Evakuierung aus der Tschechei

Hatte ich schon mein Mitgefühl verloren?

Ich muss dazu sagen, wir Kinder und Jugendlichen waren auf der Flucht. Wir waren selbst ganz erbärmlich dran. Um ehrlich zu sein, wir haben die Toten gesehen, aber das hat uns damals kaum berührt. Es ist wirklich so. Ich habe damals kein Mitleid gespürt, das heißt wir waren 60 Jungs im Alter von 12/13 Jahren. Es war halt so. Also, wir haben die Gräber geschaufelt und haben uns halt sogar dabei amüsiert, es hört sich komisch an, aber es war so. Aber anschließend, beim Bauern, wo die beiden Polen aus dem KZ Flossenbürg wohnten und alles so erzählten, was passiert war, waren wir auf einmal sehr betroffen. Es war eben Tod durch Arbeit.

KZ-Häftlinge nach der Befreiung

In der Nähe der Stadt Weil in der Oberpfalz befand sich ein amerikanisches Lager für deutsche Kriegsgefangene. Viele deutsche Soldaten wurden von dort aus entlassen und machten sich auf den Weg in ihre Heimat. Sie wurden von umherziehenden Gruppen von KZ-Häftlingen aufgegriffen und um ihre letzte Habe beraubt. War ein ehemaliger SS-Mann dabei, den sie an dem Blutgruppenzeichen unter dem rechten Arm erkannten, so wurde er an dem nächsten Baum aufgehängt und ohne Rücksicht darauf, ob es sich um einen Mann der kämpfenden Truppe oder um einen ehemaligen Bewacher handelte. Ich selbst habe bei einigen das Blutgruppenzeichen unter der Achsel gesehen, als sie an den Bäumen hingen.

Am Anfang waren wir noch gemeinschaftlich, also 60 Jungen, in Neukirchen-Balbini angekommen, wurden im Gasthaus Kraus untergebracht und blieben auch ca. 2 Wochen noch zusammen. Ende April/Anfang Mai zeigten uns Amerikaner eine Zeitung. wir konnten sie ja nicht lesen, nur die Bilder sehen. Der Lehrer hat übersetzt, dass der Krieg vorbei ist. In der Zeitung gab es Bilder vom befreiten KZ Buchenwald.

Wir wurden allerdings zunehmend uns selbst überlassen. Wieder bettelten wir bei Bauern nach rohen oder geselligen (gekochten) Kartoffeln. Die Gruppe löste sich immer mehr auf, weil sich einige schon auf Bauernhöfe verzogen. Nach 14 Tagen machte ich mich mit einem Kollegen, Manfred, auf in ein ganz kleines Dorf, Kitzenried. Dort gab es 7 Bauernhäuser – die gibt es übrigens auch heute im Jahr 2018 noch – und haben da um Nahrung und eventuell um ein Bett gefragt. Wir boten unsere Hilfe an. Man war nicht abgeneigt, vier zusätzliche Hände konnte man dort gut gebrauchen. Die Bäuerin, Frau Biebl, meinte, es wäre gut, wenn wir am nächsten Morgen wiederkämen. Auf unser Frage, wie spät es denn sei, schaute der Bauer, Herr Biebl, zum Himmel und meinte: „Oh, so dreiviertel Fünf wird es schon sein.“ Eine Uhr hatte er niemals. Es herrschte Ausgangssperre, das hieß, ab 17.00 Uhr durfte kein Zivilist auf der Straße sein. Also blieben wir direkt da.

Wir beide – mein Freund und ich – haben am Tisch das gesessen, was normalerweise von der Familie übrig geblieben war, und die haben alle rund um den Tisch gestanden und haben gestaunt, was wir beide so verputzt haben. Die wären alle 5 gut damit satt geworden.

Bei Ankunft in Neukirchen-Balbini gab es noch 2 Lehrer. Der eine hat sich sofort abgesetzt, auch der Lagermannschaftsführer hat sich verpisst. Der 2. Lehrer hat uns einmal in der Zeit besucht, und dann hörten wir erst ein halbes Jahr später wieder etwas von ihm.

Die Bauersfamilie hatte zwei junge polnische Häftlingen aus dem KZ Flossenbürg nach ihrer Befreiung aufgenommen, nicht zum Arbeiten. Die Bauersfrau hat die beiden hochgepäppelt; man kann sich das nicht vorstellen, wie die ausgesehen haben, wirklich nur Haut und Knochen, gerade mal 20 Jahre. Dass er ihnen zu essen gegeben hatte, war sein Glück. Denn es kamen Gruppen von 10 bis 20 Häftlingen, die die Bauern der Umgebung nach Lebensmittel ausplünderten. Die beiden Polen sagten: Stopp, mehr nicht! Sie sind ungefähr knapp 3 Monate da geblieben, es waren polnische Juden. Diese beiden erzählten uns und der Bauersfamilie, was sie in ihrer Zeit im KZ Flossenbürg erlebt hatten. Wir waren entsetzt und konnten es kaum glauben. 

Dieses KZ-Lager Flossenbürg war kein Vernichtungslager wie Auschwitz oder Bergen-Belsen, sondern da wurden die Häftlinge in einem Steinbruch zur Arbeit gezwungen, bis das sie tot umfielen. In dem Steinbruch wurden Basaltblöcke aus den Wänden gebrochen, die man gebraucht hätte, wenn wir den Krieg gewonnen hätten. 

Info: Im Jahr 1939 wurde das KZ-Lager Flossenbürg errichtet, um Basaltquader für die nach dem Krieg zu errichtenden monumentalen Bauten der Hauptstadt des Großdeutschen Reiches zu erzeugen. Hitler und sein Architekt Albert Speer hatten die Absicht, unter anderem einen Kuppelbau zu errichten, der den Petersdom wie eine gewöhnliche Domkirche aussehen lassen sollte. Es sollte eine Halle mit einem Fassungsvermögen von etwa 70 bis 80.000 Menschen werden. Berlin hieße nicht mehr Berlin sondern Germania. Für alle diese Vorhaben wurden Basaltblöcke aus Flossenbürg benötigt. Ab 1943 wurden Häftlinge zur Kriegsproduktion eingesetzt, hauptsächlich für die Firma Messerschmidt. Zwischen 1939 und 1945 waren etwa 100.000 Häftlinge aus über 30 Nationen in Flossenbürg inhaftiert, von denen mindestens 30.000 gestorben sind. Nach dem 20. Juli 1944, dem Attentat auf Adolf Hitler wurden am 9. April 1945 sieben Beteiligte des missglückten Attentats in Flossenbürg hingerichtet, u. a. Dietrich Bonnhöfer und Wilhelm Canaris. Eine Woche später trieben SS-Wachmannschaften über 10.000 Häftlinge des KZ-Lagers Flossenbürg auf einen sogenannten Todesmarsch, um sie nicht in die Hände der Alliierten fallen zu lassen. Rund 7.000 Menschen kamen bei diesem Marsch um. 

Das hat Herr Rübenkamp nach dem Krieg aus verschiedenen Quellen recherchiert. Er selbst hat das KZ später mehrmals besucht und hielt auch über Jahre Kontakt zu der heutigen Gedenkstätte.

Tod durch Arbeit. Da musste man mit auskommen als Kind. Die Polen haben uns auch noch einmal erzählt, dass der Krieg vorbei war, das haben die Bauern auch nicht gewusst. Es gab weit und breit kein Radio.


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