Kriegsbeginn

Hitlers Rede im Reichstag vom 01. September 1939 verfolgten er und seine Freunde vor dem Radiogeschäft Taube auf dem Rathausmarkt in Mülheim. Das Geschäft gehörte dem Vater seines Schulfreundes Werner, den er dann öfter besuchte, um Radio zu hören. Den Ausspruch Hitlers ‚Seit 5.53 Uhr wird zurück geschossen‘ konnte er damals nicht mit dem Beginn eines Krieges in Verbindung bringen. Darüber wurde er erst in der Schule aufgeklärt. Jeder wusste etwas von den Vorbereitungen in der Stadt zu berichten: Die Kasernen waren voller Soldaten, Pferde wurden für die Kavallerie dorthin transportiert, und es gab plötzlich jede Menge Pferdefuhrwerke. Lastwagen mit Soldaten wurden angekarrt, Kanonen am Güterbahnhof in Mülheim verladen, die sofort Richtung Osten fuhren.  Er und seine Mitschüler wunderten sich, wo alles so schnell herkam. 

Hier ist Horst Heckmann mit seinen Kameraden am Schießstand zu sehen
Heckmann war gerne mit seinen Kameraden zusammen

Am anderen Tag wurde sein Vater eingezogen, und das, obwohl er schon 4 Jahre Weltkrieg hinter sich hatte. Die Mutter war wieder alleinerziehend, praktisch während seiner ganzen Jugendzeit, was ihr während des Krieges schon so einiges abverlangte. 

Der gewonnene Polenfeldzug stärkte auch das Selbstbewusstsein von Horst Heckmann: „Wir haben einen Krieg innerhalb von 14 Tagen gewonnen!“ –  Es bestätigte ihm, dass er in der richtigen Nation lebte und Gott es ja auch dann so gewollt zu haben schien.

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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