408"},"modified":"2020-02-19T16:46:32","modified_gmt":"2020-02-19T15:46:32","slug":"demenzgeschichten-das-brathaehnchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-quartier.de\/stadt-bergheim\/2020\/02\/demenzgeschichten-das-brathaehnchen\/","title":{"rendered":"Demenzgeschichten: Das Brath\u00e4hnchen"},"content":{"rendered":"<p>Die nette Aussiedlerin verabschiedet sich. Sie braucht wieder einmal eine polnische \u00dcbersetzung, diesmal f\u00fcr einen Notartermin. Gro\u00df ist die Nachfrage nach polnischen \u00dcbersetzungen beim \u00dcbersetzungsb\u00fcro Potzblitz nicht. Wahrscheinlich gehen die meisten \u00dcbersetzungsauftr\u00e4ge f\u00fcr Polnisch an das B\u00fcro f\u00fcr Ostsprachen ein paar Stra\u00dfen weiter. Seitdem der fr\u00fchere \u00dcbersetzer in Ruhestand gegangen ist, \u00fcbersetzt ein alter Herr die polnischen Urkunden f\u00fcr Potzblitz. Obwohl er vom Oberlandesgericht als \u00dcbersetzer f\u00fcr Polnisch erm\u00e4chtigt ist, ist die f\u00fcr das Privatkundengesch\u00e4ft zust\u00e4ndige Veronika mit ihm nicht ganz zufrieden. In Anbetracht der geringen Nachfrage hat sie sich aber noch nicht die M\u00fche gemacht, einen besseren freien Mitarbeiter f\u00fcr Polnisch zu finden.<\/p>\n<p>Der alte Herr sagt sofort zu, und Veronika schickt ihm die eingescannte Geburtsurkunde per E-Mail. \u201eIn sp\u00e4testens zwei Wochen muss die beglaubigte \u00dcbersetzung im Original bei mir sein\u201c, sch\u00e4rft sie ihm ein. Damit sie die \u00dcbersetzung schon vorab Korrektur lesen kann, setzt sie hinzu: \u201eBitte schicken Sie mir die \u00dcbersetzung vorab per E-Mail zu.\u201c Die Erfahrung hat sie gelehrt, dass es bei ihm in der Regel etwas zu korrigieren gibt. Da sie keine Empfangsbest\u00e4tigung erh\u00e4lt, ruft sie zwei Tage sp\u00e4ter wieder an. Ja, er hat ihre E-Mail erhalten und macht die \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>Als Veronika am Ende der Woche immer noch keine \u00dcbersetzung bekommen hat, ruft sie wieder an. \u201eDie ist vom Kunden abgesagt worden\u201c, erkl\u00e4rt ihr der Polnisch\u00fcbersetzer. \u201eWie bitte?? Von was f\u00fcr einem Kunden?&#8221; fragt Veronika. Nach eingehender Nachfrage stellt sich heraus, dass er wohl eine Anfrage von einem anderen Kunden erhalten hat, der ihn dann aber doch nicht beauftragt hat. Es gelingt ihr nur mit M\u00fche, ihn zu \u00fcberzeugen, dass er die \u00dcbersetzung f\u00fcr Potzblitz doch noch machen muss. Er erz\u00e4hlt, er h\u00e4tte einige Seiten vom Gericht zur \u00dcbersetzung bekommen, und eigentlich h\u00e4tte er jetzt keine Zeit mehr f\u00fcr die Geburtsurkunde. \u201eWenn Sie noch andere Auftr\u00e4ge annehmen, m\u00fcssen Sie den Auftrag f\u00fcr uns aber trotzdem p\u00fcnktlich liefern,\u201c sagt Veronika streng.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich kommt die \u00dcbersetzung des Polnisch\u00fcbersetzers nun auch bald, allerdings nicht per E-Mail, sondern per Fax \u2013 und voller Fehler. 12 Fehler auf 12 Zeilen z\u00e4hlt Veronika. Als sie ihn anruft und die zahlreichen Fehler beanstandet, sagt er, sie h\u00e4tte ihn zu sehr unter Druck gesetzt. \u201eSie hatten f\u00fcr diese paar Zeilen eine ganze Arbeitswoche Zeit. Wieso habe ich Sie zu sehr unter Druck gesetzt? Au\u00dferdem ist das ein Standardformular, das Sie jedenfalls schon oft zur \u00dcbersetzung bekommen haben. Sie brauchen doch nur die personenbezogenen Daten einsetzen. Warum sind dann so viele Fehler aufgetreten?\u201c \u201eIch habe alles neu \u00fcbersetzt\u201c, sagt der Polnisch\u00fcbersetzer. Nun wundert sich Veronika nicht nur \u00fcber die vielen Fehler, sondern auch \u00fcber seine ineffiziente Arbeitsweise. Zu ihren Beanstandungen geh\u00f6rt unter anderem ein fehlerhaftes diakritisches Zeichen. \u201eFr\u00fcher konnte ich es schreiben, aber jetzt habe ich es nicht mehr gefunden\u201c, sagt er. Er erkl\u00e4rt sich aber bereit, die Fehler zu korrigieren. \u201eSchicken Sie mir die korrigierte \u00dcbersetzung bitte per E-Mail als Word-Datei\u201c, sch\u00e4rft sie ihm ein, in dem Gedanken, etwaige verbleibende Fehler gleich selbst in der Word-Datei zu korrigieren.<\/p>\n<p>Am Montag bekommt sie dann tats\u00e4chlich eine E-Mail vom Polnisch\u00fcbersetzer, allerdings mit der \u00dcbersetzung als PDF-Datei, die sie nicht bearbeiten kann. Die \u00dcbersetzung ist wieder voller Fehler, diesmal aber zum Teil andere. Als sie den Polnisch\u00fcbersetzer anruft, ist er sehr aufgeregt. \u201eDies ist ein furchtbarer Tag! Ich habe drei Seiten f\u00fcrs Gericht \u00fcbersetzt, und jetzt sind sie verschwunden!\u201c Veronika schwant B\u00f6ses. Die \u00dcbersetzung f\u00fcr Potzblitz hat er offensichtlich auch schon wieder komplett neu erstellt, daher die neuen Fehler. Wei\u00df er nicht mehr, wie man Dateien speichert? Fr\u00fcher konnte er das, und er konnte ihr auch gespeicherte Word-Dateien per E-Mail zusenden. Sie sch\u00e4rft ihm noch einmal ein, dass sie schleunigst eine fehlerfreie \u00dcbersetzung braucht, und zwar als Word-Datei per E-Mail. \u201eEs nutzt mir nichts, dass Sie die Richtigkeit und Vollst\u00e4ndigkeit bescheinigen, wenn die \u00dcbersetzung weder richtig noch vollst\u00e4ndig ist\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>Veronika klagt ihr Leid ihrer Kollegin Nicole, die f\u00fcr das Firmenkundengesch\u00e4ft zust\u00e4ndig ist. \u201eVor 1 \u00bc Jahren habe ich ihn das letzte Mal beauftragt. Damals hatte ich einen Fehler gefunden. Den hat er korrigiert, und dann war die Sache erledigt. Aber jetzt geht nichts mehr! Die \u00c4hnlichkeit zwischen Ausgangs- und Zieltext wirkt wie zuf\u00e4llig und nicht beabsichtigt. Nicht einmal die polnischen Sonderzeichen kann er mehr schreiben! Wie kann er dann als Polnisch\u00fcbersetzer arbeiten?\u201c \u201eDer kann \u00fcberhaupt nicht mehr arbeiten, nicht nur als Polnisch\u00fcbersetzer nicht\u201c, sagt Nicole. \u201eSuch dir lieber einen anderen \u00dcbersetzer.\u201c \u201eWarum hat er mir denn nicht gleich gesagt, dass er nicht mehr \u00fcbersetzen kann? Er sch\u00e4digt doch seine Kunden.\u201c \u201eWeil er es selbst nicht merkt. Meine Tante hat ihr Auto zu Schrott gefahren, weil sie nicht bereit war einzusehen, dass sie nicht mehr Auto fahren kann. Dabei kann man schon froh sein, dass keine Personen zu Schaden gekommen sind.\u201c \u201eRichtig, er sieht \u00fcberhaupt nichts ein. Schuld ist sein Computer, der die ganzen \u00dcbersetzungsfehler produziert, und nat\u00fcrlich ich, die ich seine perfekten \u00dcbersetzungen beanstande.\u201c Das Telefon klingelt. Nicole hebt ab. \u201eJa, Herr Hunold, Ihre \u00dcbersetzung kommt gleich.\u201c \u201eDas Stahlwerk\u201c, sagt sie, nachdem sie aufgelegt hat. \u201eIch muss weitermachen.\u201c<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste korrigierte \u00dcbersetzung kommt dann wieder per Fax, immerhin mit weniger Fehlern als vorher, aber daf\u00fcr hat der Polnisch\u00fcbersetzer die Aussiedlerin jetzt um 18 Jahre j\u00fcnger gemacht. Als Veronika die falsche Jahreszahl moniert, hat er kein Verst\u00e4ndnis. \u201eDas ist doch richtig!\u201c Auch behauptet er, er k\u00f6nne keine E-Mails senden. \u201eSie haben mir aber doch gerade noch die PDF-Datei geschickt. Wie haben Sie das denn gemacht?\u201c \u201eDas wei\u00df ich nicht.\u201c Veronika rauft sich die Haare. Aber es kommt ihr eine Idee f\u00fcr einen letzten Versuch, denn f\u00fcr eine beglaubigte \u00dcbersetzung braucht sie seine Unterschrift. \u201eWenn ich Ihre PDF-Datei mit OCR einlese, die Fehler korrigiere und Ihnen dann zuschicke, k\u00f6nnen Sie sie \u2013 wenn Sie mit meinen Korrekturen einverstanden sind \u2013 ausdrucken, unterschreiben und mir per Post schicken?\u201c \u201eDas kann ich machen.\u201c<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag ruft sie an, ob er ihre E-Mail mit der korrigierten \u00dcbersetzung bekommen hat. Als er das best\u00e4tigt, sch\u00e4rft sie ihm ein, sie sofort auszudrucken, zu unterschreiben und vor der Leerung in die Post zu geben. Er verspricht hoch und heilig, das zu tun. Gegen Feierabend gehen beim \u00dcbersetzungsb\u00fcro Potzblitz mehrere Faxe ein. Als Veronika hinschaut, erkennt sie, dass es sich um eine der bereits von ihr korrigierten fehlerhaften \u00dcbersetzungen handelt. Sie ruft den Polnisch\u00fcbersetzer an. \u201eIch brauche keine Faxe, sondern die korrigierte \u00dcbersetzung unterschrieben von Ihnen per Post\u201c, sagt sie genervt. \u201eHaben Sie sie heute in die Post gegeben?\u201c \u201eIch habe nichts von Ihnen bekommen.\u201c \u201eHeute Morgen hatten Sie meine E-Mail aber noch bekommen!\u201c<\/p>\n<p>Ein letzter verzweifelter Versuch f\u00e4llt ihr noch ein. \u201eWenn ich die korrigierte \u00dcbersetzung heute an Sie in die Post gebe, haben Sie sie morgen im Briefkasten. K\u00f6nnten Sie sie bitte unterschreiben, stempeln und <em>sofort<\/em> wieder an mich zur\u00fcckschicken?\u201c \u201eDas kann ich machen.\u201c Nicole ist skeptisch. Veronika schreibt den \u00dcbersetzungsauftrag vorsichtshalber parallel dazu im Internet aus, denn die urspr\u00fcnglich gro\u00dfz\u00fcgige Lieferfrist von zwei Wochen f\u00fcr diesen Miniauftrag ist mittlerweile auf wenige Tage geschrumpft.<\/p>\n<p>Als sie am n\u00e4chsten Tag ins B\u00fcro kommt, liegt ein dicker Stapel Papier im Faxger\u00e4t. Wieder die gleiche fehlerhafte \u00dcbersetzung. Der Anrufbeantworter ist voll. Lauter Faxt\u00f6ne. Entnervt ruft sie den Polnisch\u00fcbersetzer an. \u201eH\u00f6ren Sie bitte sofort mit den Faxen auf!! Haben Sie meinen Brief bekommen?\u201c Der Polnisch\u00fcbersetzer macht einen sehr verwirrten Eindruck. \u201eSie werden es ja nicht glauben, aber statt Ihres Briefes hat der Briefbote mir heute ein Brath\u00e4hnchen in den Briefkasten geworfen! Ich wei\u00df gar nicht, warum er das gemacht hat.\u201c Veronika und Nicole sehen sich mit gro\u00dfen Augen an. Veronika steht entschlossen auf. \u201eJetzt gehe ich zum Chef!\u201c<\/p>\n<p>Nachdem sie dem Chef von den Problemen mit dem Polnisch\u00fcbersetzer berichtet hat, sagt dieser: \u201eSchicken Sie schleunigst eine E-Mail an den Polnisch\u00fcbersetzer: \u201aIhre \u00dcbersetzung ist viel zu fehlerhaft, und s\u00e4mtliche Nachbesserungsversuche sind fehlgeschlagen. Wir treten vom Vertrag zur\u00fcck.&#8217; Und suchen Sie sofort nach einem neuen Polnisch\u00fcbersetzer!\u201c Als Veronika sich zum Gehen schickt, fragt er noch grinsend: \u201eHaben Sie den alten Herrn denn wenigstens gefragt, ob ihm das Brath\u00e4hnchen geschmeckt hat?\u201c \u201eWenn ich ihn das frage, wird er sagen, er habe nie von einem Brath\u00e4hnchen gesprochen. Er widerspricht sich andauernd.\u201c<\/p>\n<p>Sie geht gem\u00e4\u00df den Anweisungen des Chefs vor und hat Gl\u00fcck: Unter den inzwischen auf ihre Ausschreibung eingegangenen Angeboten findet sich schnell eine \u00dcbersetzerin, die die \u00dcbersetzung sofort macht, sie Veronika zur Ansicht zuschickt und sie dann noch am selben Tag in die Post gibt. Veronika f\u00e4llt ein Stein vom Herzen. Der Kundentermin ist gerettet.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie nach Feierabend an der Stra\u00dfenbahnhaltestelle wartet, f\u00e4llt ihr eine verwirrt wirkende alte Frau auf. Als die Stra\u00dfenbahn einf\u00e4hrt, w\u00e4re die alte Frau um ein Haar vor die Bahn gelaufen, wenn Veronika sie nicht in letzter Sekunde zur\u00fcckgehalten h\u00e4tte. Statt ihr dankbar zu sein, dass sie ihr das Leben gerettet hat, ist die Alte erbost, dass sie es gewagt hat, sie anzufassen, und haut ihr ihren Kr\u00fcckstock auf den Kopf.<\/p>\n<p>In der Stra\u00dfenbahn beobachtet Veronika die Alte, wie sie brabbelnd in der Stra\u00dfenbahn umherirrt. Vor einer Gruppe Jugendlicher bleibt sie stehen. \u201eIst die n\u00e4chste Haltestelle M\u00fcnchen?\u201c Einer der Jugendlichen antwortet schlie\u00dflich vorsichtig: \u201eWir sind hier in Hannover.\u201c \u201eM\u00fcnchen! Wir sind hier in M\u00fcnchen!!\u201c br\u00fcllt die Alte, wieder ganz aggressiv, und fuchtelt mit ihrem Kr\u00fcckstock in der Luft herum. Veronika fragt sich, ob sie den Jugendlichen auch einen \u00fcberbraten will, weil sie ihr nicht die gew\u00fcnschte Auskunft gegeben haben. Das w\u00fcrde ihr wohl nicht so gut bekommen. Die Jungs sehen so aus, als ob sie sich zu wehren w\u00fcssten.<\/p>\n<p>Veronika bef\u00fchlt ihre Beule am Kopf und \u00fcberlegt, dass eigentlich etwas unternommen werden m\u00fcsste, denn wenn sie nicht eingegriffen h\u00e4tte, w\u00e4re die Alte jetzt vielleicht tot. Aber sie hat keine Lust, noch einmal den Kr\u00fcckstock auf den Kopf zu bekommen, und h\u00e4lt sich lieber zur\u00fcck. \u201eHeute ist mein Demenztag\u201c, denkt sie.<\/p>\n<p><strong>Von Annette Scheulen, Bergheim<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die nette Aussiedlerin verabschiedet sich. Sie braucht wieder einmal eine polnische \u00dcbersetzung, diesmal f\u00fcr einen Notartermin. Gro\u00df ist die Nachfrage nach polnischen \u00dcbersetzungen beim \u00dcbersetzungsb\u00fcro Potzblitz nicht. Wahrscheinlich gehen die meisten \u00dcbersetzungsauftr\u00e4ge f\u00fcr Polnisch an das B\u00fcro f\u00fcr Ostsprachen ein paar Stra\u00dfen weiter. 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