{"id":31659,"date":"2020-03-29T17:37:34","date_gmt":"2020-03-29T15:37:34","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-quartier.de\/stadt-bergheim\/?p=31659"},"modified":"2020-03-29T17:38:58","modified_gmt":"2020-03-29T15:38:58","slug":"ein-maedchen-namens-linda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-quartier.de\/stadt-bergheim\/2020\/03\/ein-maedchen-namens-linda\/","title":{"rendered":"Ein M\u00e4dchen namens Linda!"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 20px;\">Ein M\u00e4dchen namens Linda!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Wenn ich so daran denke, dass meine beruflich aktive Zeit nun schon 12 Jahre zur\u00fcckliegt, dann wird mir zweierlei bewusst: Einmal, das alte Lied der Pension\u00e4re, wie schnell doch die Zeit vergeht. Sie rast nahezu dahin!\u00a0 Dann aber auch das eigenartige Gef\u00fchl, altersm\u00e4\u00dfig so weit gekommen zu sein. Das sehe ich nicht als pers\u00f6nliche Leistung, sondern eher als \u201eGnade\u201c des Schicksals.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Abgesehen von der abenteuerlichen und aufregenden Zeit als Transportflieger der Luftwaffe in jungen Jahren, habe ich den gr\u00f6\u00dften Teil meines Berufslebens\u00a0 in der medizinisch\/pharmazeutischen Branche verbracht. In dieser Zeit spielte die Mikrobiologie im Reich der Bakterien und Viren eine besondere Rolle. Eine Miniatur-Welt, die mit blo\u00dfem Auge nicht zu sehen ist, hat mich \u00fcber viele Jahre fasziniert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Als vor einigen Wochen die ersten Meldungen \u00fcber das rapide Ansteigen von Virus-Infektionen aus China kamen, war ich eher interessiert als beunruhigt. Es dauerte nicht lange, bis man h\u00f6ren konnte, es ist ein neues Virus aufgetaucht, da in China. Die infizierten Menschen wurden uns zun\u00e4chst nur mit Zahlen benannt, genauso wie die Vielzahl der verstorbenen Opfer.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Dann sprachen die Politiker von einer Epidemie und die Medien berichteten dar\u00fcber. Schon bald erkrankten Menschen auch in anderen L\u00e4ndern, das Virus \u201esprang\u201c \u00fcber!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Das Tempo der Ausbreitung und die Erinnerung an meine mehr Marketing bezogenen Kenntnisse \u00fcber Infektionskrankheiten, lie\u00df mich sehr fr\u00fch an eine Pandemie denken,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Am ersten M\u00e4rz nahm ich mir vor, mich so gut es geht zu sch\u00fctzen, um eine Infizierung zu vermeiden. Die Fachleute der Wissenschaft etwas fr\u00fcher, die Regierung doch erst sp\u00e4ter, betonten die Vermeidung von Sozialkontakten im eigenen Umfeld.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Da ich als Einzelperson allein in meinem Haus lebe, beschloss ich am 15. M\u00e4rz in eine selbstgew\u00e4hlte Quarant\u00e4ne zu gehen. Einen Impfstoff gibt es nicht oder noch nicht, und die einzige M\u00f6glichkeit, sich wirksam zu sch\u00fctzen, ist die Isolation. Mein sowieso vorhandener Bestand an haltbaren Lebensmitteln sollte, ein wenig aufgestockt, eine geraume Weile ausreichend sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Ich war neugierig und interessiert, was eine konsequente Isolation in mir ver\u00e4ndern wird.\u00a0<\/span><span style=\"font-size: 20px;\">Ein Haus in Ordnung zu halten, dabei alles selbst zu machen, sorgt schon daf\u00fcr, dass keine Langeweile aufkommt. Da ich auch k\u00fcnstlerisch aktiv bin und gerade mein achtes Buch schreibe, muss ich mir den Tag schon einteilen und Schwerpunkte setzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Neben dem Gedanken des Selbstschutzes ging mir die dramatische Entwicklung der weltweiten Trag\u00f6die nicht mehr aus dem Kopf. Die t\u00e4glichen Ver\u00f6ffentlichungen, zum Beispiel die Bilder aus Italien oder Spanien, blieben nicht ohne Wirkung. Ich f\u00fchlte mich best\u00e4tigt, richtig zu handeln, zumal immer wieder zu lesen und zu h\u00f6ren war: \u201eDas einzig halbwegs sichere Mittel gesund zu bleiben, ist die Isolation.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Damit erreiche ich, dass ich wahrscheinlich kein Fall f\u00fcr die Intensivmedizin mit Beatmungstechnik und begrenzten Behandlungsm\u00f6glichkeiten werde. Ich wollte allerdings auch einen bescheidenen Beitrag leisten, die knappen Ressourcen im medizinischen Bereich zu schonen, um Schwerstkranken bei entsprechender Entwicklung der Fallzahlen \u00fcberhaupt eine intensive Betreuung zu erm\u00f6glichen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Nach einer Woche der freiwilligen Quarant\u00e4ne kam ich mir schon ein wenig wie ein Gefangener vor. Was dann doch mehr und mehr fehlte, waren die frischen Lebensmittel, wie Obst, Gem\u00fcse und auch Fleisch oder Backwaren.\u00a0 Am Laptop sah ich mich im Internet nach einem Lieferservice um. In der Gro\u00dfstadt K\u00f6ln sicher einfacher als in einer Kleinstadt wie zum Beispiel Bergheim. Ich stie\u00df auf eine Notiz der \u201eEinkaufshelden\u201c und eine Telefonnummer war auch angegeben. Kurz entschlossen rief ich dort an und ein junger Mann meldete sich. Jung wirkte seine Stimme auf mich und er erz\u00e4hlte mir, dass er als Mitglied der jungen Union sich den \u201eEinkaufshelden\u201c angeschlossen hatte. Zun\u00e4chst dachte ich, wie schnell die sich zu \u201eHelden\u201c erkl\u00e4ren. Nun \u2013 ich wollte zun\u00e4chst nur wissen, wie eine Einkaufshilfe konkret ablaufen kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Mein Gespr\u00e4chspartner er\u00f6ffnete mir dann, dass er da nicht gut helfen k\u00f6nne, da er doch im Norden des Landes wohnen w\u00fcrde. Gleichzeitig bot er mir an, mich weiter zu reichen, schlie\u00dflich g\u00e4be es ja auch in meinem Wohnort in Bergheim, eine \u201eJunge Union\u201c der CDU. Es w\u00fcrde sich jemand bei mir melden, sagte er zum Schluss unseres Telefonats.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Einige Stunden sp\u00e4ter klingelte mein Telefon. Eine ebenfalls junge Frauen- oder M\u00e4dchenstimme stellte sich als Linda vor. Noch Sch\u00fclerin am Gutenberg-Gymnasium und freiwillige, ehrenamtliche Einkaufshelferin der \u201eJungen Union\u201c. Ihre sehr einf\u00fchlsame, \u00e4u\u00dferst freundliche und hilfsbereite Art am Telefon ber\u00fchrte mich sehr. \u201eSagen Sie, was Sie brauchen, ich besorge das Ihnen. Sowohl die Lebensmittel als auch eventuell etwas aus der Apotheke. Sagen Sie mir nur Bescheid, ich mache das f\u00fcr Sie.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Meine Frage nach den Kosten wies sie zur\u00fcck, kein Thema. Wir einigten uns auf das Prozedere, ich schreibe einmal in der Woche eine Email mit meiner Lebensmittelliste, die ich Ihr zusende, und sie sagt dann, wann sie den Einkauf zu mir bringt. Wir vereinbarten weiterhin, dass der Einkauf an der Haust\u00fcr in einen bereitgestellten Beh\u00e4lter umgepackt wird und ich das vorgestreckte Geld auf die \u00e4u\u00dfere Fensterbank gleich rechts neben der T\u00fcr lege.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Ja, dann war es tats\u00e4chlich soweit. Das freundliche Wesen namens Linda kam zum vereinbarten Zeitpunkt mit dem ersten Einkauf auf das Haus zu. Ich sah sie nur durch die Glasscheibe der Haust\u00fcr. Ich ging zum Fenster nebenan und wir wechselten einige Worte der Begr\u00fc\u00dfung mit entsprechendem Abstand. Ich legte das Geld auf die Fensterbank, bedankte mich sehr und schloss das Fenster wieder.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Als Linda schon einige Meter den Vorgarten durchschritten hatte, drehte sie sich noch einmal um und rief:\u00a0<\/span><span style=\"font-size: 20px;\">\u201eIch komme zur\u00fcck und lege etwas Geld wieder auf die Fensterbank, Sie haben mir zu viel gegeben.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Ich \u00f6ffnete das Fenster nur wenig und rief zur\u00fcck: \u201eNicht n\u00f6tig, das war Absicht, das stimmt so\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Sie lachte und hatte mein\u00a0 erstes Buch, ein kleiner Lyrikband, mit dem Titel: \u201eLiebe und Schmerz\u201c noch in der Hand. Das Buch lag auch auf der Fensterbank als Dankesch\u00f6n f\u00fcr die liebensw\u00fcrdige Hilfe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Ich m\u00f6chte nicht \u00fcbertrieben wirken, aber es kam mir so vor, als w\u00e4re ein Engel da drau\u00dfen. Es war so irreal, so ungewohnt und doch ein ansprechendes Bild. Und ich dachte in diesem Moment an den Titel meines Buches: \u201eLiebe und Schmerz\u201c. Diese N\u00e4chstenliebe, die ich durch Linda erleben konnte und den Schmerz, den ich versp\u00fcrte, eingedenk der vielen tausend Opfer auf der ganzen Welt,\u00a0 die so pl\u00f6tzlich aus ihrem Leben heraus-gerissen wurden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Ich, ein 77j\u00e4hriger Mann, musste ein paar mal tief durchatmen und kr\u00e4ftig schlucken, um die Fassung zu bewahren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Vielen, herzlichen Dank, Linda.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">eingesendet von\u00a0MMBohn<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">diese tolle Geschichte musste ich einfach ver\u00f6ffentlichen&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 20px;\">Dank an Linda, dank an Herrn Bohn<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein M\u00e4dchen namens Linda!<\/p>\n<p>Wenn ich so daran denke, dass meine beruflich aktive Zeit nun schon 12 Jahre zur\u00fcckliegt, dann wird mir zweierlei bewusst: Einmal, das alte Lied der Pension\u00e4re, wie schnell doch die Zeit vergeht. 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