Resümee:Ursula-Ulrike Storks

Da ich  mit Bombenangriffen groß geworden bin, war  ich ganz erstaunt, als auf einmal keine Bomben mehr fielen und wir wieder draußen sein konnten. Aber, wenn ich dann so überlege und mir die Erzählungen meiner Mutter vergegenwärtige, kommen so einige Sachen hoch, die ich als Kind nicht bewusst wahrgenommen habe. Aber im Unterbewusstsein ist es bis heute gespeichert.

Was man da alles erlebt hat – auch in den Trümmern! Wir waren durchweg traurige Menschen. Wir konnten ja kaum noch lachen, weil das Erlebte wirklich so schrecklich war. Als mein Vater einmal auf Front-Urlaub war, musste er auch mit in unseren Bunker oder Stollen. Die Wände haben gewackelt, es verging kein Tag, ohne dass Ruß oder andere Teile herunterfielen. Die Leute haben gebetet, es war eine schreckliche und furchtbare Zeit. Hinzu kam die Notwendigkeit des Besorgens, dass man überhaupt etwas zu essen hatte. 

Ich habe wirklich lernen müssen, was Hunger ist, und darum fällt es mir bis heute noch schwer, etwas wegzuwerfen. Nur, damit kann ich niemandem helfen. Für die Kinder waren es schlimme Zustände. Wer hat uns denn gefragt?!  Da war keiner zum Fragen. Wir mussten einfach mit. Wir mussten einfach mit!

Im Sommer 1955 lernte ich meinen späteren Mann kennen. Als ich mit 16 Jahren den ersten Kuss kriegte, dachte ich, jetzt bin ich schwanger. Die Aufklärung war ja auch nicht so. Ich war in dem Jahr davor von der Schule aus mit einer Gruppe aus Hamborn in den Ferien an die Nordsee gefahren. Dort kriegte ich zum ersten Mal meine Tage. Ich dachte, jetzt bist du sterbenskrank;  und als ich nach Hause kam, hat meine Mutter zu mir gesagt:  Das ist aber nicht schlimm, das ist so, aber du darfst dich jetzt nicht mit einem Jungen einlassen. … Was immer das auch heißen mochte. Das war also meine Aufklärung. – Wir haben geheiratet, beide mit 21. Unsere Tochter kam 1966 zur Welt.

Seit 15 Jahren bin ich ehrenamtlich Grüne Dame im  Evangelischen Krankenhaus  Mülheim/Ruhr. Meine Tätigkeit dort besteht darin, kranken Menschen Trost zu spenden, mich mit ihnen zu unterhalten, evtl. kleine Besorgungen für sie zu tätigen, ihnen Lesematerial wie Bücher aus der Bücherei zu besorgen oder ganz einfach ihnen nur zuzuhören, damit sie sich ihren Kummer von der Seele sprechen können und vieles mehr.  Dort wird man mit so vielen Schicksalen konfrontiert, die einem nahegehen. Aber man darf diese Belastung nicht mit nach Hause nehmen. Deshalb haben wir auch die Möglichkeit einer Supervision, damit wir immer wieder mit neuer Kraft und frischem Einsatz an unsere Aufgabe herangehen können, denn der Patient steht immer an erster Stelle.

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