Überleben in Kitzenried

Mein Freund Manfred und ich fanden also bei der Familie Biebl Unterschlupf für das nächste halbe Jahr. Die ganze Familie Biebl bestand aus 7 Personen, Herr Biebl, ein Mann, der nicht allzu viel zu sagen hatte, Frau Biebl führte das Regiment. Der Sohn Michel, der augenscheinlich einige Schuljahre verpennt hatte, und drei Töchter, Marie, Kathie und Frieda, außerdem war da noch der Sohn Hans.

Ich hatte den Eindruck, dieses Dorf hat im Mittelalter verharrt. Es gab keinen Strom, es gab kein fließend Wasser. Einen Schrank auf der Stube gab es für uns auch nicht, wir hatten ja sowieso nichts, was wir hätten darein tun können, wir hatten nur das, was wir auf dem Leibe trugen. Mit diesen Sachen haben wir ein halbes Jahr bei Wind und Wetter von morgens bis abends gearbeitet. Das Wort Hygiene war in dieser Zeit ein Fremdwort. Es gab keine Seife, keine Zahnpasta, lediglich in der Diele gab es eine Pumpe mit Brunnenwasser. Einen Friseur haben wir auch nicht vermisst. Um unsere Schuhe, die sowieso nichts mehr taugten, zu schonen, sind wir barfuß in den Stall zum Ausmisten. War schön weich und warm. Unsere Zugmaschinen waren zwei Ochsen. – Trotzdem, wir wurden satt und hatten ein Dach über dem Kopf. An eine Heimfahrt zu Muttern war vorläufig gar nicht zu denken. 

Überleben bei Familie Biebl in Kitzenried, 1945

Der Tagesablauf war der Jahreszeit entsprechend. Aufstehen gegen 6, wenn die Sonne aufging oder der Hahn krähte. Als erstes wurde das Vieh versorgt. Der Stall wurde ausmistet, das Stroh erneuert, anschließend das Vieh gefüttert, und  dann holten die Frauen die Kühe zum Melken. Danach gab es für uns das Frühstück. Anschließend durfte einer von uns beiden – Manfred oder ich – eine Stunde oder mehr die Zentrifuge vom Butterfass drehen, um den Rahm von der Milch zu trennen. Denn alle 10 Tage wurde gebuttert. Frau Biebl hatte eine wunderbare Gabe, sie schaffte es aus 5 Pfund Butter unter Beigabe von Wasser oder dergleichen 10 Pfund zu erzeugen. – Zur damaligen Zeit waren alle Bauern verpflichtet, einen gewissen Teil ihrer Erzeugnisse abzuliefern. – Das Heu mussten wir dreimal am Tag wenden und mit dem Ochsengespann  einfahren. Nicht zu vergessen: Jeden Tag musste noch Klee gemäht werden und mit Stroh im Handbetrieb gehexelt.

Eine Sache hätte uns beinahe das Leben oder zu mindestens schwere Verletzung gekostet. Wir fuhren eines Nachmittags mit dem Ochsengespann, um Klee zu holen. Während wird den Klee mähten, wurde der Himmel gelb und grau, ein Gewitter war im Anmarsch. Wir beeilten uns und waren gerade beim Aufladen, als es losging. Es regnete in Strömen, es blitzte und donnerte. Wir verkrochen uns unter dem Wagen, doch plötzlich schlug ein Blitz in unmittelbarer Nähe ein. Ein Blitz, das Krachen und Donnern erschreckte unsere Ochsen fürchterlich, sie setzten sich in einer affenartigen Geschwindigkeit in Bewegung und rasten auf den nächst gelegenen Wald zu. Die im Wald stehenden Bäume, welche die Ochsen ignorierten, zerlegten den Ochsenkarren in mehrere Teile und zerrissen dabei noch das Zaumzeug. Wir beide saßen leichenblass im strömenden Regen. Wie durch ein Wunder war uns nichts passiert. Wir hätten leicht von dem schweren Karren überrollt werden können. Wir hatten mehrere Schutzengel. Der Bauer kam mit seiner Familie, um nach uns zu sehen. Sie hatten sehr große Gewissensbisse, uns bei aufkommendem Gewitter losgeschickt zu haben. – Die Ochsen hatten das gut überstanden, und der Stellmacher am Ort hatte Arbeit.

Alle 4 Wochen wurde Brot in einem kleinen Backhäuschen Brot gebacken. Das Brot hielt sich wochenlang, ohne zu schimmeln, und es schmeckte hervorragend. Hinzu kam das tägliche Mähen von Klee. Dieser mußte mit Stroh im Handbetrieb gehexelt werden. Wir waren voll ausgelastet. Trotzdem – wir machten es gerne.

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