Erziehung

Pella

Wir waren auf dem Bauernhof anfangs 8 Personen. Wir hatten auch 2 Fremdarbeiter und ein Polenmädchen, das kam mit 16 Jahren zu uns auf den Hof. Als sie aus ihren Sachen herausgewachsen war, musste meine Mutter  dafür sorgen, dass sie wieder gut gekleidet war. Weil sie noch so jung  und auch eher klein war,  hat sie mehr bei uns im Hause gearbeitet und nicht auf dem Feld. Wir haben zusammen Kartoffeln geschält, und sie hat mit uns Schularbeiten gemacht. Pella blieb bis 1945 bei uns.

Wir Kinder durften mit den Erwachsenen am großen Esstisch sitzen und unsere Mahlzeiten einnehmen. Polen und Russen  durften eigentlich zur Nazizeit nicht bei uns am Tisch essen. Da hätte extra ein Essplatz in der Küche sein sollen. Wehe, wenn das jemand erfahren hat, oder die sagten dann gerüchteweise: „Bei euch sitzen die am Tisch, haben wir gehört?“ – „Nein,“ haben wir gesagt, „ihr könntet kommen und gucken, die haben in der Küche ihren Essplatz.“ – Das stimmte aber gar nicht so bei uns.

Wir haben uns immer gut vertragen mit Pella, sie war für uns wie eine große Schwester. 

Von ihr bin ich – glaube ich – auch aufgeklärt worden, sie hat über ihre Liebschaften erzählt, wenn sie sich mit Jungs getroffen hatte. Also, ich hatte schon gute Informationen über Sexualität, weil sie ja schon Freunde hatte, und dann hat sie erzählt, was sie dann abends getrieben haben. 

Pella hat nach dem Krieg unsere Familie über das Internationale Rote Kreuz  gesucht und uns tatsächlich gefunden, obwohl wir ja vertrieben und in Schleswig-Holstein angesiedelt waren. Wir haben sie bei einem unserer häufigen Besuche in Kolberg /Polen (ca. ab 1991/92) in Danzig besucht, und die Freude war beiderseits natürlich sehr groß. Sie hat sich gut erinnert an uns, und wir fanden sie ja auch ganz nett. 

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