Resümee: Ruthilde Anders

Ich wurde am 1. September 1934 als erstes Kind meiner Eltern in Pommern geboren. Wir lebten auf einem Bauernhof: meine Oma, meine Eltern und zwei Hilfskräfte. Meine Eltern waren jung verheiratet. Meine Oma war krank, hatte Asthma, und konnte nicht recht mithelfen. Zur Hilfe  kamen abwechselnd Studentinnen, die die Arbeit auf dem Bauernhof kennen lernen sollten; sie hatten auch die Aufgabe, sich mit mir zu beschäftigten. Ich kann mich noch schwach an sie erinnern: Wir sangen viel miteinander; vielleicht hat das schon meine Liebe zur Musik geweckt. Weitere Hilfen waren ein Knecht und eine Magd auf dem Hof. 

Ich wurde sicher auch etwas verwöhnt, bis meine Schwester zwei Jahre später geboren wurde. Das spürte ich, Kinder sind sehr feinfühlig. Das war schon ein wenig Konkurrenz. Ich war sechs Jahre alt, als mein Bruder geboren wurde. Da veränderte sich mein Leben. Verwöhnt wurden wir nicht, es gab immer viel Arbeit auf dem Hof, und wir wurden so nebenbei versorgt und erzogen.

Mit sechs Jahren wurde ich eingeschult. Durch den Beginn des Krieges wurden alle Lehrer eingezogen, und mein Schulweg wurde länger, weil wir ins Nachbardorf laufen mussten. Wir gingen in einer Gruppe von zehn Kindern. Der Schulweg war immer interessant. Wir sangen oder spielten unterwegs. Leider war der Lehrer sehr streng. Gott sei Dank fiel mir das Lernen leicht. Aber ich war ungeschickt, und das Radfahren fiel mir schwer. 

Es war eine gute und ruhige Zeit.

Auf dem Bauernhof hatte ich viele kleine Pflichten: der Oma beim Anziehen helfen z. B., das machte ich nicht so gerne. Bei der Oma roch es so streng, wir haben uns auch oft gedrückt. Auf den kleinen Bruder aufpassen, musste ich auch. Ich hätte viel lieber gespielt.

Mit Kriegsbeginn kam als Hilfe eine junge Polin, sie war 15 Jahre alt und sprach kein Deutsch. Als Arbeitskräfte kamen Kriegsgefangene. Wir sollten nicht mit den Fremden sprechen. Doch bei meinen Eltern durften sie bei uns am Tisch mit essen Meine Eltern kleideten die Fremde auch ein. So lernten wir schon früh die polnische Sprache, was aber verboten war.

Die ruhige Zeit war irgendwann vorbei. Das offene Gespräch gab’s nicht mehr. Es machte sich eine ängstliche Stimmung breit, auch die Gespräche meiner Eltern wurden ängstlicher. Die Zeiten wurden immer unsicherer. Bald flogen die ersten Flugzeuge am Himmel, und die Nachrichten wurden schlimmer. Die beschauliche Zeit war endgültig vorüber. Viele Flüchtlinge zogen auf der Straße und kamen abends zum Schlafen und Essen ins Haus. Kriegsgefangene wurden auf die Straße getrieben. Ich habe mir das Elend nicht angeguckt, habe auch die Panzer und Soldaten beim Rückzug nicht gesehen. Ich war nur froh, dass wir so abseits wohnten. 

Dann kam die ganz schlimme Zeit mit dem Kriegsende. Die Front war da, wir hörten sie nur.  Aber die Angst war schlimm.  

Als auch das vorbei war, kam die neue Grenzziehung. Wir mussten unsere Wohnung verlassen und eine polnische Familie zog ein. Sie teilten das Essen mit uns und halfen uns beim Verlassen von Haus und Hof. Meine Eltern und alle, die jetzt vertrieben wurden, waren voller Trauer. Doch ich sagte mit meinen 11 Jahren: Endlich komme ich in die weite Welt.

An der Oder war die neue Grenze. Meine Mutter hatte uns Taschen und Rucksäcke genäht. Wir suchten in den Gärten nach Essbarem. Im Hauptlager bekamen wir etwas Brot, Suppe und Kaffee. Nach der Zählung wurden wir entlaust und in Viehwaggons verladen und nach Schleswig Holstein gebracht. Ganz allmählich konnten wir die Angst verlassen. Ich habe noch lange, wenn ein Hund bellte, Panik bekommen. 

Meine Mutter hat in den schlimmen Zeiten Unglaubliches geleistet. Sie hat einen Weg gefunden, dass wir trotz Not in die britische Zone kamen. Wir kamen nach Schleswig-Holstein, auf einem herzoglichen Gut bezogen wir ein Zimmer für fünf Personen. Mutti mit ihrem Erfindungsgeist wusste immer Rat. 

Eine Geschichte werde ich nicht vergessen: Als die Schulen wieder geordnet waren, wäre ich gern zur Mittelschule gegangen; aber mein Vater war strikt dagegen. Er fühlte sich so unterprivilegiert und dachte, Flüchtlingskinder können nicht eine weiterführende Schule besuchen. Mithilfe einer anderen Frau, die als Wirtschafterin in der Gutsküche angestellt war, ließ er sich überreden, und ich konnte zur Aufnahme-Prüfung gehen, die ich auch bestand.

Meine Mutter bemühte sich sehr um eine Siedlung und hatte es auch erreicht, dass wir wieder selbstständig wurden. In unserer Familie gab es viele Frauen, die viel geleistet hatten. Das hat mir auch in allen schweren Zeiten Kraft gegeben. Dankbar bin ich, dass meine Mutter so stark war und uns Mut machte für bessere Zeiten. Gottvertrauen und Nächstenliebe sind zwei Säulen für ein gutes Leben.

Einen Spruch vergesse ich nie. Mein Bruder sagte: Ich weiß, womit wir Feuer machen können. Mit Stroh. Aber wir haben keins.

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