Endgültige Heimkehr

So vergingen die Monate. einmal hat uns in dieser Zeit Lehrer Dahlhof besucht, der andere Lehrer hatte sich bereits abgesetzt und auch unser Lamafü hatte sich verpisst. Ende Oktober kam Herr Dahlhof noch einmal zu uns auf den Hof und berichtete, er hätte eine Möglichkeit für uns, nach Hause zu kommen. Von uns ehemaligen 60 Jungen hatte sich der größte Teil schon im Sommer auf den Weg gemacht.

Herr Dahlhof sagte, einige amerikanische Trucks führen, um Nachschub zu holen, und wir dürften auf der Ladefläche mitfahren. Super, die Familie Biebl war sehr traurig, so unvermittelt zwei so billige Arbeitskräfte zu verlieren. Mutter Biebl nähte noch schnell zwei Rucksäcke aus selbst gesponnenem Leinen, füllte diese mit einigen Lebensmitteln. vor allem war Brot darin, und deswegen haben wir auch überlebt. Dann bekam jeder von uns noch 5 Reichsmark, eine fürstliche Entlohnung, wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit eine amerikanische Zigarette schon 7 Reichsmark kostete. Aber egal, wir waren froh nach Hause zu kommen.

Die eigentliche Rückfahrt

Wir bestiegen am nächsten Morgen mit 30 anderen Flüchtlingen einen amerikanischen LKW. Der Fahrer, ein farbiger GI, fuhr, was das Zeug hielt. Wir wurden heftig durcheinander geschüttelt und kamen aber lebend in Nürnberg am Güterbahnhof an. Dort inspizierten wir alle dort stehenden Güterwagen nach ihrem Bestimmungsort. Wir fanden einen Flachwagen, beladen mit alten Eisenbahnschienen, dessen Ziel Gießen war. Das war ja schon mal Richtung Westen. Wir bestiegen den Wagen und warteten auf die Abfahrt. Unsere Heimfahrt sollt einsgesamt 5 Tage dauern.

Spät abends ging es endlich los. Wir froren erbärmlich auf dem offenen Wagen, und der Fahrtwind setzte uns sehr zu. Aber in Gießen lebten wir noch und suchten wieder nach einem Waggon in Richtung Westen. Wir fanden einen, der fuhr nach Siegen. Ein Hochborder, voll beladen mit leeren 20 Liter Benzinkanistern, wir saßen oben drauf, spät nachmittags fuhr auch der Zug los. Wir dachten noch: Wenn jetzt eine Brücke oder irgendwas kommt, die haut uns den Kopf ab. Also wurden reihenweise die Kanister über Bord geschmissen, und wir haben uns in die Lücken gesetzt. 

In Siegen angekommen, staunten wir nicht schlecht: Es verkehrte ein fast normaler Personenzug nach Hagen. Wir stiegen ein und wollten dem Schaffner einen Fahrschein mit unserer hart verdienten Reichsmark abkaufen. Er hatte aber Tränen in den Augen, als er uns sah, und ignorierte unser Begehren.

Herr Rübenkamp spricht über seine abenteuerliche Rückkehr ins Ruhrgebiet

Die letzte Etappe

In Hagen angekommen, ging es nicht weiter. Die Brücke über der Ruhr war zerstört und lag im Wasser. Wir aber, sportlich gestählt, kletterten über Träger und andere über das Wasser ragende Brückenteile, an das andere Ufer. Von dort fuhr ein Zug ins Ruhrgebiet nach Essen. In dem Zug war kein einziges Fenster verglast, sondern mit Brettern vernagelt.

Wir kamen dann am 5. Tag unserer Reise durch Deutschland in Essen an und wussten doch nicht, wo wir waren, wenn da nicht ein Schild mit der Aufschrift: „Essen Hauptbahnhof“ gestanden hätte. Alles lag in Trümmern. Mein Freund Manfred orientierte sich Richtung Nordosten, irgendwo dort musste seine Familie wohnen. 

Für mich war es etwas einfacher, denn es war später Nachmittag und die Sonne stand schon im Westen, dort, wohin ich musste. Ich machte mich jetzt auf die Socken in Richtung Mülheim. Apropos Socken: Ich hatte ja keine. Das Laufen war auch nicht gerade angenehm, denn ich hatte meine Schuhsohlen mit Draht umwickelt, damit die Sohlen nicht verlorengehen.

Endlich wieder daheim

An der Wickenburg in Essen angekommen, staunte ich nicht schlecht, da stand tatsächlich eine Straßenbahn. Es gab keine Oberleitung, stattdessen wurde die Bahn von einer kleinen Dampflok gezogen. Ich erreichte die Haltestelle Blumendelle in Mülheim, stieg aus und ging erwartungsvoll zu meiner Mutter in die Dessauer Straße. 

Ich habe mich natürlich unheimlich gefreut. Ich komme nach Hause, alle freuen sich, meine Mutter nimmt mich in den Arm usw. 

Der Empfang war ernüchternd. Niemand nahm mich in den Arm, wie muss ich wohl ausgesehen haben? Meine zerlumpte, schmutzige Bekleidung wurde gleich dem Garten übergeben und eingeäschert. Ich war ja nicht alleine nach Hause gekommen. Nein, mit mir hatte eine stattliche Anzahl von Flöhen die Reise gut überstanden. Man steckte mich gleich in eine Badewanne. Nach dem Bad wurde ich gekämmt und siehe da, außer Flöhe hatte sich auch noch eine Unmenge an Läusen auf meinem Kopf eingenistet. Was nun?  Mein Onkel Felix wusste Rat. Als Fahrsteiger hatte er die Möglichkeit, Spiritus zu besorgen. Mein Kopf wurde mit Spiritus eingerieben ein altes Handtuch zum Turban gewickelt, und zwei Tage später waren alle Läuse an Alkoholvergiftung gestorben. Meine älteste Schwester Anneliese hatte bis kurz vor Kriegsende Uniformen genährt, und so konnte sie mehrere Uniformteile mit nach Hause bringen und mir nach meiner Rückkehr daraus Bekleidung nähen.

Ich kann heute gut verstehen, dass sie mich nicht in den Arm genommen hat: Über ein halbes Jahr waren keine Haare geschnitten,  ungewaschen usw.

Unseren Lehrer Dahlhof haben wir 1948 mit einigen Jungens noch einmal in Essen-Steele besucht. Mit Manfred habe ich heute noch Kontakt, wir sehen uns regelmäßig.

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