Kindheit

Frühe Kindheit

Weihnachten bei Rübenkamps, 1938

Meine frühe Kindheit war nicht aufregend. Meine Eltern waren nicht reich, aber auch nicht arm. Wir lebten, wie fast alle anderen Familien Ion unserer Umgebung, recht bescheiden. Es reichte, um satt zu werden, die Miete zu bezahlen und hin und wieder etwas Neues zum Anziehen zu kaufen. Ich freute mich Weihnachten über ein kleines Blechspielzeug und vielleicht noch über ein paar neue Schuhe, die in den ersten Monate nur sonntags getragen wurden.

Spielen

Im Frühjahr und Sommer liefen wir Kinder nur barfuß im Freien herum. Die Straße war unser Spielplatz. Man konnte in den 30er Jahren unbekümmert auf der Straße spielen. Autos waren selten, und wenn eins kam, so hörte man es schon von Weitem. Ein Bierwagen mit Vollgummireifen auf Kopfsteinpflaster war ebenso unüberhörbar. Unsere Spiele waren meistens mit großer Lautstärke verbunden. Wir spielten Räuber und Gendarm, Cowboy und Indianer oder Völkerball usw.

Hygiene

Zu meiner täglichen Hygiene gehörte, dass ich, nachdem ich den ganzen Tag draußen gespielt hatte, von meiner Mutter zunächst ausgezogen und dann von ihr in den Spülstein gestellt wurde. Dann wurde ich unter kaltem Wasser eingeseift und anschließend ebenfalls mit kaltem Wasser wieder abgeseift. Die ganze Prozedur wurde von Gebrüll meinerseits begleitet. War aber sehr erfrischend. Wer hatte damals schon ein Badezimmer?  

Lebensmittel in der Vorkriegszeit

Meine Familie lebte in Essen-Altendorf. Früher gab es an jeder Ecke Tante-Emma-Läden. Unser Tante-Emma-Laden wurde von dem Ehepaar Leih geführt. Sie hatten keine Kinder. 

Wenn Käsereste übrig waren, konnte ich sie mittags mit nach Hause nehmen. Käse wurde noch mit der Hand geschnitten. Man kaufte eben nur soviel ein, wie man gerade benötigte. Zum Einkauf brachte man verschiedene Behältnisse mit: Für Speiseöl zum Beispiel musste man eine Flasche mitbringen, in der wurde schon mal ein viertel oder ein halber Liter aus einem viereckigen Tank abgefüllt. Butter war nicht abgepackt. Sie wurde mit einem großen Buttermesser von einem großen Block abgeteilt, soviel wie gerade gebraucht wurde. Auch Bohnenkaffee kaufte man nur in ganz kleinen Mengen, und dieser wurde meistens nur sonntags aufgebrüht. In der Woche trank man Kathreiner, einen Kaffeeersatz aus gerösteter Gerste.

Ich entsinne mich, ich war etwa 5 oder 6 Jahre alt, dass meine Mutter mich gelegentlich zum Einkaufen schickte, wenn sie etwas vergessen hatte. Sie gab mir nie Geld mit, denn es war ja üblich, anschreiben zu lassen. Für 10 Pfennig bekam man z.B. ein Kilo Sauerkraut, welches einem großen Fass entnommen und in Pergamentpapier verpackt wurde. 

Für Süßigkeiten fehlte uns das Geld, und wir haben es auch nicht sehr vermisst. Um satt zu werden, hat es immer gereicht. 

Ich persönlich hatte ein gutes Verhältnis zu dem Besitzer unseres Tante-Emma-Ladens, und ich hegte schon als neunjähriger Junge den Wunsch, Kaufmann zu werden. Wenn neue Ware gekommen war, durfte ich helfen. Zucker und Mehl wurden in Säcken geliefert. Frau Leih stellte mir dann eine Waage hin, und ich musste die dreieckigen Tüten in den Tütenhalter an der Waage stecken und Mehl oder Zucker in 1 oder ½ Pfund-Portionen abwiegen. Öl wurde in kleine Fässchen gegossen, und die anderen Dinge kamen in Kartons. Unter der Theke befanden sich mehrere  Holzbehälter mit Mehl, Zucker oder Hülsenfrüchte, woraus nach Bedarf entnommen wurde. 

Frau Leih bediente selbst und hatte zur Hilfe eine junge Verkäuferin in Angestellung. Beide mussten gut rechnen können, denn alle Preise der gekauften Artikel, die der Kunde kaufte, schrieben sie auf einen Zettel, und am Ende wurden die jeweiligen Posten zusammengezählt. Eine Registrierkasse hatte man noch nicht. Deswegen war es wichtig, in der Schule gut aufzupassen und Kopfrechnen zu lernen. 

Fahrende Händler

Einige wenige Lebensmittel gab es auch im Tante-Emma-Laden nicht. Der Milchhändler z.B. fuhr jeden Morgen mit seinem Pferdegespann durch seinen Stadtteil. Der hatte verschiedene Messbecher z.B.  1 Liter, ½ Liter oder sogar ¼ Liter. Die Leute gingen zum Wagen und kauften die Milch, die sie am Tage verbrauchten. Es kam trotzdem im Sommer öfter vor, dass die Milch sauer oder dick wurde und die nicht mehr zu gebrauchen war. Haltbare Milch, wie es heute üblich ist, kannte man damals auch noch nicht. Die Sauermilch konnte man mit Zucker anreichern und löffeln.

Gemüse und Fisch wurden auf die gleiche Weise durch mobile Händler verkauft, oder man kaufte sie auf dem Wochenmarkt. Kartoffeln wurden im Herbst eingekellert. Werbung für ihre Ware machten die Händler selbst, meist durch markige Sprüche, die sie lauthals von sich gaben. Ich entsinne mich an einen Spruch unseres damaligen Fischhändlers namens Sonnefeld mit folgendem Text: Täglich frisch auf den Tisch, immer frisch für wenig Geld von Sonnefeld. 

Kohlen brachte der Kohlenhändler sackweise in den Keller. Zentralheizungen, die mit Öl oder Kohle betrieben wurden, gab es in normalen Haushalten nicht. Aus Millionen Kaminen auf den Dächern rauchte es still und leise vor sich hin, und niemand kümmerte sich um Klimaschutz.

Selbstversorgung

Viele Bewohner der Vorstädte hatten einen Garten hinter ihrem Haus und versorgten sich selbst mit Gemüse, Kartoffeln und Obst. Die einzige Möglichkeit, diese Dinge haltbar zu machen, z. b. für den Winter, war das Einwecken. Der Name Einwecken entwickelte sich aus dem Namen des Herstellers der Einmachgläser, ein gewisser Herr Weck. 

Wirsing und Kohlköpfe aus dem Garten wurden mit einem  Kappeshobel zerkleinert und als Sauerkraut in großen Steingutbehältern für den Winter eingelegt und haltbar gemacht. Auch  Sauerkirschen konnten in diesen Steingutbehältern über längere Zeit  mit Zucker haltbar gemacht werden. 

Bevorratung

Eine Bevorratung von  frischen Lebensmittel kannten wir zur damaligen Zeit noch nicht. Zwar gab es schon Kühlschränke, aber ein normaler Arbeiterhaushalt konnte ihn sich nicht leisten. Unseren ersten Kühlschrank bekamen wir erst 1936, der wurde aber nicht mit Elektrizität  betrieben, sondern war ein Eisschrank: Ein sogenannter Eismann brachte einmal in der Woche eine Stange Eis. Dieses Eis wurde zerkleinert und in einen Behälter gefüllt. Jeden Abend musste meine Mutter das geschmolzene Eiswasser entsorgen. 

Mahlzeiten

Horst Rübenkamp mit Akkordeon im Wohnzimmer

Zu Hause bei uns gab es kaum ein gemeinsames Mittagessen, denn meine beiden Schwestern und später auch ich, hatten unterschiedliche Schulzeiten und mein Vater kam sowieso erst spät von der Arbeit. Es kam in den Schulferien vor, dass ich mich mit meinen Schulfreunden morgens verabredete, in der Mittagszeit kurz nach Hause lief und meine Mutter mit den Worten: „Mutter schmeiß mal Butter!“ überraschte. Sie machte mir ein Butterbrot, wickelte es in Zeitungspapier und warf es aus dem Fenster und schon war ich wieder weg. Kein Mittagessen. 

In der Woche gab es meistens Eintöpfe, was auch damals von der NS-Regierung propagiert wurde: Jeder Volksgenosse sollte einmal in der Woche Eintopf essen.

Nur sonntags war es möglich, gemeinsam ein Mittagessen einzunehmen. Nur Sonntags gab es Fleisch. Schon früh morgens stand meine Mutter mit einer weißen Schürze vor ihrem Sonntagskleid gebunden am Kohleherd und kochte Suppe, Kartoffeln, Gemüse, und bereitete den obligatorischen Sonntagsbraten zu. 

Vater aber ging am Sonntag seinem Vergnügen nach. Er besuchte seinen Kaninchen- oder Vogelzuchtverein in der jeweilige Stammkneipe und kam dann etwas später nach Hause und hatte  natürlich keinen Hunger mehr – warum wohl?

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