Santa Lucia

Es war im Herbst 1946, als wir im Internat eine neue Schülerin in unsere Klasse bekamen: Sonja, ein 19-jähriges Mädchen, das von ihrem Vater in die Obhut der Kaiserswerther Schwestern gegeben wurde, da es dem Vater nicht recht war, dass seine Tochter einen Umgang mit einem etwas älteren Herrn pflegte.

Sonja, eine Schwedin, wurde von uns naiven Backfischen angehimmelt und bewundert. Schweden kannten wir ja von der Quäker-Schulspeisung (Kekse und Erbsmehlsuppe) bereits. Dann kam der 13. Dezember, der der Heiligen Lichterkönigin Lucia in Schweden gewidmet ist, und Sonja erzählte  uns, dass auch sie einmal eine Lucia-Braut gewesen war. Sie war ganz aus dem Häuschen. So kamen wir in den Genuss ihrer Erzählung. Es ist alter Brauch, dass die Braut ein langes, weißes Gewand mit einem roten Band um die Taille trägt. Auf dem Kopf hat sie einen Kranz aus Preiselbeerkraut und brennende Kerzen. Wenn sie von anderen Mädchen begleitet wird, sind diese auch mit langen weißen Kleidern und rotem Band bekleidet, und sie halten brennende Kerzen in ihren Händen. Die Jungen verkleiden sich als Sternknaben. So ziehen sie gemeinsam durch den Ort.

Der Tag beginnt damit, dass die Kinder ihre Eltern mit dem Santa-Lucia-Lied wecken und ihnen das Frühstück ans Bett bringen. Dann wird den ganzen Tag  gefeiert, sei es in der Familie, im Kindergarten, in der Schule oder sogar am Arbeitsplatz, bis am Abend die große Prozession stattfindet. Alle Bewohner, mit Kerzen in den Händen, folgen der Lucia-Braut in die Kirche.

Wie es heute gefeiert wird, weiß ich nicht. Nur muss es damals der wichtigste Tag in der ganzen Weihnachtszeit  gewesen sein, dem die Kinder erwartungsvoll entgegen gesehen haben.  Sonja wollte mit uns dieses Fest feiern, doch ein Jahr nach dem Krieg konnten wir keine weißen Gewänder, kein rotes Band und keine Kerzen organisieren. 

Änne-Anita Oriwol

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