Haushalt: Veränderung durch Modernisierung

Museum der Dinge, Berlin:

Die Form, wie ich in meiner Kindheit den bürgerlichen Haushalt und die damit verbundene Haushaltsführung und Aufgabenteilung unter den Familienangehörigen, insbesondere dem Elternpaar, erlebte, steht im Gegensatz zu den heutigen Verhältnissen. Man mag mutmaßen, dass die bis heute erfolgte beinahe stürmische Modernisierung des Haushaltes das heute gepflegte Familienleben verändert oder eine solche erst bewirkte.

In der Vorkriegszeit war die Rollenverteilung bei den Ehepaaren mit Kindern in der Form beinahe festgeschrieben: Der Ehemann übt seinen Beruf aus und die Ehefrau betreibt den Haushalt. So auch bei uns. Das drückte in der Rückschau auch die Ausstattung eines Haushalts mit technischen Geräten aus. Diese bestanden selbst in landläufig zeitgemäß modernen Haushalten aus Kochgelegenheiten in Form von Gas- oder Elektroherd. Unser Badezimmer war bereits mit einem Gas- oder Kohlebadeofen ausgestattet, um das Badewasser zu bereiten. Es befand sich auch eine Seitennische mit Anschlussmöglichkeiten für ein Waschbecken daran, welches jedoch nicht vom Vermieter installiert war. In der Waschküche stand eine Bottichwaschmaschine mit Wassermotorantrieb und angebautem Handwringer bereit. 

Damit erschöpfte sich die Haustechnik für die Hausfrau, in diesem Fall für meine Mutter, denn alle anderen Handhabungen zum Kochen, Reinigen und Putzen wurden von Hand bewerkstelligt. Es spricht für sich, dass unsere Küche nur über zwei Steckdosen verfügte, wovon eine bereits durch das Rundfunkradio besetzt war. Im elterlichen Schlafzimmer befanden sich zwei Steckdosen für die zwei Nachttischlämpchen, und im Kinderzimmer gab es eine einsame Stromzapfstelle.

Da sieht es in einem modernen Haushalt doch sehr viel anders aus. Unsere Tochter verfügt in ihrer Wohnung, einem renovierten Altbau, über ca. 30 Steckdosen. Sie ist damit für die Ankoppelung eines jeden elektrisch betriebenen Haushaltsgerätes in jedem Winkel ihrer Wohnung gerüstet.

Die Vielzahl an Elektrogeräten heutiger Wohnungen ist der allgemeinen Modernisierung und dem Erfindungsreichtum der Produzenten von  Haustechnik geschuldet. Einen Ausgangspunkt hierzu erkenne ich in der stürmischen Entwicklung auf diesem Gebiet in der Aufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieser Trend steht auch in engem Zusammenhang mit den Ergebnissen dieses Krieges in der Form, dass eine Vielzahl der Männer zum Teil gar nicht infolge der Kampfhandlungen oder erst sehr verspätet bis etwa Mitte der fünfziger Jahre zu Ihren Familien zurückkehren konnten. In der Folge dessen sahen sich viele Frauen gezwungen, Aufgaben zu übernehmen, die sonst durch die Männer erledigt wurden, und zwar nicht nur auf dem häuslichen Sektor, sondern auch in beruflicher Hinsicht. Das förderte das Selbstbewusstsein der Frauen und ihre Entscheidungskompetenz. Schließlich fanden diese Veränderungen ihren Niederschlag bei Gründung der Bundesrepublik, mit der Schöpfung des Grundgesetzes und dem darin festgeschriebenen Paragrafen zur Gleichstellung von Mann und Frau.

Eine wichtige Auswirkung  findet sich auch in der Zumessung einer höheren Bedeutung in der Ausbildung der Weiblichkeit über die Grundschule hinaus zu weiterführenden Schulen und einem akademischen Studiengang, natürlich je nach Neigung und Veranlagung. Dafür verschwand die Auffassung über das Heimchen am Herd weitestgehend in der Mottenkiste der Vergangenheit. 

Diese nach außen gerichteten Aktivitäten  machte eine Verkürzung der häuslichen Aufgaben einer Familienfrau und letztendlich als Mutter unumgänglich. Der Industriezweig Haustechnik erlebte eine bemerkenswerte Ausweitung zur Schaffung haustechnischer Geräte zur Unterstützung und Anpassung an die Ausweitung der hausfräulichen Aufgaben. Selbst Großkonzerne wie Siemens und AEG waren sich nicht zu schade, neben ihren schwerindustriellen Fertigungsstätten elektrotechnische  Fabrikationsbetriebe für Haustechnik anzugliedern. Es erscheint mir müßig, all jene raffinierten Hausgeräte aufzuzählen, die inzwischen der vermehrt berufstätigen Ehefrau zur Arbeitserleichterung und Reduzierung der häuslichen Arbeitszeit verhelfen sollen. Inzwischen nähern wir uns bereits der Einführung der von selbsttätigen Computern gesteuerten Hausgeräten.

Allerdings wird die Automatisierung im Hausgerätepark gelegentlich übertrieben und mancher Hausfrau bereitet es Kopfzerbrechen, wo sich in der Küche noch Stellfläche anbietet, um ein neues Gerät mit verheißungsvollen Anwendungsmöglichkeiten aufzustellen. Darüber hinaus fragt sie sich, ob sie für manche Aufgabe eines dieser praktischen Geräte heranzieht, weil diese auch mit konventionellem Küchenwerkzeug  erledig werden kann und die aufwendige Zerlegung, Reinigung und Remontage einer raffiniert arbeitenden Küchenmaschine erspart. Außerdem ist inzwischen so manche Neuerung wieder auf dem häuslichen Abstellgleis gelandet, weil das erzeugte Produkt seinen Reiz verloren hat. 

Es darf auch in der Betrachtung nicht fehlen, dass die vielseitig gelobte Selbstverwirklichung der Frau in der Regel zur Erweiterung des Familieneinkommens beiträgt, was angesichts der Steigerung der Haustechnik nunmehr einen höheren Kostenapparat nach sich gezogen hat. Oftmals wurde auch die Anschaffung eines zweiten PKW erforderlich, um den Weg zur Arbeit der beruflich eingespannten Ehefrau bewältigen zu können und darüber hinaus noch weitere logistische Aufgaben im Rahmen der familiären Erfordernisse zu erfüllen.    

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