Weihnachten nach der Flucht

Wir sind von Pommern nach Schleswig-Holstein geflohen. Dort landeten wir auf einem Gut, welches einem Herzog gehörte. Untergebracht waren wir in einem Zimmer, die Ausstattung war eher primitiv. Z. B. hatten wir eine Waschschüssel, in der wuschen wir nicht nur, sondern es wurde auch die Wäsche gewaschen und auch zum Gemüseputzen gebraucht. Es gab nicht mehr.

Das war eigentlich eine sehr schöne Zeit für mich, weil ich da gute Freundinnen gefunden habe. Meine Freundinnen gingen da schon in die Mittelschule. Ich wollte auch dahin, aber mein Vater hat sagt: Flüchtlingskinder nehmen die gar nicht an!

Mein Vater war ja in Pommern Bauer gewesen, und er fühlte sich sehr gedemütigt, dass er jetzt Hilfsarbeiten auf dem Gut ausführen musste. Aus dem Grunde sollte ich mich auch eigentlich gar nicht erst an der Schule anmelden. Aber ich habe es trotzdem getan und bestand die Aufnahmeprüfung. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt und überhaupt nicht diesen Hass auf Flüchtlinge gespürt. Die Kinder sind ja immer anders, die gehen anders miteinander um, da spielt das nicht solche große Rolle, wer bin ich und so, sondern, wie kommt man miteinander aus. Bei wem kann man abschreiben? Wenn man gerne abschreiben lässt oder wenn man immer was hat zum Abschreiben, das ist ein gutes Pfund, würde ich mal sagen.

Die Leute vom Gut waren sehr sozial eingestellt, der Herzog hat viele gute Dinge für uns getan, z. B. dass die Leute bei ihm nicht hungern mussten. Es gab sogar auch eine Weihnachtsfeier, zu der die Herzogin alle einlud, ob Kinder oder Arbeiter. Wir durften sogar einen Wunsch äußern. Die Herzogin hat dann die Regie übernommen, wir haben Lieder gesungen und das, was wir uns gewünscht hatten, bekamen wir auch.

Meine Schwester bekam eine Puppenstube und ich eine gedrechselte Schmuckdose. Die habe ich lange, lange aufgehoben. Ich bin nie im Leben in die Verlegenheit gekommen, eine Schmuckdose zu füllen – aber ich hatte eine Schmuckdose, und zwar von der Herzogin geschenkt bekommen. Da habe ich mich sehr gefreut.

Bis Alter 12 hatte ich noch den Schulranzen aus Pommern. Ich habe mich so geschämt, ich war so groß, und ich trug den auch schon unter dem Arm. Dann kam wieder Weihnachten und Überraschung, Überraschung! Ich bekam eine schöne große Aktentasche. Ach, sagte ich, eine Aktentasche für die Schule. Wie man sich so freuen kann, über so eine Kleinigkeit:  Jetzt bin ich groß, ich brauche den Ranzen nicht mehr, sondern habe eine Aktentasche. – Eine tolle Sache damals!

Ruthilde Anders

Juli 2016
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