Leben mit den Jahreszeiten

Mein Leben war ja nicht so aufregend, wie ich schon erzählt habe. Ich möchte hier noch einen kleinen Einblick gewähren.

Pommern war ein landwirtschaftlich geprägtes Land, ein Dorfkern und viele Höfe waren verstreut im Land. Es gab ja schon Strom, also Licht war im Haus, und Elektromotoren haben auch schon die schwere Arbeit gemacht. Die Natur bestimmte den Lebensrhythmus, die Jahreszeiten bestimmten die Arbeit. Alles hatte einen ruhigen Ablauf. Durch die Tageszeitung waren wir mit der Außenwelt verbunden. Telefon und Fernsehen gab es ja noch nicht. Die Kinder hatten einen weiten Schulweg, wir mussten jeden Tag 6 km hin und 6 km zurück. Wir hatten einen weiten Schulweg und wurden auch früh in die Arbeit auf dem Hof mit eingespannt. Wir gingen mit auf den Acker und mussten kleine Hilfsarbeiten verrichten. Geld bekam man durch den Verkauf der Produkte, und wenn große Beträge gebraucht wurden, dann konnte man bei Reichen etwas leihen. Das habe ich auch erlebt, da wurde die letzte Hypothek, die wurde 1945 abgezahlt, also als die Russen einmarschierten, da waren wir schuldenfrei. Wer nicht sparen konnte, kam ins Armenhaus – also das war dann, wer alles verwirtschaftet hatte und nicht – und auch seinen Hof verwirtschaftet hatte – der kam ins Armenhaus.

Meine Mutter erbte den Hof von ihrer Mutter. Die war 33 Jahre alt, als ihre Geschwister verheiratet waren, obwohl sie nicht das älteste Kind war, hatte ihre Mutter sie zur Erbin bestimmt. Alle anderen Geschwister waren versorgt mit dem Erbteil. Erbteil war Geld und Wäsche usw. 300 Taler hatte jeder als Erbteil bekommen und das bei ganz vielen Kindern. Ich glaube, 8 Kinder haben da ihr Erbteil bekommen.

Alle Wäsche wurde selbst gewebt. Auch Bekleidung war Eigenproduktion, Wolle wurde gesponnen, Flachs angebaut, Wäsche wurde gewebt. Im Winter wurde gesponnen und gewebt, der Webstuhl füllte das halbe Zimmer aus. Noch heute kann man in Museen das bewundern, was die Leute hergestellt haben. Handtücher, Bettwäsche, Tischwäsche und zum Teil auch zweifarbig. Da wurde dann etwas eingefärbt, und da gab es rot karierte Bettwäsche und Tischdecken, die blau und weiß gemustert waren, und das richtete sich danach, wie der Webstuhl eingestellt war. Ich weiß nur, dass das sehr schwierig war, und das Schiffchen, mit dem gewebt wurde, musste man einfach durchschieben und treten, dass der Wechsel kam, und dann wurde wieder durchgeschossen.

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