Die Ernährungslage nach dem Krieg

Monatliche Lebensmittelkarten waren nach dem Krieg und bis 1950 an der Tagesordnung. Zugeteilt wurde grundsätzlich alles: Sauerkraut, Eipulver, Trockenmilch, Steckrüben, Zündhölzer, Leuchtpetroleum, auch getrocknetes Gemüse; von der Bevölkerung auch als „Drahtverhau“ bezeichnet.

Symptomatisch für die schlechte Ernährungssituation und für Bemühungen, sie zu verbessern, war folgende Anordnung, die in der überörtlichen  Presse veröffentlicht wurde:

„Blumenbeete in den öffentlichen Parks und Gärten müssen bis 31. März 1946 beseitigt sein. Alle geeigneten Rasenflächen in öffentlichen Parks und Gärten müssen umgegraben werden. Die freiwerdenden Flächen sind mit ernährungswichtigen Gemüsearten zu bestellen.“

(Der Oberpräsident der Rheinprovinz, 28. Dezember 1945).

In der zweiten Hälfte 1946 erhielt der „Normalverbraucher“ nur eine Hungerration zwischen 1.150 und 1.300 Kalorien täglich zugeteilt. Am Ende des harten Winters 1946/47 sank die Kalorienzahl sogar unter diese Existenzgrenze.  Zusatzkalorien gab es für Kinder und Jugendliche, für Schwerarbeiter und für werdende und stillende Mütter.

Während der Winter in 1945/46 ungewöhnlich milde gewesen war und nach der Kapitulation noch gewisse physische Reserven in der Bevölkerung vorhanden waren, schlug der Winter 1946/47  erbarmungslos zu. Seit Jahren war die Bevölkerung nun nicht mehr in der Lage, sich gesundheitlich so zu ernähren, wie es gemeinhin im Hinblick auf die Volksgesundheit erforderlich gewesen wäre. Jedes Wirtschaftsprogramm und jede wirtschaftliche Planung mussten daher fraglich werden, wenn es nicht gelang, die Mindestversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Die Gefahr fortschreitender Verelendung und der Verkümmerung weiter Bevölkerungskreise und einer daraus resultierenden Schwächung ihrer Arbeitskraft wurde daher zur größten Sorge der politisch Verantwortlichen, die alle anderen politischen Fragen überragte. Es galt, die lebensnotwendige   Mindestversorgung der Bevölkerung sicherzustellen, was als  psychologischer Antrieb wirken sollte, um mit irgendeiner Aussicht auf Besserung in die Zukunft zu schauen.

Tatsächlich wurde der Winter 1946/47 laut offizieller Feststellungen jedoch  die schlimmste Hungerperiode seit den Notjahren am Ende des Krieges 1914/18. Und in der Bevölkerungsstatistik spiegelte sich diese Tatsache wieder durch deutliches Ansteigen der Todesrate, in der Kriminalstatistik durch eine weitere Steigerung der Zahl der Raubüberfälle und Diebstähle. Der  Begriff des „Organisierens“ bürgerte sich im Sprachgebrauch des Alltags ein.

Am 1. April 1947 erklärte der Gewerkschaftsführer Gustav Sander vor 100.000 Demonstranten auf dem König-Heinrich-Platz in Duisburg

„Der deutsche Arbeitnehmer will nicht Objekt, sondern Mensch sein. Unsere Demonstration soll der Welt zeigen, dass die Arbeiterschaft gewillt ist, die Lasten des verlorenen Krieges auf sich zu nehmen, dass sie aber auch menschenwürdige Lebensbedingungen, die über das Niveau des chinesischen Kulis hinausgehen, fordert.“

(Neue Ruhr Zeitung Duisburg vom 2. April 1947)

Am 5. April 1947 sprachen Stadtvertretung und Stadtverwaltung in Mülheim ebenfalls von der nach wie vor bestehenden und deutlichen Unterernährung der Bevölkerung.  In dem Aufruf um „schnelle und wirksame Hilfe“ hieß es:

„Die Unterernährung besonders in den Ruhrgroßstädten hat zu einer weitgehenden Entkräftung des Volkes geführt, so dass in allernächster Zeit damit zu rechnen ist, dass die Arbeit im weitesten Umfang in den Betrieben und Bergwerken eingestellt werden muss. In Mülheim sollte der Normalverbraucher in der vierten Woche der 99. Zuteilungsperiode 1573 Kalorien täglich erhalten; er bekam aber nur 765 Kalorien, also 808 zu wenig. Für Jugendliche im Alter von 10 bis 20 Jahren waren 1962 Kalorien eingesetzt, zugeteilt erhielten sie 1084 Kalorien, also 878 zu wenig.“

(Aufruf Stadtvertretung und Stadtverwaltung in Mülheim vom 5. April 1947)

In dem Aufruf wurde auch vorgerechnet, wie die Kinder von sechs bis zehn Jahren, von drei bis sechs und die ganz kleinen Kinder hungern mussten. Die erwähnten Kalorienangaben bezogen sich in der Hauptsache auf die Zuteilung von dreieinhalb Pfund Brot. Der „Notruf“ erschien gleichzeitig mit den Zuteilungsbekanntmachungen, in dem Sätze standen wie: „Ein Aufruf von Margarine wird in absehbarer Zeit nicht erfolgen“.
Im Laufe der Zeit wurde das Zulagesystem  immer mehr verfeinert. Ende 1947 gab es Zulagekarten für Schwerst-, Schwer-, Mittelschwer-, Teilschwer- und Normalarbeiter. Die Konsequenz des Zwangsbewirtschaftungssystems war, dass alle Bezüge rationiert waren. Darum konnte die Masse des verteilten Geldes, dem keine Warenzunahme gegenüberstand, nicht inflationieren. Und so entstand ein anderes Ventil: der Schwarze Markt, eines der Kennzeichen der Nachkriegsjahre. Was offiziell in den Geschäften nicht zu bekommen war, verschwand aus den Schaufenstern und kam als Schieberware zu Marktpreisen zurück. Der Schwarze Markt bot  a l l e s  an, allerdings zu einem Vielfachen des vorgeschriebenen Preises.

Aber nicht nur die Verfügbarkeit sondern auch die Verteilung der Lebensmittel ließ zu wünschen übrig. Das älteste Tier der Schöpfung – die Schlange –  war wieder modern. Stundenlanges Anstehen gehörte zum Alltag.

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an die  Männer, die jeden Zigarettenstummel,  auf dem Straßenpflaster aufnahmen, um den noch verbliebenen Tabakrest zu verwerten.
Die Sorge um die Existenz stand obenan in den Nachkriegsjahren. Und unvergessen ist die Stellungnahme des Kölner Kardinals Joseph Frings zu diesen Vorgängen. Er äußerte sich öffentlich  so, dass man es der Bevölkerung in Zeiten wirtschaftlicher Not nicht verübeln  könne, wenn sie sich in Sorge um ihre Existenz auf ungewöhnliche, ja ungesetzliche Art versuche zu helfen. Insoweit sei gegen Kohle- und Kartoffeldiebstahl nichts einzuwenden. Seine Äußerungen führten zu dem Begriff „fringsen“, was im Volksmund letzthin nicht nur das  „Organisieren“ von Kohle betraf. Diebstahl, soweit es sich um Diebstahl zur Sicherung der eigenen Existenz handelte, erschien der Bevölkerung durch die Äußerungen des Kardinals sanktioniert und die Katholiken glaubten, sich der Absolution sicher  sein zu dürfen.

Auch ich habe „gefringst“, wenn ich Ferientage bei „Opa“ verbrachte (dem zweiten Ehemann meiner Großmutter mütterlicherseits, der – nach dem Tod  meiner Großmutter  – noch einmal geheiratet hatte und in der Nähe von Bad Oeynhausen im Wiehengebirge ein Anwesen hatte).  Bevor ich wieder nach Hause zurückkehrte, „organisierte“ ich Äpfel. Ein oder zwei Tage vor meiner Rückfahrt, fuhr ich zu  d e m  Baum, den ich mir an der Landstraße „ausgesucht“ hatte, plünderte ihn  und kam jeweils mit einem Sack  voll Äpfeln nach Mülheim zurück.

Brot

Zehn Pfund Brot waren lange eine Ration pro Person für einen Vier-Wochen-Zeitraum. In vielen Fällen war das Brot gelb, da dann mindestens 30% Maismehl beigemischt worden waren. Warten auf den Brotwagen, der für Dutzende von Leuten viel zu wenige Brote anlieferte und viele Menschen ohne Brotzuteilung  wieder nach Hause gehen ließ, gehörte zum Tagesablauf. Die  Brote wurden halbiert oder sogar gevierteilt, um möglichst vielen Leuten etwas zukom-men zu lassen; oftmals reichte es dennoch nicht für alle. Der nächste Versuch, etwas Brot zu bekommen, stand dann für den nächsten Tag an.

Oft lief ich den Brot ausliefernden Kraftfahrzeugen hinterher, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein, wenn wieder einmal nur zwanzig Brote für Dutzende von Menschen angeliefert wurden. Ich habe bis heute nicht vergessen, dass mich in einem Geschäft auf der Duisburger Straße in Mülheim-Speldorf die Wartenden unwirsch angingen, weil ich ihnen ein Unbekannter war, der ihrer Meinung nach in diesem Geschäft nichts zu suchen hatte. Glücklicherweise wurde ich  nur des Ladens verwiesen und nicht verprügelt.

Nährmittel

Von Haferflocken bis zum Griesmehl gab es in sehr unterschiedlichen Rationen, von 200 bis 2000 Gramm je Versorgungsperiode. Im Einzelfall erfolgte in der Zeitung der Hinweis, auf welchen Marken der Lebensmittelkarten es was in welchen Mengen gab; abhängig von den Liefermengen, die unterschiedlich erfolgte. Nicht immer war daher der Versuch, die angekündigten Nährmittel auch kaufen zu können, auf Anhieb erfolgreich.

Kartoffeln

Die Kartoffelversorgung war vor allem deswegen schwer, weil Westdeutschland von seinen östlichen Bezugsgebieten abgeschnitten war und 1945 ein großer Teil der näherliegenden Anbauflächen nicht bestellt wurde (im Übergang zum Jahr 1946 fiel die Kartoffelversorgung sogar für vier Monate aus).
Wir  freuten  uns unbändig, wenn es meinem Vater bei einer seiner Überlandfahrten gelungen war, einem Bauern einige Kartoffeln gegen Tauschgüter abzuschwätzen. Den ganzen Tag war  er unterwegs gewesen und hatte stundenlang mit vielen anderen Hamsterern in völlig überlasteten Zügen verbracht. Die Menschen hingen wie Trauben auf den Trittbrettern,  standen zwischen den Waggons auf den Puffern oder klammerten sich auf den Waggondächern fest.

Milch

Milch besorgten wir uns an zwei Stellen. Und zwar bei einem Milchmann, der in der Nähe unserer Wohnung auf der Duisburger Straße sein  Milchgeschäft betrieb und in einem Geschäft im Herzen von Mülheim-Speldorf.

Die schon betagte Mutter des Milchmannes wollte von ihrer Kundschaft zu Beginn eines jeden Monats den entsprechenden Lebensmittel-Abschnitt für den Milchbezug haben. Und das bedeutete für mich, der ich täglich die Milch besorgen musste, dass ich mich zu Beginn des jeweiligen Monats  drei Tage bei ihr nicht sehen ließ. Fragte sie mich am vierten Tag, ob ich die Milch-Bezugsabschnitte schon abgegeben hätte, bejahte ich das mit klopfendem Herzen und war jedes Mal erleichtert, wenn sie sich damit zufrieden gab. Und nur in seltenen Fällen funktionierte mein Verfahren nicht. War mein Vorhaben aber gelungen, ging ich in das erwähnte zweite Geschäft im Herzen von Mülheim-Speldorf, das in Höhe des Straßenbahndepots lag, und gab die Milchbezugsscheine dort ab.

Grundsätzlich holte ich somit an zwei Stellen die Milch, mit der Tag für Tag die Milchsuppe gekocht wurde, die ich noch heute glaube schmecken zu können.

Mit meinem Roller fuhr  ich einkaufen und zog mir den Spott gleichaltriger Jungen zu, denen Rollerfahren nur für Kleinkinder vorgesehen schien und damit für einen Jugendlichen unwürdig war.
Eines Tages wies man dem Milchmann offiziell nach, dass er Milch panschte. Ich glaubte das schon immer gewusst zu haben, was mein schlechtes Gewissen ihm gegenüber in Grenzen gehalten hatte. Er belieferte nämlich meine Großtante regelmäßig mit Vollmilch, bekam von ihr aber keine Bezugsabschnitte, sondern kassierte anderweitige Vorteile dafür. Als der Milchmann,  ob der ihm drohenden  Strafverfolgung, keinen Ausweg aus seinem Dilemma mehr sah, hängte er sich auf.

Gemüse und Obst

Völlig unzureichend war  über die Jahre hinweg auch  die Versorgung mit Gemüse und Obst. Seinerzeit versuchten wir, Gemüsebeete anzulegen, um unsere Nahrungssituation zu verbessern. Wir entschieden uns auf dem großen Wohngelände für ein Stück Land, das nicht unmittelbar im Schatten der hohen Bäume lag und versuchten, den Boden zu kultivieren. Aber erstens kamen wir nicht gegen das Unkraut an, das in Windeseile unsere „Kulturlandschaft“ wieder überwucherte, und zweitens hatten wir die Gefräßigkeit der Wildkaninchen unterschätzt, die auf dem Gelände in Scharen ihren Reigen tanzten. Meine unbedarften Versuche, die Kaninchen auf hinterhältige Weise zu fangen, scheiterten. Ich hatte Löcher im Boden ausgehoben, die ich mit  Stöckchen und mit Laub abgedeckt hatte, um die Kaninchen zu täuschen; der Theorie zufolge sollten sie in diese Löcher fallen. Der einzige Erfolg bestand aber darin, dass ich eines Tages einen Igel in der Falle hatte, der von Flöhen übersät war.
Erfolgreich verliefen dagegen die Bemühungen meiner Mutter, eine Gemüsequelle aufzutun. Sie machte eine Frau auf der Saarner Straße ausfindig, die bereit war, uns Gemüse und Salat aus ihrem Garten zu überlassen; selbstverständlich im Tauschverfahren. Die Frau bekam  Ringe, Schmuck und Lederwaren. Dass die Gemüsequelle nach einiger Zeit versiegte, versteht sich von selbst.

Im Herbst suchte ich im Duisburger Wald oft und erfolgreich nach Pilzen, die in der recht einseitigen Ernährungssituation eine willkommene Abwechslung waren. Ich sammelte bevorzugt Kremplinge, Butterpilze, Birkenpilze und Hallimasch-Pilze. Eines Tages hatte ich in meiner Ausbeute auch einen Satanspilz, der dem Steinpilz zum Verwechseln ähnlich sieht. Der Satanspilz, der sehr bitter ist, verdarb das Pilzgericht (glücklicherweise), das wir nur noch entsorgen konnten.

Eines Tages brachte mein Vater einen großen Sack voll Rüben mit, die wir zu Rübenkraut verarbeiteten. Das mit dem Rübenkraut bestrichene Maisbrot verzehrten wir mit Heißhunger.

Fett

… war ein sehr begehrtes Nahrungsmittel. Als die Vorräte verbraucht waren und die Zufuhren aufhörten, gab es wochenlang gar kein Fett.

 

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