Das besondere Weihnachtsgeschenk

Es gibt im Leben eines Menschen  Erlebnisse oder Ereignisse, die in den Erinnerungen prägend oder nachhaltig sind. Eines davon ist die folgende.

Weihnachten war für mich immer eine schöne Zeit, auf die ich mich stets gefreut habe. Natürlich gab es Weihnachtsgeschenke, und da meine Eltern jedes Jahr nicht mal ansatzweise  im Vorfeld  durchblicken ließen, was ich für ein Geschenk bekommen würde, war die Überraschung immer groß.

Weihnachten 1957 kam mir die Adventsstimmung noch geheimnisvoller vor. Ich habe hin- und herüberlegt, was es wohl diesmal sein könnte, kam aber zu keinem Ergebnis. Insgeheim hatte ich einen Herzenswunsch, und zwar einen richtigen Roller, so mit Luftreifen. Zwar hatte ich einen Holzroller, aber der war unbequem, und ich hatte schon viel schönere, moderne, bei Fahrrad-Karrenberg in Oberhausen gesehen. Ein Roller in dem Laden hatte es mir besonders angetan, denn er war aus glänzendem Metall,  hatte Luftreifen, die mit silbernen Schutzblechen versehen waren, die Lenkstange war grün,  der Lenker mit Klingel blinkte und blitzte in Chrom. Über dem Hinterrad war ein kleiner Gepäckträger. An dem Schaufenster des Geschäftes drückte ich mir bei jedem Stadtbesuch sehnsuchtsvoll die Nase platt, aber meine Mutter zeigte keinerlei Reaktion.

Nun kam der Heiligabend, und bis zur Bescherung musste ich – wie in den vorherigen Jahren auch – zu meinen Großeltern, die direkt im Haus neben uns wohnten. Dort musste ich so lange bleiben, bis bei uns Zuhause der Weihnachtsbaum geschmückt und der Tisch mit den Geschenken vorbereitet war. Mein Vater holte mich, wenn alles hergerichtet war, wieder nach Hause.

Als ich das Wohnzimmer betrat, welches im Licht der Kerzen des Weihnachtsbaumes erstrahlte, stand mitten im Raum  ein großes Gebilde mit einer weißen Tischdecke zugedeckt. Ich traute mich gar nicht, das Tuch wegzunehmen. In dem Moment sagte mein Vater zu mir: „Nun guck doch endlich mal.”  Ich zögerte, mein Vater zog  daraufhin die Decke nur ein bißchen zur Seite, so dass ich ein wenig lünkern konnte, und da stand dieser Pracht-Roller, den ich mir doch so sehr gewünscht hatte. Ich wusste, meine Eltern hatten damals noch sehr wenig Geld, und sie wollten ein Haus bauen. In diesem Moment blieben mir vor Sprachlosigkeit die Worte im Halse stecken. Ich konnte es einfach nicht fassen. Da mein Vater die Decke nicht komplett weggezogen hatte, war der vordere Teil des Rollers überhaupt nicht zu sehen. Ich stand da, war sprachlos vor Freude, ich konnte gar nichts sagen, fing an zu weinen. Auf einmal meinte  Vater zu mir: „Du bist ja noch gar nicht fertig mit dem Auspacken, schau nochmal richtig hin“. Darauf zog er die Decke ganz weg, und ich sah vorne  am Lenker noch ein Körbchen hängen, in dem meine Lieblings-Puppe  völlig neu eingekleidet saß. Außerdem hatte sie eine neue Frisur bekommen, von einem Puppendoktor angefertigt aus den  abgeschnittenen Zöpfen meiner Tante.

Dieses Erlebnis alleine, dass ich einen Roller bekam, war für mich überwältigend, aber als ich die strahlenden Augen und die lachenden Gesichter meiner Eltern sah, war ich überglücklich, dass wir alle so zufrieden sein konnten, und natürlich über das unerwartete wundervolle Geschenk. An dieses Weihnachtsfest denke ich besonders gerne zurück, es ist ganz tief in meinem Herzen, hat mich intensiv berührt und bewegt mich heute noch.

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