{"id":7860,"date":"2015-09-22T10:22:28","date_gmt":"2015-09-22T08:22:28","guid":{"rendered":"http:\/\/unser-quartier.de\/stadt-bergheim\/?p=7860"},"modified":"2015-09-22T10:22:28","modified_gmt":"2015-09-22T08:22:28","slug":"hoffnung-haben-ist-gut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-quartier.de\/stadt-bergheim\/2015\/09\/hoffnung-haben-ist-gut\/","title":{"rendered":"Hoffnung haben ist gut&#8230;"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 12pt\">Es war eine kleine alte Frau, die bei der zusammengekauerten Gestalt am Stra\u00dfenrand stehen blieb. Das hei\u00dft, die Gestalt war eher k\u00f6rperlos, erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">&#8220;Wer bist du?&#8221; fragte die kleine Frau neugierig und b\u00fcckte sich ein wenig hinunter. Zwei lichtlose Augen blickten m\u00fcde auf. &#8220;Ich\u2026ich bin die Traurigkeit&#8221;, fl\u00fcsterte eine Stimme so leise, dass die kleine Frau M\u00fche hatte, sie zu verstehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">&#8220;Ach, die Traurigkeit&#8221;, rief sie erfreut aus, fast als w\u00fcrde sie eine alte Bekannte begr\u00fc\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">&#8220;Kennst du mich denn&#8221;, fragte die Traurigkeit misstrauisch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">&#8220;Nat\u00fcrlich kenne ich dich&#8221;, antwortete die alte Frau, &#8220;immer wieder einmal hast du mich ein St\u00fcck des Weges begleitet.&#8221;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">&#8220;Ja, aber &#8230;&#8221; argw\u00f6hnte die Traurigkeit, &#8220;warum fl\u00fcchtest du nicht vor mir, hast du denn keine Angst?&#8221;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">&#8220;Oh, warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du wei\u00dft doch selber nur zu gut, dass du jeden Fl\u00fcchtigen einholst und dich so nicht vertreiben l\u00e4sst. Aber, was ich dich fragen will, du siehst &#8211; verzeih diese absurde Feststellung &#8211; du siehst so traurig aus?&#8221;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">&#8220;Ich\u2026ich bin traurig&#8221;, antwortete die graue Gestalt mit br\u00fcchiger Stimme.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Die kleine alte Frau setzte sich jetzt auch an den Stra\u00dfenrand. &#8220;So, traurig bist du&#8221;, wiederholte sie und nickte verst\u00e4ndnisvoll mit dem Kopf. &#8220;Magst du mir erz\u00e4hlen, warum du so bek\u00fcmmert bist?&#8221;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Die Traurigkeit seufzte tief auf. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuh\u00f6ren wollen? Wie oft hatte sie vergebens versucht und &#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">&#8220;Ach, wei\u00dft du&#8221;, begann sie z\u00f6gernd und tief verwundert, &#8220;es ist so, dass mich offensichtlich niemand mag. Es ist meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und eine Zeitlang bei ihnen zu verweilen. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Aber fast alle reagieren so, als w\u00e4re ich die Pest. Sie haben so viele Mechanismen f\u00fcr sich entwickelt, meine Anwesenheit zu leugnen.&#8221;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">&#8220;Da hast du sicher Recht&#8221;, warf die alte Frau ein. &#8220;Aber erz\u00e4hle mir ein wenig davon.&#8221;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Die Traurigkeit fuhr fort: &#8220;Sie haben S\u00e4tze erfunden, an deren Schutzschild ich abprallen soll.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Sie sagen &#8220;Papperlapapp &#8211; das Leben ist heiter&#8221;, und ihr falsches Lachen macht ihnen Magengeschw\u00fcre und Atemnot.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Sie sagen &#8220;Gelobt sei, was hart macht&#8221;, und dann haben sie Herzschmerzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Sie sagen &#8220;Man muss sich nur zusammenrei\u00dfen&#8221; und sp\u00fcren das Rei\u00dfen in den Schultern und im R\u00fccken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Sie sagen &#8220;Weinen ist nur f\u00fcr Schw\u00e4chlinge&#8221;, und die aufgestauten Tr\u00e4nen sprengen fast ihre K\u00f6pfe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Oder aber sie bet\u00e4uben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht sp\u00fcren m\u00fcssen.&#8221;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">&#8220;Oh ja&#8221;, best\u00e4tigte die alte Frau, &#8220;solche Menschen sind mir oft in meinem Leben begegnet. Aber eigentlich willst du ihnen ja mit deiner Anwesenheit helfen, nicht wahr?&#8221;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Die Traurigkeit kroch noch ein wenig mehr in sich zusammen. &#8220;Ja, das will ich&#8221;, sagte sie schlicht, &#8220;aber helfen kann ich nur, wenn die Menschen mich zulassen. Wei\u00dft du, indem ich versuche, ihnen ein St\u00fcck Raum zu schaffen zwischen sich und der Welt, eine Spanne Zeit, um sich selbst zu begegnen, will ich ihnen ein Nest bauen, in das sie sich fallen lassen k\u00f6nnen, um ihre Wunden zu pflegen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Wer traurig ist, ist ganz d\u00fcnnh\u00e4utig und damit nahe bei sich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Diese Begegnung kann sehr schmerzvoll sein, weil manches Leid durch die Erinnerung wieder aufbricht wie eine schlecht verheilte Wunde. Aber nur, wer den Schmerz zul\u00e4sst, wer erlebtes Leid betrauern kann, wer das Kind in sich aufsp\u00fcrt und all die verschluckten Tr\u00e4nen leerweinen l\u00e4sst, wer sich Mitleid f\u00fcr die inneren Verletzungen zugesteht, der, verstehst du, nur der hat die Chance, dass seine Wunden wirklich heilen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen \u00fcber die groben Narben. Oder verh\u00e4rten sich mit einem Panzer aus Bitterkeit.&#8221;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Jetzt schwieg die Traurigkeit, und ihr Weinen war tief und verzweifelt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Die kleine alte Frau nahm die zusammengekauerte Gestalt tr\u00f6stend in den Arm. &#8220;Wie weich und sanft sie sich anf\u00fchlt&#8221;, dachte sie und streichelte z\u00e4rtlich das zitternde B\u00fcndel. &#8220;Weine nur, Traurigkeit&#8221;, fl\u00fcsterte sie liebevoll, &#8220;ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Ich wei\u00df, dass dich viele Menschen ablehnen und verleugnen. Aber ich wei\u00df auch, dass schon einige bereit sind f\u00fcr dich. Und glaube mir, es werden immer mehr, die begreifen, dass du ihnen Befreiung erm\u00f6glichst aus ihren inneren Gef\u00e4ngnissen. Von nun an werde ich dich begleiten, damit die Mutlosigkeit keine Macht gewinnt.&#8221;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">Die Traurigkeit hatte aufgeh\u00f6rt zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete verwundert ihre Gef\u00e4hrtin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">&#8220;Aber jetzt sage mir, wer bist du eigentlich?&#8221;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt\">&#8220;Ich&#8221;, antwortete die kleine alte Frau und l\u00e4chelte still. &#8220;Ich bin die Hoffnung!&#8221;<\/span><\/p>\n<p>eingesendet von Hildegard L\u00f6venich-Melving<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war eine kleine alte Frau, die bei der zusammengekauerten Gestalt am Stra\u00dfenrand stehen blieb. Das hei\u00dft, die Gestalt war eher k\u00f6rperlos, erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.<\/p>\n<p>&#8220;Wer bist du?&#8221; fragte die kleine Frau neugierig und b\u00fcckte sich ein wenig hinunter. 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