Auf dem Weg in die Ukraine

Werner Winkler wurde kurz vor Ende des Krieges im alter von 15 Jahren aus seiner Heimat in Schlesien nach Russland verschleppt. Hier seine Erinnerungen:

Ja dann wurden wir auf dem Deminium in Knechtekammern eingesperrt, und dann wurden einige verhört, wir haben das in den Nebenräumen gehört, wie Geschrei, Gestöhne. Ja, da wurden diejenigen geschlagen und misshandelt. Die wollten ja SS-Leute und Parteigenossen. Da haben wir so gedacht, jetzt bist du bald dran zum Verhör. Aber dazu kam es nicht, die haben uns runter geführt wieder, in einen großen Pferdestall, der war ja leer, da wurden wir reingetrieben. Da waren schon die Männer und Jungs aus dem Nachbarort da, u. a. auch mein Onkel Max, meiner Mutters Zwillingsbruder, aus Selbnitz. Ja wir haben dort übernachtet, anderen Morgen raus, und dann mussten wir marschieren bis nach Heidenau, ach – wie viele Kilometer waren denn dass? – Das waren auch so über 20 km. Dort waren wir zwei Tage, und aus dieser Umgebung wurden wieder die Männer und Jungen zusammengetrieben, und dann ging es weiter nach Lignitz. Das war die Regierungshauptstadt von Niederschlesien. In Lignitz waren wir eine Woche – und wie gesagt – zu essen bekamen wir nichts. Wir mussten sehen, wie wir zurecht kamen.

Dann ging es wieder los – die ganze Kolonne – und zwar hat dieser Marsch 2 ½ Tage gedauert, unterwegs haben wir in leer stehenden Bauernhöfen übernachtet, und das erste war ja, was zu essen zu suchen. Es war ja ein Chaos, die abgeschossenen Militärfahrzeuge, es sah grausam aus. Ich meine – ich bin in den Keller gegangen und habe Kartoffeln geholt und habe die abgekocht, irgendwie, es ging schon, aber wir wurden dermaßen streng bewacht, und Ausreißen hat sich keiner gewagt; der wär auch nicht weit gekommen. Ich habe mir da Pellkartoffeln gekocht, habe Pellkartoffeln gegessen und eine Menge in den Rucksack getan für den nächsten Tag. So mussten wir selber sehen, dass wir durchkamen.

Dann landeten wir in Krachenberg, da war ein großes Lager, da bekamen wir das erste Mal etwas zu essen. Wir waren eine Woche da, da wurden wir in Güterwagen verladen, der Krieg war ja noch nicht zu Ende, und sind nach Oberschlesien transportiert worden, nach Lawand. Da waren die großen Hermann-Göring-Werke, und dort wurden wir untergebracht, und von da aus gingen die ganzen Transporte raus nach Russland. Dort treffe ich die zwei Schulkollegen, den Hanke, Willi und den Kupski, Günter, und die sagten, wir kommen raus nach Russland. Das wollten wir nicht glauben, doch die sagten, du wirst sehen.

Es war auch so – eines schönen Tages waren wir dran. Es ging immer nach 1000 Mann – 50/60 Mann in einen Güterwagon, pahejeje da war – auch nicht überall – zur Tür des Güterwaggons, da war eine Rinne ausgebaut, für die kleine Notdurft. Aber, der Waggon war ja so vollgepfropft, die konnten sich auch alle nicht hinlegen, es war so eng, und da war irgendwie eine Blechbüchse, eine Konservenbüchse, die wurde dann eben gefüllt und von Mann zu Mann gereicht bis zu dem, der oben an der Luke war. Da war auch Stacheldraht davor, aber der hat da den Inhalt rausgekippt. Für die große Notdurft war das schon schwieriger. Da musste man erst sehen, dass man in den Waggonboden ein Loch reinbekam. Ein Messer durfte wir ja nicht bei uns haben, ich weiß nicht mehr, wie das alles ging.

Herr Winkler war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt.

Lesen Sie hierzu einen Artikel aus der hiesigen Zeitung WAZ vom 12.12.2014: An dem Tag fanden Filmaufnahmen und ein Interview mit Herrn Winkler von ein russisches Filmteam zum Thema “Zeit der Versöhnung” statt.

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