Kriegsende und Besetzung

durch Amerikaner und Russen in Halle/Saale 

(Sachsen-Anhalt)

Ich habe im Alter von 6 Jahren die letzten Kriegsjahre in meiner Geburtsstadt Halle/Saale erlebt. Die ersten Jahre des Krieges sind wir häufig in der Nacht durch Sirenengeheul aus dem Schlaf gerissen worden. Dann musste man schnellstens in einen Bunker oder, wenn die Zeit knapp wurde, den Luftschutzraum im Keller des Wohnhauses aufsuchen. Bis zum Jahre 1944 waren die Angriffe durch Bomber der Amerikaner oder Engländer  häufig auf die im Umland liegenden Industriezentren begrenzt, so dass in der Stadt nur geringe Zerstörungen entstanden. Ab dem Jahr 1944 waren die Luftangriffe sehr intensiv, und das vor allem am Tag.

Der schwerste Angriff auf Halle erfolgte am 31.03.1945 (Karsamstag) gegen 9.00 Uhr.  Von 370 Bomber B-17 wurden ca. 1.000 Tonnen Spreng- und Brandbomben auf das Zentrum um den Bahnhof abgeworfen. Es gab viele Tote und Verletzte, das Gebiet um den Bahnhof herum war eine einzige Trümmerlandschaft. 

Diese Luftangriffe und vor allem die Tiefflugangriffe deuteten schon das Kriegsende an, da es auch keine Luftabwehr mehr gab. Mitte April 1945 griffen Bodentruppen der Amerikaner den Nordteil der Stadt an. Es gab dort sehr schwere Kämpfe, so dass die amerikanische Truppenführung sich zu einem Vernichtungsangriff mit 700 Bombern entschloss. Halle sollte das Schicksal wie Dresden erleiden. In der Stadt waren zu dieser Zeit neben den 25.0000 Einwohnern, 35.000 Flüchtlinge und ca. 25.000 verletzte Soldaten. Durch Flugblätter wurde die Bevölkerung durch die Amerikaner zur Kapitulation aufgerufen. Der SS-Oberbürgermeister ordnete jedoch die Verteidigung der Stadt an. Es wurden alle Brücken über die Saale gesprengt. Obwohl z.B auf die Fenster derjenigen geschossen wurde, die weiße Tücher als Zeichen der Kapitulation gehisst hatte, gab es weiterhin gegen die sinnlose Verteidigung der Stadt Widerstand in der Bevölkerung. Es fanden sich sogar einige Mutige, die zu Verhandlungen mit der amerikanischen Truppenführung bereit waren

Am 17. April 1945 besetzten amerikanische Truppen die Stadt und wurden nach kleineren Scharmützeln von der Bevölkerung freudig empfangen. Für viele Menschen wurde klar, der Krieg ist zu Ende.  Wir hielten uns zu diesem Zeitpunkt mit einigen Hausbewohnern in unserem Luftschutzkeller auf. Am späten Nachmittag kamen einige US-Soldaten zu uns, die nach deutschen Soldaten suchten. Uns gegenüber verhielten sie sich freundlich, obwohl sie in ihren  Kampfanzügen Stahlhelmen und mit ihrer Bewaffnung sehr grimmig aussahen. Gegen Abend konnten wir in unsere Wohnung zurück.

Am nächsten Morgen fuhren mehrere Fahrzeuge, Schützenpanzer u.ä. an unserem Haus vor. Uns wurde mitgeteilt, dass die beiden Häuser mit je 6 Wohnungen als  Stabsgebäude für die US-Army gebraucht werden. Uns wurde gestattet, die Küche, die Toilette und das Bad tagsüber benutzen zu können. Schlafen mussten wir jedoch im Luftschutzkeller. Da ein Teil der Hausbewohner schon seit Monaten bei Verwandten lebte, wo die Gefahr durch Luftangriffe gering war, waren wir nur 5 Erwachsene und 4 Kinder, die sich den Luftschutzraum als Schlafzimmer teilen mussten. Der Raum war ca. 30 m² groß, und es standen 3 Etagenbetten mit Strohmatratzen zur Verfügung. Für uns Kinder war das ein tolles Abenteuer. Für die Erwachsenen war das sicherlich nicht so erfreulich. Es waren aber die ersten Nächte seit langem ohne Fliegeralarm und Angst .

Die Soldaten hatten sich vor den beiden Häusern mit Feldlager, Zelten, mobiler Küche und Essplätzen häuslich eingerichtet. Die Offiziere nutzten die einzelnen Wohnungen als Schlafplatz, Büro, Funkstation u.ä. Das gesamte Lager um die beiden Häuser herum wurde nur durch Flatterbänder abgetrennt. Für uns Kinder war das kein Grund, das Lager nicht zu erkunden, zumal es hin und wieder Schokolade oder Kaugummi zu ergattern gab. Wenn es den GIs zu viel wurde, verjagten sie uns hinter die Abgrenzung des Feldlagers. – Nach ca. einer Woche mussten wir in ein Nachbarhaus in eine leerstehende Wohnung mit unseren Etagenbetten umziehen. Das Betreten der besetzten Wohnungen und des Feldlagers wurde verboten.

Im Feldlager war immer Musik aus dem Radio oder Gitarrenmusik und Gesang zu hören, und es war immer ein Duft nach Bohnenkaffee, gebratenen Eiern oder Steaks in der Luft. Eines Tages war die Stimmung auf den Höhepunkt. Aus unserer besetzten Wohnung wurden nach Freudenbekundungen die leergetrunkenen Kristallgläser meiner Mutter auf die Straße geworfen. Es war der 8. Mai 1945, die endgültige Beendigung des Krieges.

Ende Juni 1945 zogen die Amerikaner sich auf ihr in internationalen Verträgen festgelegtes Territorium zurück und gaben damit ein Drittel der Fläche der sowjetischen Besatzungszone im Gegenzug für Teile Berlins  zurück. Damit wurde die Trennung Deutschlands in Ost und West vollzogen. Die Besetzung durch sowjetische Truppen löste eine Flüchtlingswelle aus. Darunter waren auch viele Nazis, Großgrundbesitzer und Großindustrielle mit Nazivergangenheit, die die Rache der Sowjets fürchteten.

Den ankommenden Truppen der Roten Armee ging kein guter Ruf voraus. Daraus resultierte auch, dass nach einer Übergangszeit die einfachen Soldaten in ihrer Kaserne blieben und damit Kontakte mit der Bevölkerung auf einige organisierte Begegnungen begrenzt wurden. Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) bestimmte bis 1949 über die wirtschaftliche und politische Entwicklung des von ihnen besetzten Teiles Deutschlands. Positiv war, dass man konsequent alle Nazistrukturen in der Gesellschaft beseitigte. So wurden alle staatlichen Institutionen wie Gerichte, Banken, Universitäten,Schulen usw. nach ehemaligen Nazigrößen durchsucht und durch neue Leute  ersetzt. 

Im September 1945 kam ich in die Schule. Auch hier gab es einen Neuanfang  bedingt durch die Anpassung des Lehrstoffs an die neue Zeit. Die alten Lese- und Lehrbücher waren durch Schwärzungen und durch fehlende Seiten auf den neuen Standard korrigiert. Das 1. Schuljahr wurde bald aus Mangel an Kohle im November unterbrochen und als „Weihnachtsferien“ verlängert. Mit Beginn des neuen Jahres hatte sich durch eine Schulreform eine einheitliche achtjährige Grundschule durchgesetzt. Danach war ein Wechsel auf eine vierjährige Oberschule oder eine dreijährige Berufsausbildung möglich. Alle anderen Schulformen sowie Privatschulen wurden verboten. Damit wurde auch der Religionsunterricht in den Schulen untersagt.

1948 wurde die Pionierorganisation Ernst Thälmann gegründet. Die Zielsetzung der Pionierorganisation war die Erziehung der Kinder im Sinne einer sozialistischen Ideologie. Ein Erziehungsziel war die Freundschaft zur Sowjetunion. Hier wurde durch Literatur, Spielfilme und Kulturveranstaltungen ein großer Beitrag geleistet. Nur, zu einem persönlichen Kontakt z.B. mit Sowjetsoldaten kam es in den ersten Nachkriegsjahren nicht. Man sah in der Stadt manchmal russische Offiziere, die mit ihren „Burschen“ unterwegs waren.

In der Nähe unserer Wohnung war ein großer Friedhof. Die Sowjetarmee hatte dort einen Bereich, auf dem verstorbene Soldaten und Offiziere beerdigt wurden. Für uns Kinder wurde die Neugier geweckt, wenn ein Trauerzug durch die anliegende Hauptstraße zog. Vor dem Trauerzug marschierte eine Blaskapelle, die eine sehr traurige Melodie spielte, die wir noch nie so gehört hatten. Danach folgte ein LKW, auf dem ein offener Sarg mit dem Verstorbenen stand. Der Lkw war mit Kränzen und Blumen reichlich geschmückt. Hinter dem LKW begleiteten manchmal bis zu Hundert Soldaten und Zivilisten den Trauerzug. 

Einige Jahre später wurde jedes Jahr am 8. Mai (Tag der Befreiung) durch Delegationen der Parteien und Gewerkschaften auf diesem Friedhof eine Gedenkfeier abgehalten. Dort waren wir häufig als Junge Pioniere anwesend, teilweise mussten wir auch eine Ehrenwache abhalten.

Wie aus meinen Schilderungen zu entnehmen ist, war ein Kontakt zu Soldaten der Sowjetarmee kaum möglich. Erst durch meine Dienstreisen ab 1960 habe ich viele Russen und Ukrainer kennengelernt. Ich habe dabei festgestellt, dass die Menschen vor allem in Frieden leben wollen.

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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