Weihnachten in den Ardennen

Als es an diesem Weihnachtsabend an der Tür klopfte, war ich zwölf, und wir lebten in einem kleinen Häuschen nahe der deutsch-belgischen Grenze. Mein Vater hatte uns dorthin geschickt, als unsere Heimatstadt Aachen im Krieg immer stärker unter Luftangriffen zu leiden begann. „In den Wäldern seid ihr sicher“, hatte er zu mir gesagt. Aber nun tobte ringsum die Ardennenschlacht.

Als es klopfte, blies Mutter rasch die Kerzen aus. Dann ging sie zur Tür. Draußen standen zwei Männer mit Stahlhelmen. Der eine redete Mutter in einer Sprache an, die wir nicht verstanden, und zeigte auf einen dritten, der im Schnee lag. Amerikaner, Feinde! Mutter stand schweigend da, unfähig sich zu bewegen. Die Männer waren bewaffnet und hätten sich den Eintritt erzwingen können, aber sie rührten sich nicht und warteten nur mit den Augen. Der Verwundete schien mehr tot als lebendig. „Kommt rein“, sagte Mutter schließlich. Die Soldaten trugen ihren Kameraden ins Haus. Keiner von ihnen sprach deutsch. Mutter versuchte es mit Französisch, und in dieser Sprache konnte sich einer der Männer verständigen. Bevor Mutter sich des Verwundeten annahm, sagte sie zu mir: „Bring einen Eimer Schnee herein.“ Kurz darauf rieb ich ihnen die blaugefrorenen Füße mit Schnee ab. Der eine, erfuhren wir, war Jim. Sein Freund hieß Robin. Harry, der Verwundete, schlief jetzt auf meinem Bett, mit einem Gesicht so weiß wie draußen der Schnee. Sie hatten ihre Einheit verloren und irrten seit Tagen im Wald umher. Sie waren unrasiert, sahen aber trotzdem aus wie große Jungen. Und so behandelte Mutter sie auch. „Geh, hol ein Huhn“, sagte Mutter zu mir, „und bring Kartoffeln mit.“ 

Während Jim und ich in der Küche halfen, kümmerte sich Robin um Harry, der einen Schuss in den Oberschenkel abbekommen hatte. Mutter riss ein Laken in Streifen zum Verbinden der Wunde. Bald zog der verlockende Duft von Gebratenem durch das Zimmer. Als es wieder klopfte, öffnete ich ohne Zögern – in der Erwartung, noch mehr verirrte Amerikaner zu sehen. Draußen standen vier deutsche Soldaten! Ich war vor Schreck wie gelähmt. Trotz meiner Jugend kannte ich das Gesetz: Wer feindliche Soldaten beherbergt, begeht Landesverrat. Wir konnten alle erschossen werden! Mutter hatte auch Angst. Ihr Gesicht war weiß, aber sie trat hinaus und sagte: „Fröhliche Weihnachten!“ Die Soldaten wünschten ihr ebenfalls eine frohe Weihnacht. „Wir haben unsere Einheit verloren und möchten gerne bis Tagesanbruch warten“, erklärte der Anführer, ein Unteroffizier. „Können wir bei Ihnen bleiben?“ – “Natürlich“, erwiderte Mutter mit der Ruhe der Verzweiflung. „Sie können auch eine gute, warme Mahlzeit haben. Aber wir haben noch drei Gäste, die Sie vielleicht nicht als Freunde ansehen werden.“ Ihre Stimme war mit einem Mal so streng, wie ich sie noch nie gehört hatte. „Heute ist Heiliger Abend, und hier wird nicht geschossen.“ 

„Wer ist denn drin?“, fragte der Unteroffizier barsch. „Amerikaner?“ Mutter sah ihnen ins Gesicht und sagte: „Ihr könntet meine Söhne sein und die da drinnen auch. Einer von ihnen ist verwundet und ringt um sein Leben. In dieser Heiligen Nacht denken wir nicht an Töten!“ Der Unteroffizier starrte sie an. „Genug geredet!“, sagte sie und klatschte in die Hände. „Legen Sie Ihre Waffen weg und kommen Sie rein – sonst essen die anderen alles auf.“ Die vier Soldaten legten wie benommen ihre Waffen auf die Kiste mit Feuerholz im Gang. Mutter sprach indessen hastig mit Jim auf Französisch – und ich sah verwundert, wie auch die Amerikaner Mutter ihre Waffen gaben. Verlegen standen Deutsche und Amerikaner in der Stube. Mutter fand für jeden einen Sitzplatz. Dann machte sie sich wieder ans Kochen. „Rasch“, flüsterte sie mir zu, „hole noch etwas Haferflocken. Die Jungen haben Hunger, und wenn einem der Magen knurrt, ist mein reizbar.“ 

Als ich zurückkam, beugte sich einer der Deutschen über die Wunde des Amerikaners. „Sind Sie Sanitäter?“, fragte Mutter. „Nein“, erwiderte er, „aber ich habe bis vor wenigen Monaten in Heidelberg Medizin studiert.“ Dann erklärte er dem Amerikaner in fließendem Englisch, Harrys Wunde sei dank der Kälte nicht infiziert. „Er hat nur sehr viel Blut verloren“, sagte er zu Mutter. „Er braucht jetzt einfach Ruhe und kräftiges Essen.“ Der Druck begann zu weichen. Selbst mir kamen die Soldaten, als sie so nebeneinander saßen, alle noch sehr jung vor. Heinz und Willi waren 16. Der Unteroffizier war mit 23 der Älteste. Er zog eine Flasche Rotwein hervor, ein anderer einen Laib Schwarzbrot. Dann sprach Mutter das Tischgebet. Ich sah, dass sie Tränen in den Augen hatte, als sie die vertrauten Worte sprach: „Komm Herr Jesus, sei unser Gast …“ Und als ich mich in der Tischrunde umsah, waren auch die Augen der kriegsmüden Soldaten feucht.

Gegen Mitternacht ging Mutter zur Tür, um den Stern von Bethlehem anzusehen. Für jeden war in diesem Augenblick der Stille der Krieg sehr fern und fast vergessen. Unser privater Waffenstillstand hielt auch am nächsten Morgen an. Dann wurde aus zwei Stöcken und einem Tischtuch eine Tragbahre für Harry gemacht. Der Unteroffizier zeigte den Amerikanern, über eine Karte gebeugt, wie sie zu ihrer Truppe zurückfinden konnten. „Da geht ihr lang“, sagte er. „Weshalb nicht nach Monschau?“ fragte Jim. „Um Himmels willen, nein!“, rief der Unteroffizier. „Monschau haben wir wieder eingenommen.“ Mutter gab nun allen ihre Waffen zurück. „Seid vorsichtig, Jungens“, sagte sie. „Ich wünsche mir, dass ihr eines Tages dahin zurückgeht, wo ihr hingehört, nach Hause. Gott beschütze euch alle!“ Die Deutschen und die Amerikaner gaben einander die Hand, und wir sahen ihnen nach, bis sie in entgegengesetzter Richtung verschwunden waren.

Fritz Vincken

(Text gekürzt)

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