Wohnen und Leben auf dem Hof

Selbstversorger

Wir waren größtenteils Selbstversorger und hatten Milch, Brot, Fleisch, Wurst, Eier und Schinken aus eigener Produktion; d. h. alles, was angebaut und gezogen wurde, das wurde auch von uns verbraucht. Die Milch von unseren Kühen wurde in die Molkerei gebracht. Auch wurde Milch zum Säuern hingestellt, daraus wurde dann der Quark gemacht und aus dem Rahm die Butter. 

Nur die Lebensmittel, die man nicht selber herstellen konnte, die wurden aus der Stadt geholt. Dorthin fuhren meine Eltern einmal in der Woche mit dem Wagen. Sie brachten dann auch nicht 1 Pfund oder 1 Kilo von etwas mit, sondern z. B. ein Sack Mehl oder ein größerer oder kleinerer Sack mit Zucker. Ich freute mich immer, wenn ich mitfahren durfte. An eine Episode erinnere ich mich recht gut: Wir nahmen auch manchmal Sachen mit, die wir in der Stadt verkaufen wollten. Wir hatten diesmal schon etwas größere Küken mit. Als wir uns der Stadt näherten, schaute sich mein Vater um: Die Küken waren aus dem Kasten hinten auf dem Wagen verschwunden. Stattdessen waren sie überall im Wagen verteilt. Da mussten wir die Küken fangen. Als der Friedhof schon in Sichtweite kam, waren immer noch nicht alle eingefangen.

Wenn alle Besorgungen erledigt waren, gab es in dem Raum hinter dem Laden Brötchen und Fleischwurst zu essen, und das war ja was Besonderes.

Bei uns wurde das selbst gebackene Brot auch im Keller aufbewahrt, in einem Raum, der etwas feucht, aber nicht warm war. So konnte das Brot nicht schimmeln. Damals wurde auch eine ganz andere Vorratswirtschaft betrieben. Das Korn wurde in der Mühle gemahlen, es kamen  keine chemischen Zusätze rein, nur Sauerteig und Hefe und Salz. In dem großen Ofen wurde gebacken, der war auch so etwas außerhalb vom Haus, damit der Hof nicht abbrennen konnte, wenn man die Glut rausholt. Es musste immer sehr viel Sorgfalt angewendet werden. Das Gemüse wurde noch sauer eingelegt.

Geld bekam man durch den Verkauf der Produkte, und wenn große Beträge gebraucht wurden, konnte man bei Reichen etwas leihen. Das habe ich auch erlebt, da wurde die letzte Hypothek 1945 abgezahlt. Als also die Russen einmarschierten, waren wir schuldenfrei. Wer nicht sparen konnte, alles verwirtschaftet hatte, kam ins Armenhaus. 

Fließendes Wasser bekamen wir auch erst so in den 40er Jahren. Die elektrische Pumpe kam in den Keller, und da haben wir dann fließendes Wasser in der Küche gehabt, und vor allen Dingen in den Stallungen. Da brauchte nicht immer alles hingetragen werden. Das erleichterte die Arbeit.

Krankenversicherung

Für uns als selbstständige Bauern gab es keine Krankenversicherung gab. Deshalb durfte keiner krank werden. Wurde dennoch jemand krank,  musste das aus dem Betrieb bezahlt werden. Es hieß dann so: „Die Oma hat eine Kuh gekostet.“ So war  die Bezahlung. Zuerst wurden alle zur Verfügung stehenden Hausmittel eingesetzt, bevor der Doktor häufiger zu einem Schwerkranken kommen musste.

Einmal  erkrankte ich an Scharlach, und da ich nicht ins Krankenhaus wollte, habe ich mich an der Decke festgeklammert und konnte zu Hause bleiben. Wegen der hohen Ansteckungsgefahr durfte mich niemand besuchen. 

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