Eine Reise in die Vergangenheit

Ein alter Mensch denkt oft und gerne an schöne Erinnerungen seines Lebens. Doch das Leben besteht nicht nur aus schönen Erlebnissen. Ein jeder erinnert sich auch an die negativen Ereignisse, die sein Leben prägten. Einige dieser positiven und negativen Ereignisse meines Lebens nochmal Revue passieren zu lassen, wurde mir geboten. Für mich wurde ein Traum wahr. 

Wie kam es dazu? Ich denke, das hat mit meinem Engagement bei der Zeitzeugenbörse in Mülheim an der Ruhr zu tun. Meines Wissens wurde die Leiterin unserer Zeitzeugenbörse, Frau Reuß, von der Berliner Filmproduktionsfirma Februar Film GmbH kontaktiert mit der Anfrage, ob ein Zeitzeuge unserer Gruppe bereit wäre, bei der Produktion eines Filmes mit dem Titel: “Wir Kriegskinder“ von seinen Erlebnissen jener Zeit zu berichten und das vor der Kamera. Frau Reuß fragte mich, ob ich dazu bereit wäre. Selbstverständlich war ich dazu bereit. Die Regisseurin des Films, Frau Brückner, besuchte mich am Karfreitag 2018 in meiner Wohnung, und wir führten ein Gespräch über eineinhalb Stunden. Sie fragte mich unter anderem, ob ich bereit und körperlich noch in der Lage wäre, einige der Stationen meiner Jugend in KLV-Lagern in Böhmen und Mähren (Tschechien), in denen ich von April 1943 bis April 1945 gelebt hatte, mit anschließender Flucht in Richtung deutscher Reichsgrenze noch einmal abzufahren. 

Wem wird diese Möglichkeit schon mal geboten! Für mich erfüllte sich ein Traum. Nachdem das geklärt war, fragte sie mich, ob ich einen jungen Menschen kenne, der mich auf dieser Reise begleiten und mich zu meinen Gefühlen und Gedanken befragen könnte, kenne. Ich bot ihr an, meine Enkelin Lea, welche in Münster Kommunikationswissenschaft studiert, dazu einzuladen. Sie setzte sich mit meiner Enkelin in Verbindung, und Lea sagte begeistert zu. 

Wir blieben per WhatsApp immer in Verbindung. Dann kam die erlösende Nachricht. Von Montag den 6. August bis Donnerstag den 9. August wird in Tschechien und in der Oberpfalz gedreht. 

Ohne meine Enkelin hätte ich große Schwierigkeiten gehabt, die Reise anzutreten. Die Tickets für den Flug von Düsseldorf nach Prag und zurück von Nürnberg nach Düsseldorf bestanden nicht wie ich es kenne aus Papier, sondern wurden auf dem Smartphone meiner Enkelin gespeichert. Verflixte Technik. Am Montag, den 6. August um 9 Uhr 30, ging unser Flieger ohne Verspätung nach Prag. Dort erwartete uns das Filmteam aus Berlin mit einem VW Bus. Thomas, der Kameramann, Carsten, der für den Ton Verantwortliche, und Maxi, die Regisseurin ( wir waren von Anfang an per Du, das erleichterte die Arbeit).

Nach einer 2-stündigen Fahrt erreichten wir die Stadt Pardubice (deutsch: Pardubitz) und checkten erst mal in einem Hotel in der Altstadt ein. Um einen ersten Eindruck für die Arbeit am nächsten Tag zu bekommen, fuhren wir zu dem Ort, an dem ich mit vielen anderen Jungen zwei Jahre während des Krieges gewohnt und gelebt hatte. Rabi heißt das Dorf. Ich fand nichts mehr an dem Ort, was mich an meine damalige Zeit erinnert hätte. Er war viel größer geworden, und nach 73 Jahren stand auch kein altes Haus mehr. Aber der Ort war schöner geworden. Vom Ortskern aus war die Burg Kunititz zu erkennen, die noch genau meiner Erinnerung entsprach. Wir fuhren zurück nach Pardubitz und nahmen unser Abendessen in der historischen Altstadt ein. Der Stadtkern von Pardubitz ist einer der schönsten Plätze in Europa.

Am nächsten Morgen fuhren wir zur Burg Kunititz, unser ehemaliger Abenteuerspielplatz. Jetzt begann mit den Dreharbeiten ein stressiger Tag. Die Burg sah noch genau so aus wie vor 73 Jahren. Man hatte vieles restauriert und renoviert. Die Nordseite des Felsens, auf der die Burg erbaut wurde, war zu unserer Zeit relativ kahl und diente uns im Winter als Abfahrtstrecke beim Skifahren. Jetzt aber war der ganze Hang zugewachsen. Die Hauptsache aber wäre der Besuch unseres ehemaligem KLV-Lagers unterhalb der Burg gewesen. Jedoch gab der jetzige Besitzer der Filmcrew keine Drehgenehmigung. Warum auch immer! Wir aßen zu Mittag in einem Lokal unterhalb der Burg. Das alte Restaurantgebäude gab es noch. In einem Raum des alten Lokals hatte wir damals 2 Jahre Schulunterricht. Es gab allerdings um das alte Haus diverse Anbauten, und es wird auch heute noch von Touristen gern besucht. Nach dem Essen fuhren wir zur Elbe, die da noch Labe heißt, und besuchten unseren damaligen Badestrand, an dem die meisten meiner damaligen Kameraden, und auch ich, schwimmen gelernt hatten. 

Von da zurück gingen Lea und ich noch mal zu unserem ehemaligen KLV-Lager. Es dauerte einige Zeit und Überredungskünste, einen älteren Herrn, der hier die Aufsicht hatte, mit Händen und Füßen gestikulierend zu bitten, den Eigentümer anzurufen und um Einlass zu bitten. Er kam unserer Bitte nach mit der Auflage, nicht zu fotografieren.

Na, endlich. Das Äußere des Hauses hatte sich nach so vielen Jahren kaum verändert. Ich war sehr überrascht, wie gut das Haus noch aussah, es wurde schließlich schon 1880 erbaut und sein Äußeres hat sich bis heute nicht geändert. Der freundliche Mann führte uns durch das Innere des Hauses, und ich erkannte vieles aus meiner Zeit in diesem Haus. Wir bedankten uns sehr bei dem Herrn, und er bat um meine Adresse. Die gab ich ihm, und vielleicht hört man doch mal etwas von ihm? 

Wir fuhren am gleichen Tag weiter zur Zwischenübernachtung in ein Hotel in Beroun. Ich war geschafft, verzichtete auf das Abendessen und ging sofort schlafen.

Das nächste Ziel war die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in der Oberpfalz. Dort hatte die Crew schon eine Drehgenehmigung. Wir standen vor einem gewaltigem Gebäude mit einem großem Toreinlass in der Mitte. Das war das ehemalige SS-Verwaltungsgebäude. Hinter dem Tor sah man zur linken Seite die ehemalige Lagerküche, zur rechten Seite die Lagerwäscherei. Zwischen diesen Gebäuden war der Appellplatz. Auf einem Hang links der Lagerküche standen früher die Barracken der Häftlinge. Es kam mir seltsam vor, was ich jetzt sah: Eine komplette Neubausiedlung war dort entstanden. Ich hatte das Gefühl, die Menschen haben auf einem Friedhof gebaut. 

Auf dem Weg durch das Gelände des ehemaligen KZ Lagers kamen mir wehmütige Gedanken, hatte ich doch viele, die den Todesmarsch kurz vor Kriegsende überlebt hatten, gesehen und mich mit zwei von ihnen auch über das Grauen im KZ-Lager Flossenbürg unterhalten. Flossenbürg war kein Vernichtungslager wie Auschwitz oder Buchenwald. Hier brachte man die Menschen durch Arbeit und Hunger zu Tode. Das Krematorium, in dem die Leichen eingeäschert wurden, steht im Tal des Todes, in dem auch unter anderem eine Erdpyramide, gebildet aus der Asche und den Gebeinen von 15.000 Menschen zu sehen ist. 

Nach 5 Stunden anstrengender Dreharbeiten fuhren wir nach Neukirchen-Balbini, der Ort, in dem für uns am 23. April 1945 der Krieg zu Ende ging. Wir trafen uns dort mit dem Bürgermeister, Herrn Dauch, dem Heimatpfleger Herr Probst und zwei Zeitzeugen vor dem Gasthaus Kraus, das uns zur damaligen Zeit zwei Wochen als Unterkunft diente. Es entwickelten sich lebhafte Gespräche zwischen mir und den einheimischen Zeitzeugen. Alle die Gespräche wurden von dem Filmteam aufgenommen, und zu meinem Leidwesen mußten wir das Ganze mehrmals wiederholen, bis der Kameramann zufrieden war. Wir besuchten die Stelle am Ortsrand, an der damals über 100 Leichen des KZ-Lagers Flossenbürg auf Anordnung der amerikanischen Behörden bestattet wurden. Am Rand steht eine Gedenktafel mit Bild, die an die grausame Zeit erinnert. Es ist heute eine Wiese, auf der man gut bauen könnte. Der Besitzer tut es nicht. 

Dann fuhren wir nach Kitzenried. In Kitzenried bei der Familie Biebl, bei der ich mit einem Freund fast 7 Monate, nämlich von Mai bis Ende Oktober 1945, gewohnt und gearbeitet hatte, erwartete uns die heutige Bäuerin, Rosa Biebl, sehnsüchtig zur Brotzeit. Es war mittlerweile schon 19 Uhr 30. Alle hatten Hunger, und Rosa hatte aufgefahren, was Küche und Keller zu bieten hatte, auch bayrisches Bier. Ihr sei hier noch mal herzlichst gedankt. 

Unsere letzte Nacht, verbrachten wir im Hotel am See in Neunburg vorm Wald. Müde und total erschöpft ging ich sofort schlafen. Am nächsten Morgen nach einem guten Frühstück brachten uns unsere Freunde, das Filmteam, zum Flughafen nach Nürnberg. Auch dort hätte ich ohne Lea Schwierigkeiten gehabt: Ticket auf dem Smartphone! Wir landeten pünktlich und problemlos in Düsseldorf und fuhren mit der S Bahn nach Mülheim. Leas Mutter, meine Schwiegertochter, holte uns mit dem Auto ab.

Um 15 Uhr, beladen mit viel neuer Erfahrung und einen Koffer voll gelebter Träume und glücklich, in meinem doch hohem Alter etwas von meinen Jugenderinnerungen wiedergefunden zu haben, war ich wieder zu Hause. Nein, es war keine Erholungsreise, und es hat mich auch Kraft und Mühe gekostet, aber ich möchte keine Sekunde dieser Tage missen. 

Horst Rübenkamp 10.08.2018

Herr Rübenkamp war während der Zeit der KLV-Lager und seiner abenteuerlichen Reise zurück ins Ruhrgebiet (1943 und 1945) zwischen 11 bis 13 Jahre alt.

Hier geht es zum Artikel in der Mittelbayerischen Zeitung vom 21.08.2019

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