{"id":31632,"date":"2020-03-25T15:04:01","date_gmt":"2020-03-25T14:04:01","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-quartier.de\/stadt-bergheim\/?p=31632"},"modified":"2020-03-25T15:04:01","modified_gmt":"2020-03-25T14:04:01","slug":"demenzgeschichten-spass-muss-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-quartier.de\/stadt-bergheim\/2020\/03\/demenzgeschichten-spass-muss-sein\/","title":{"rendered":"Demenzgeschichten: Spa\u00df muss sein&#8230;"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8230;<\/strong><strong>sonst kommen keine Leute zur Beerdigung<\/strong><\/p>\n<p>Das war einer der Lieblingsspr\u00fcche meiner Mutter, mit der sie sich \u00fcber so manche Lebenskrise hinweg gerettet hat. Meine Mutter war eine wunderbare Frau. So furchtbar ich es als junge Frau fand die Worte zu h\u00f6ren, \u201cganz wie die Mutter\u201c, so stolz w\u00fcrde mich diese Aussage heute machen. Hier ihre \u201eDemenzgeschichte\u201c.<\/p>\n<p>Mehr als drei Jahre hatte meine Mutter, eine unabh\u00e4ngige, starke Frau, bereits in einer eigenen Wohnung mit Betreuung gelebt, als sie, wegen fortschreitender multipler k\u00f6rperlicher Beeintr\u00e4chtigungen in ein Pflegeappartement im gleichen Haus umziehen musste. Gleich beim Abendessen des ersten Abends stand sie, wie sie es aus ihrer Vergangenheit gewohnt war auf, bat mit einem beherzten Klopfen an ihr Wasserglas die versammelten Bewohnerinnen und Bewohner des Wohnbereichs um ihre \u201e gesch\u00e4tzte Aufmerksamkeit\u201c. Sie stellte sich mit wohlgesetzten Worten vor und schloss: \u201eIch glaube, wir werden es jetzt eine Weile miteinander aushalten m\u00fcssen. Ich w\u00fcnsche uns allen eine gute gemeinsame Zeit!\u201c Erste Zweifel an ihrer geistigen Fitness tauchten auf. Man hatte in der Einrichtung ja schon viel erlebt, aber das?<\/p>\n<p>Der neue Alltag zog ins Leben meiner Mutter ein und mit ihm unendliche viele Angebote die Freizeit sinnvoll zu gestalten. Stricken oder andere Handarbeiten w\u00e4re doch sch\u00f6n, bot man ihr an oder vielleicht Geschichten von fr\u00fcher h\u00f6ren. Gemeinsam Fernsehen stand ebenso auf dem Programm, wie Gartenkegeln und \u00c4hnliches. Meine Mutter mit \u00fcber 90 Jahren, zwar mit einem schlechten Geh\u00f6r aber einem immer noch kritischen Verstand gesegnet, verschm\u00e4hte schn\u00f6de diese Verlockungen. Tageszeitungen und ihre B\u00fccher, treue Begleiter ihres langen Lebensweges, aber auch ihre noch immer mit Akribie betriebene t\u00e4gliche Buchf\u00fchrung, waren ihr Besch\u00e4ftigung genug. \u201eAu\u00dferdem\u201c, vertraute sie mir eines Tages an, \u201eman kann sich gar nicht richtig unterhalten. Die Bewohner erz\u00e4hlen an einem Tag mindestens dreimal das Gleiche.\u201c<\/p>\n<p>Seltsam, eine Frau, die nur an den gemeinsamen Mahlzeiten, aber so gar nicht an Gruppenangeboten teilnimmt? Und akribische Buchf\u00fchrung f\u00fcr das Taschengeld im Altenheim? Das Personal war irritiert.<\/p>\n<p>Meine Mutter war eine stolze Frau. Sie kokettierte mit ihrer partiellen Taubheit, ein Ohr war bereits seit ihrer Kindheit vollst\u00e4ndig \u201eau\u00dfer Betrieb\u201c, doch sie mochte nicht zugeben, dass sie, das andere Ohr war inzwischen auch beeintr\u00e4chtigt, immer weniger verstand. So kam es, dass sie fr\u00f6hlich und selbstverst\u00e4ndlich Fragen beantwortete, die nie gestellt worden waren, deren Inhalt sie sich zusammengereimt, aber nicht geh\u00f6rt hatte. Wieder tauchen Zweifel auf. \u201eDemenzielle Ver\u00e4nderung\u201c munkelten die Einen, \u201eUnsinn, sie h\u00f6rt nur schlecht\u201c konterten die Anderen.<\/p>\n<p>Hinzu kam, dass meine Mutter eine ausgesprochene Abneigung gegen Optiker und Augen\u00e4rzte hatte. Sparsam, wie sie war, war sie der Meinung, die alte Brille tauge noch. Eine neue sei Verschwendung. Das f\u00fchrte dazu, dass sie selbst mich schon mal, wenn ich ohne Worte ihr Zimmer betrat mit der Frage \u201eJa bitte, was m\u00f6chten Sie, kann ich Ihnen helfen? begr\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p>Die Meinung des Personals bez\u00fcglich der vorhanden oder nicht vorhandenen demenziellen Ver\u00e4nderungen meiner Mutter klafften schlie\u00dflich weit auseinander. Ob des unaufl\u00f6sbaren Streits der Stationskr\u00e4fte, wurde schlie\u00dflich ein Facharzt zu Rate gezogen.<\/p>\n<p>Der erschien prompt in Begleitung einer Assistentin und diverser Tests. Die dienten haupts\u00e4chlich dazu Zeitgitterst\u00f6rungen sichtbar zu machen und die allgemeine Orientierung meiner Mutter zu \u00fcberpr\u00fcfen. Um einen Eindruck \u00fcber vorhandene und nicht vorhandene F\u00e4higkeiten zu bekommen, sollte zudem gepr\u00fcft werden, ob sie in der Lage sei, Sinnzusammenh\u00e4nge zu erkennen. Dazu galt es S\u00e4tze zu erg\u00e4nzen, Texte zu vervollst\u00e4ndigen, Aussagen in einen Sinnzusammenhang zu bringen und einfache, allt\u00e4gliche Rechenoperationen durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Am Abend nach dem Test besuchte ich meine Mutter und fragte, wie es gewesen sei.<\/p>\n<p>Hier das Wortprotokoll Ihrer Antwort.:<\/p>\n<p>\u201eKind die Fragen waren ja kinderleicht. Da h\u00e4tten sie schon mit etwas Anspruchsvolleren kommen k\u00f6nnen. Aber es hat so gro\u00dfen Spa\u00df gemacht. Ich habe gleich gefragt, wann sie denn wieder kommen. Stell Dir vor, sie haben gesagt: Das ist nun wirklich nicht n\u00f6tig. Ist das nicht schade?\u201c<\/p>\n<p><strong>Christa Wolf, Elsdorf<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>&#8230;<\/strong><strong>sonst kommen keine Leute zur Beerdigung<\/strong><\/p>\n<p>Das war einer der Lieblingsspr\u00fcche meiner Mutter, mit der sie sich \u00fcber so manche Lebenskrise hinweg gerettet hat. Meine Mutter war eine wunderbare Frau. So furchtbar ich es als junge Frau fand die Worte zu h\u00f6ren, \u201cganz wie die Mutter\u201c, so stolz w\u00fcrde mich diese Aussage heute machen. 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