Erziehung

Jungmädel

Selbstverständlich war sie auch Jungmädel, obwohl ihre Mutter gegenüber der Hitlerjugend das Wort „scheußlich“ in den Mund nahm. Sie fand alles „scheußlich“: die Uniform der Mädchen, diese blauen Röcke kombiniert mit weißer oder grauer Bluse, diese Berchtesgadener Strickjäckchen, schwarz mit rot und grün, und diese gelb-braune Kletterweste (hellbraune Velveton Jacke) – alles scheußlich! 

Zum Aufmarsch an einem 1. Mai, dem Tag der Arbeit, in Berlin musste ihre Gruppe ins Olympiastadium, das voll mit braunen Westen war. Es war genau gekennzeichnet, wo man seine Jacke ausziehen musste. Mit Einzug Adolf Hitlers brüllten alle „Heil“. Alle zogen zeitgleich ihre Westen aus. Und so entstand rund um das Oval im Olympiastadium auf der einen Seite das Wort ‚Heil‘ und auf der anderen Seite das Wort ‚Hitler‘. Anschließend bekamen sie vom Hilfszug Bayern heißen Kakao ausgeschenkt.

Elternhaus

Noch heute ist sie stolz darauf, dass in ihrem Elternhaus nie das obligatorische Hitlerbild hing und niemand in der Familie Parteimitglied war.

Die Familie hatte einen großen Freundeskreis, zu der auch einige jüdische Familien gehörten. Für die heranwachsende Eva gab es da keine Unterschiede.

Heute ist sie sich sicher, dass die Eltern, wenn sie sich kritisch gegenüber dem Regime äußerten, Angst hatten, dass ihre Kinder das irgendwie ausplauderten, zumal ja für jedes Kind ab 10 Jahren die Jugenddienstpflicht in der HJ bzw. beim BDM war. Wenn zu Hause ein Thema aufkam, wovon sie als Kind nichts mitbekommen sollte, sprachen ihre Eltern schon mal englisch, die Mutter eher französisch. Da wusste sie sofort, dass sie das nicht hören sollte. Teilweise hatten die Eltern ein bisschen Angst vor der Redseligkeit der Kinder. 

Frau Timm hat weder das übliche Pflichtjahr absolviert noch einen Arbeitsdienst, dafür hat sich ihre Mutter stark gemacht. 

Besonders heftig wurde in der Familie folgende Begebenheit diskutiert: Es wurde eine Bekannte der Familie beerdigt. Am Grab war auch der Sohn der Verstorbenen, der wohl sehr gelassen am Grab gestanden haben muss. Jemand sprach ihn an, ob ihn denn der Tod seiner Mutter gar nicht berühre. Er soll gesagt haben: ‚Wenn ich Kinder mit einem Genickschuss in die Grube schicke, kann mich der Tod meiner Mutter nicht mehr berühren.‘

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