Kriegsende als Jugendlicher

Einberufung in die Deutsche Wehrmacht mit 16 Jahren

Es war schon Mitte Januar 1945, als die Arbeitsdienstzeit zu Ende ging. Horst Heckmann hoffte immer noch inständig, am 2.  Februar in Glücksburg auf der Padua antreten zu können; schließlich hielt er noch immer die Anheuerungsbestätigung in Händen. Jeder in der Abteilung hatte sie schon gesehen.

Die Koffer gepackt standen alle Arbeitsdienstleute auf dem Appellplatz und warteten auf die Verabschiedung in die Heimat.  Der Abteilungsführer hielt dann für die erwartungsfreudigen jungen Männer sinngemäß folgende unvergessliche, zynische und niederschmetternde Horrorrede:

„Arbeitsmänner, Kameraden! Ihr habt gestern unter den Augen unseres Arbeitsführers eine hervorragende Manöverübung hingelegt, und ich soll euch in seinem Namen höchste Anerkennung aussprechen. Er ist sich sicher, dass ihr im Kampf gegen die Sowjets schon jetzt befähigt seid, für unser Vaterland und den Endsieg erfolgreich zu kämpfen. Um dies unserem geliebten Führer, Adolf Hitler, unter Beweis zu stellen, fahrt ihr nicht nach Hause, sondern in die Garnison und später unverzüglich an die Front."

Es ertönten die üblichen Heil-Rufe, die erwidert werden sollten. Das erste Heil blieb ihnen in der Kehle stecken, und das letzte verstummte ganz. Es war ihnen allen zum Heulen zumute.

So kam Horst Heckmann zu den Panzergrenadieren nach Neustrelitz auf der Insel Usedom.

Kurzausbildung zum Panzergrenadier

Die bereitstehenden LKWs verfrachteten die ehemaligen RAD-Angehörigen statt zum Bahnhof, um in die Heimat fahren zu können, sofort zum Wehrbezirkskommando in Neustrelitz (3). Hier wurden sie mit 17 Jahren direkt nach der Entlassung aus dem RAD als Panzergrenadiere gemustert.

In Karlshagen bei Peenemünde auf Usedom kam Horst Heckmann zu einer Kurzausbildung an der Panzerfaust und dem MG42, einem Maschinengewehr, das 1.200 Schuss in der Minute abgab. Alle wussten, dass dies ein Todeskommando werden würde, denn die jungen Kerle sollten Panzer begleiten – die es schon gar nicht mehr gab – und mit ihren Panzerfäusten die russischen T34 "knacken".

Um die Stimmung zu heben, wurde in der Kasernenkantine der Film ‚Die Frau meiner Träume‘ mit Marita Rökk (1944) gezeigt. 

 

Fronteinsatz

Nach der 14-tägigen Ausbildung ging es von Karlshagen auf Usedom Richtung Oder südlich von Stettin in die Region, wo die Russen vermutlich den Brückenkopf bilden werden oder vielleicht schon gebildet hatten. Wie hoffnungslos die Lage der jungen Panzergrenadiere war, verdeutlicht die Tatsache, dass nur für jeden fünften ein Gewehr zur Verfügung stand. ansonsten sollte der Kampf mit einigen Eierhandgranaten und Panzerfäusten aufgenommen werden. Für manchen Befürworter des "Totalen Krieges" mag dieser Tatbestand ausgereicht haben, um noch den Krieg zu gewinnen.

Horst Heckmann hatte bei der Klamottenverteilung viel zu enge Stiefel erhalten, die nicht mehr ausgetauscht werden konnten. Daher war es nicht verwunderlich, dass sich unterwegs große Blasen unter und an den Seiten der Füße bildeten. An Marschieren (über Zinnowitz, Wolgast, Anklam, Parsewalk, Löcknitz nach Grambow) war gar nicht mehr zu denken, so dass er eingequetscht von unterschiedlichen Materialien auf dem Tross sitzend – so bezeichnet man die Fuhrwerke, welche die Truppen begleiten und Verpflegung, gepackte Tornister und leichtes Gepäck transportieren – einen verlassenen Bauernhof in Grambow (5) unmittelbar an der Oder erreichte.

Als die Kompanie hier Quartier bezog, war die Entzündung der Blasen so groß, dass der Sanitäter keine Mittel mehr gegen eine Besserung parat hatte. Die einzige Lösung bestand darin, ihn in das Lazarett von Löcknitz einzuweisen. Dieser Umstand rette ihm mit Sicherheit das Leben, denn wenige Tage später hatten die Russen übergesetzt und die Kompanie so gut wie vollständig aufgerieben.

Lazarettaufenthalt in Löcknitz

Im Lazarett Löcknitz trafen laufend die ersten Schwerverwundeten aus dem Kampf "Abschnitt Oder" ein. Dem jungen Panzergrenadier Heckmann boten sich grauenvolle Bilder: Landser mit abgeschossenen Gliedern, Bauchschüssen, Kopfverletzungen usw. Alles wurde nur notdürftig behandelt. Das Schreien und Wimmern drangen tief ins Gemüt, und der eklige Blut- und Eitergeruch betäubte die Sinne.

Mit Wehmut sah er sich das Foto seiner jugendlichen Liebe an, das im nahen Spint an der Innenseite einen Platz gefunden hatte. Nicht selten zog er sich die Decke über den Kopf und war dem Heulen nahe, wenn er an das Ende des Lazarettaufenthaltes dachte und die Zeit danach.

Ein junger Arzt muss wohl sein jugendliches Alter und das vorauszusehende Schicksal im Blick gehabt haben, als er Horst Heckmann über die normale Zeit hinaus als "noch nicht kriegsverwendungsfähig" geschrieben hatte.

Inzwischen schlugen die Geschosse der russischen Artillerie und Stalinorgeln immer näher ein, und das Lazarett wurde schließlich fluchtartig geräumt. Horst Heckmann bekam neue Stiefel, wahrscheinlich von einem inzwischen verstorbenen Verwundeten, und wurde zum ehemaligen Truppenteil abkommandiert.

 

Rückzug auf eigene Faust von Stettin bis Schwerin

Auf der Suche nach seiner Einheit erfuhr Horst Heckmann, dass Garbow, wo sich vorher das Quartier befunden hatte, inzwischen von den Russen eingenommen und die Kompanie bis auf einige Wenige aufgerieben war. Er stand vor der Entscheidung, sich entweder bei der nächsten Kommandantur als Versprengter zu melden oder aber die Flucht auf eigene Fust gen Westen anzutreten. Er entschied sich für die letzte Möglichkeit und schloss sich mit einigen Kameraden einem Treck aus Ostpreußen an.

Tagsüber kamen russische Tiefflieger und schossen gezielt in die endlose Menschenschlange. Dabei spielten sich furchtbare Szenen ab, wenn Angehörige erschossen auf der Straße lagen und der Transport weitergehen musste. Nachts kamen die meist von Frauen geflogenen russischen Flugzeuge vom Typ Polikarpov, die wegen ihres eigenartigen Geräusches auch "Nähmaschinen" genannt wurden, und warfen mit großer Zielsicherheit kleinere Bomben ab, wo auch nur das geringste Licht zu sehen war.

Da der Treck häufig zum Stillstand kam, weil Hindernisse den Weg versperrten, löste sich die Gruppe um Horst Heckmann vom Treck und schlug sich selbstständig durch. Der Vorteil war, schneller vorwärts zu kommen, allerdings immer noch um die Gefahr im Rücken wissend, von Kettenhunden, wie die Feldgendarmerie genannt wurde, aufgegriffen zu werden. Diese hatte nämlich die Aufgabe, nach versprengten Wehrmachtsangehörigen zu suchen, um daraus eine Kampfeinheit zu bilden. Sie waren in ihren Entscheidungen und Ausführungen nicht zimperlich, so manchen Landser als Deserteur zu deklarieren und am nächsten Baum "aufzuknüpfen".

Die Dörfer auf dem Rückzug waren größtenteils von den Bewohnern verlassen worden. Dadurch bot sich der todmüden Gruppe die Gelegenheit, hin und wieder in Federbetten zu schlafen statt in der freien Natur zu kampieren; es war immerhin erst März/April. Einmal wurde es brenzlig, als sie durch lautes Schreien geweckt wurden. Es waren die Russen, welche bereits das Gelände des Anwesens erreicht hatten. Im allerletzten Moment schafften sie es, nicht in die Gefangenschaft der Sowjets zu geraten.

Gefangenschaft

Ihre Zik-Zak-Flucht über 10 bis 14 Tage ging über Anklam (7) – kurz vor Usedom – weiter nach Westen über Demmin (8) und Güstrow (9). Die kleine Gruppe um Heckmann herum näherte sich den amerikanischen Linien. Sie waren den russischen Truppen entwichen und fühlten sich im Inneren mehr als erleichtert. Viele Wehrmachtsverbände hatten sich inzwischen aufgelöst, und der Strom der flüchtenden Landser wurde immer stärker, sie liefen schon in Dreierreihen. Die Jagd der Feldgendarmerie hatte nachgelassen, obwohl auf jetzt noch Wachsamkeit oberstes Gebot war.

Sie warfen alles Nicht-Notwendige weg, so mussten sie keine Entwaffnungen über sich ergehen lassen. Notwendig waren dagegen leere Konservendosen am Band, Löffel, Brotbeutel mit organisierter Verpflegung oder eine Mini-Bratpfanne.

Unterwegs wurde bekannt, dass Adolf Hitler Selbstmord begangen hatte, so dass der abgegebene Fahneneid auf den Führer vom Volk keine Gültigkeit mehr hatte und von innen heraus die Gefahr der Verurteilung als Fahnenflüchtiger aufgehoben war.

Die Gruppe erreichte die amerikanischen Linien, und am 08. Mai 1945 marschierte sie geschlossen in amerikanische Gefangenschaft. Dort bekamen sie zum ersten Mal die amerikanischen Soldaten zu Gesicht und staunten nicht schlecht, welch tolle Uniformen sie trugen. Auch das mitgeführte Gerät erweckte mehr oder weniger Neid, wenn sie an die Ausrüstung ihrer eigenen Truppe in den letzten Kriegstagen dachten.

Von oben bis unten gefilzt wurden sie in ein Auffanglager auf dem Landeplatz des Flughafens von Hagenow (10) südlich von Schwerin geschleust. Hier kampierten zu guter Letzt über 100.000 Landser auf dem nackten Flugfeld. Es gab nur zwei Leitungen, aus denen spärlich Wasser floss und dabei noch nach Benzin schmeckte. Um daran zu gelangen, musste man in langen Schlangen von mehreren hundert Metern warten.

Die hygienische Einrichtungen Verhältnisse waren katastrophal. Die Lagerinsassen mussten sich die Latrinen, die aus einem Balken und einer dahinter liegenden Grube bestanden, selbst herstellen. Es kam nicht selten vor, dass vor lauter Schwäche der ein oder andere vom sogenannten Donnerbalken nach hinten in die Grube kippte.

Alle befürchteten, dass die Amerikaner sie doch noch an die Russen ausliefern würden. Doch nach entbehrungsreichen 10-14 Tagen – viel überlebten diese Zeit nicht – kam die frohe Botschaft von der Übergabe an die Engländern, welche die Lagerinsassen per Eisenbahn nach Schleswig-Holstein transportierten.

Auf einem riesigen Waldgelände der Holsteinischen Seenplatte bei Malente wurden sie sich zunächst selbst überlassen: Sie schliefen unter freiem Himmel in eigens geschaufelten Erdlöchern oder in aus Planen provisorisch zusammengestückelten zeltartigen Gebilden. Bei trockenem Wetter war alles noch auszuhalten, aber wenn es regnete, wurden die Klamotten nicht nur nass, sondern trockneten auch nicht mehr richtig. So lief man den ganzen Tag in feuchten Sachen herum und musste auch darin schlafen. Die Unerträglichkeit steigerte sich noch weiter, wenn Läuse krabbelten und die Haut durch deren Bisse zu jucken anfing.

Auch hungerten sie anfangs sehr. Die Verpflegung bestand aus drei bis fünf Keksen, wovon zwei Stück zum Herstellen und Sämigmachen einer bitteren Brennesselsuppe abgezweigt werden mussten. Vom ständigen Kohldampfschieben wurden die meisten so schwach, dass eine Fortbewegung oft nur mit Stock möglich war. Nachdem sich die Organisation bei den Engländern gebessert hatte, wurde die tägliche Keksration von ca. 8 auf 12 Stück erhöht – fünf davon mussten allerdings für die Suppe abgegeben werden. Zusätzlich gab es noch einige Brote für jede Kompanie. Aus organisatorischen Gründen durften die Dienstränge noch geführt und Abzeichen noch getragen, Hakenkreuze mussten aber entfernt werden. Dieses Brot wurde sorgfältig in gleichmäßig dicke Scheiben geschnitten. Dank einer unterwegs aufgelesenen kleinen Bratpfanne konnte Horst Heckmann den nicht allzu abwechslungsreichen Speisezettel bereichern, indem er Weinbergschnecken fettfrei nur in eigenem Saft zubereitete.

Verlegt auf einen Bauernhof kam er in ein mit Zeltplanen überdachtes Erdloch, gemeinsam mit einem Leutnant, einem Hauptfeldwebel und zwei Unteroffizieren. Sofort waren die alten militärischen Gepflogenheiten und die alte Hackordnung wieder da. Für Heckmann  brachte dies einige Privilegien, denn er wurde der Bursche vom Leutnant; teilweise gereichten diese Vorteile zum Überleben. So durfte er beispielsweise einen weißen Schal tragen und auch eine Schirmmütze statt des Schiffchens, und wurde deswegen "Sonny Boy" getauft. Er hatte unter anderem auch für den Empfang der Verpflegung zu sorgen. Da der Weg von der Ausgabestelle bis zum Erdloch einige hunderter Meter betrug, bestand die Möglichkeit, aus der Verpflegungskanne vorab einige oben schwimmenden Kekse mit dem immer mitgeführten Schlagzeug ( Bezeichnung für Konservenbüchse mit Löffel) abzuschöpfen.

Trotz seines Organisationstalents war Hunger ständiger Begleiter und das Fortbewegen nur mittels Stock möglich. Um die Eintönigkeit und Stimmung im Lager einigermaßen erträglich zu machen, gestatteten die Engländer die Gründung einer Lagerband. per Anschlag am Schwarzen Brett sollte sich alle Musiker melden. Verwunderlich war, dass einige Landser sogar noch Instrumente mitgeführt hatten. So besaß der Unteroffizier in Heckmanns Wohngemeinschaft eine Geige, die er hervorragend beherrschte, wie beispielsweise den "Csardas von Monti. Die Engländer unterstützten das Ganze, und weil auch sie den Jazz liebten, tauchten sogar Saxophone und Klarinetten, kurz alle Instrumente auf, die zu einer ordentlichen Band gehörten. Zum Schluss bestand das Orchester aus 30 Mann und es wurde erstklassiger Jazz und Swing gespielt. Die Musik ließ zeitweilig den Hunger vergessen, und der befürchtete Lagerkoller wurde brach nicht aus.

 

Entlassung in den Bergbau im Ruhrgebiet

Bergmann im Ruhrgebiet
OpenClipart-Vectors / Pixabay

Im Juni/Juli 1945 suchte die englische Besatzungsmacht für das Ruhrgebiet Bergleute. Da Heckmann ja schließlich von dort kam, meldete er sich bei der Lagerleitung. So wurde er nach Rheinberg in ein Entlassungslager abkommandiert, verbrachte einige Tagen erneut hinter Stacheldraht, und gelangte danach mit den entsprechenden Papieren ausgestattet zum Arbeitseinsatz nach Mülheim. 

Er fühlte sich zunächst Einmals in seiner alten Heimat wieder wie ein freier Mensch – seine Heimatstadt, die er verwüstet verlassen hatte und die er noch verwüsteter vorfand. In seiner noch einigermaßen heil gebliebenen Wohnung lebten bombengeschädigte Nachbarn. Zwar räumte man ihm eine Schlafstelle ein und kümmerte sich, soweit es ging, um ihn, dennoch überkam ihn zum ersten Mal das Gefühl der Einsamkeit.

Besiegt – Befreit – Besetzt

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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