KLV-Lager Raab

Kinderlandverschickung nach Bombenangriff auf Essen

Am 25. März 1943 begab ich mich mit 2000 anderen Kindern zum Hauptbahnhof Essen zur Kinderlandverschickung. Man verfrachtete uns wahllos in die  bereitstehenden Personenwagen, und die Fahrt ging in das Protektorat Böhmen und Mähren (Tschechien). Ich hatte nur einen Schuhkarton voll mit persönlichen Sachen von mir dabei; der große Bombenangriff auf Essen war ja erst wenige Tage her.

Unterwegs wurden wir aufgeteilt für die einzelnen KLV-Lager. Ich hatte Glück und kam mit 60 anderen Jungen für die nächsten zwei Jahre in das KLV-Lager Raab bei Pardubitz. Wenn ich im Nachhinein daran denke, dann begannen zu der Zeit damals die besten Jahre meiner Jugend.

Ich hatte wirklich nichts außer Pantoffeln, Schlafanzug, Mantel und Mütze dabei, untergebracht in einem Schuhkarton, quasi als Kofferersatz. Dies waren meine einzigen Habseligkeiten, mehr nicht. Eingekleidet wurden wir dort mit Uniformen, die es in Massen gab. Es gab die Sommeruniform und die Winteruniform. In der Zeit dort, haben wir vom Krieg gar nichts mitgekriegt. 

Meine Mutter lebte derweil bei Verwandten in Haarzopf und wurde dann bei Krupp noch dienstverpflichtet. Sie musste Bohrer schleifen, keine Schwerstarbeit. Aber es war so, sie wurde dienstverpflichtet und musste bei Krupp arbeiten.

Tagesablauf

Wir hatten regelmäßigen Unterricht ohne jede Störung durch Fliegerangriffe. Dadurch hatten wir einen unheimlich großen Vorteil gegenüber den zu Hause gebliebenen Kindern. Neben dem Unterricht wurde Sport ganz groß geschrieben. Schon morgens vor dem Frühstück wurde Frühsport verordnet, nach dem Frühstück war Schule. Wir hatten zwei Lehrer, die alle Fächer beherrschen mussten, was sie auch bestens schafften. 

Ehemalige Schule im KLV-Lager in Raab, Ansicht 2018

Nach dem Sport gab es Kathreiner-Kaffee, eine wunderbare Sache; wir sagten auch Muckefuck. Abends stand immer ein Kübel mit Tee für uns bereit. Dann hatten wir von 8.00 Uhr bis 12:30 Uhr Unterricht. Das Mittagessen wurde zusammen mit den Lehrern eingenommen. Den ganzen Morgen hatten die Lehrer das Sagen. Nach dem Mittagessen war noch 1 Stunde  Zeit für die Hausaufgaben. Und dann waren die sogenannten Fähnleinführer dran von halb drei bis sieben, das waren 16 bis 20 Jahre alte Burschen von der Hitlerjugend. Dann ging es los: Entweder sind wir marschiert, haben Lieder gelernt oder Geländespiele gemacht. 

Außerdem gab es für den Nachmittag den sogenannten Lagermannschaftsführer, der für unser Wohlergehen am Nachmittag sorgte. Dieser (abgekürzt) ‚Lamafü‘ war ein etwa 17- oder 18-jähriger Hitlerjunge mit einer Kaderausbildung in einer NS-Förderschule. Das war ein harter Hund. Er kontrollierte immer unsere Stuben und Spinte. Und war auch nur eine Kante beim zusammengefalteten Hemd zu sehen, schmiss er alle Sachen auf den Boden, alle mussten also dran glauben. Und wir hatten uns immer reichlich Mühe gegeben. wir Jungen haben geheult vor Wut. Sogar unserem Lehrer ging das zu weit: So geht das nicht. Die Jungend haben sowieso nichts und du schmeißt das zeug auf die Erde. – Wir hatten sogar Putz- und Flickstunde.

Einmal in der Woche kamen zwei Offiziere aus der nahen Garnison in Pardubice und erzählten uns von ihren Heldentaten. Dann hieß es: 7.00 Uhr aufstehen, rein ins Turnzeug. Wir hörten gebannt zu und konnten den nächsten Besuch gar nicht abwarten. Das war bereits unsere vormilitärische Ausbildung – und dies schon in einem Alter von 10, 12, 13 Jahren!  Eine vormilitärische Ausbildung mit Karabinern und  leichtem Maschinengewehr mussten wir da absolvieren! Es war Wahnsinn! Auch im Winter begann der Morgen mit Sport in  Turnhose und Hemd, das war saukalt, aber das war halt so. 

Ausgebombte Schüler des KLV-Lagers Raab beim Besuch in Prag

Im Sommer  fand draußen auf dem Feldplatz der Sport, die Flaggenparade sowie das Hochziehen der Fahne statt. Das Motto war unter anderem: Wer leben will, der kämpfe. Also, wer nicht kämpft auf dieser Welt, verdient das Leben nicht, Unterschrift: Adolf Hitler.  Wir hatten die Möglichkeit, in der nahen Elbe zu schwimmen, und im Winter die beste Gelegenheit, Wintersport zu betreiben.

Im Großen und Ganzen war die Zeit von April 1943 bis April 1945 für uns eine unbeschwerte, lehrreiche Zeit. Von der Kriegshandlung damals bekamen wir in diesem Lager relativ wenig mit. Man ließ uns in dem Glauben, unsere Wehrmacht siegt nach wie vor überall. Der Endsieg wäre nahe.

Wir mussten dort nicht hungern, obwohl die Verpflegung dort doch ziemlich einseitig war. Es gab oft Wirsing und Kartoffeln, Pellkartoffeln, damit es möglichst wenig Abfall gab. Zu den Essenszeiten herrschte ein strenges Regiment. Die Essenszeiten wurden pünktlich eingehalten, man marschierte in den Esssaal und stellte sich vor seinen angestammten Platz. Statt eines Gebets sprach einer einen Spruch auf, der jedes mal mit dem Ausspruch endete: Ess, ess  ein jeder was er kann – alle man ran. Sprechen während der Mahlzeiten war verboten. Wurde einer beim Sprechen erwischt, so musste er sich hinter den Stuhl stellen und das Essen im Stehen einnehmen. So streng waren die Bräuche im KLV-Lager.

Denunziation eines Lehrers

Es gab in diesem Lager einen Lehrer, der war im I. Weltkrieg schon Feldwebel gewesen, ungefähr schon 58 oder 59 Jahr alt. Er war sehr streng, aber gerecht. Ein zweiter Lehrer,  wurde kurz vor Ende 1944 von unserem damaligen Lagermannschaftsführer denunziert, weil er sich negativ über das Kriegsgeschehen geäußert hatte. Unser Lagermannschaftsführer war mit seinen 17/18 Jahren ein fanatischer Nazi. Der Lehrer ist abgeholt worden von der Gestapo, war weg. Was daraus geworden ist, weiß kein Mensch mehr. Nur, weil er gesagt hat, ich glaube, wir verlieren den Krieg.

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