Die drei Freuden

Es war in der Zeit des Kriegsendes direkt nach der Kapitulation, als wir Jungspunde mit 17 Jahren vor den Russen flüchten mussten. Wir kamen dann nach Schwerin, wo die Amerikaner uns empfingen und uns nach Schleswig-Holstein transportierten, wo wir bei Malente im wahrsten Sinne des Wortes vegetierten. Recht bald übernahmen uns die Engländer.

Die Versorgung durch die Engländer war so miserabel, die mussten selbst ja auch Kohldampf schieben. Wir wurden da auch abgespeist mit 3 Keksen pro Tag und einer Fuhre Brennnessel. Nach Wochen kam die Möglichkeit für mich, aus dieser Misere rauszukommen, und zwar wurden hier im Industriegebiet Bergleute gesucht. Ich hatte natürlich gar keine Ahnung vom Bergwerk, war zwar aus der Gegend, aber keine Ahnung vom Bergbau. Man hat es mir tatsächlich abgenommen, dass ich Ahnung hatte, und ich wurde dann, das war die Freude Nr. 1, als Bergmann entlassen. 

Ich musste allerdings wieder einige Hürden überwinden, und zwar das strenge Lager hier am Niederrhein, da wurde man  gefilzt noch und nöcher. Ich kam  aber dann tatsächlich nach Hause, das war die Freude Nr. 2.

Ich kam zurück hier nach Mülheim zur Heinrichstraße, wo wir vor dem Krieg wohnten. Fast zur gleichen Zeit  wurde mein Vater aus der Gefangenschaft entlassen. In unserer Wohnung wohnten bereits Bombengeschädigte, die haben uns dann großzügigerweise ein Zimmer zur Verfügung gestellt, wo wir auch einige Tage verbleiben konnten. Es wurden allerdings Wochen draus. Wir kamen mit den Lebensmittelkarten nicht klar, mit  dem Essen schon gar nicht.

Meine Mutter war zu der Zeit noch in Thüringen evakuiert. Das Ungewisse dabei war, wie es ihr geht. Die Gedanken gingen dahin, wir müssen zur Mutter nach Thüringen. Aber, was war da in Thüringen los? Das wusste kein Mensch, was ist da gewesen?  wir hatten jedenfalls keine Informationen.

 Wir machten uns dann auf nach Thüringen, denn wir hatten zwischenzeitlich um Ecken herum erfahren, dass sie immer noch dort in Thüringen lebte, wo ich sie verlassen hatte. Wir brauchten mehrere Anläufe, die Zonengrenze zu überwinden, sodass wir immer wieder zurück mussten. Eine dieser abenteuerlichen Reisen begann mit dem Zug, der  ein paar Hundert Kilometer fuhr, weitere Strecken legten wir mit einem Lastwagen zurück , der vielleicht auch in die Richtung fuhr. Der LKW hatte Holz  und Gas geladen und blieb dauern stehen. Es also war schon eine kleine Weltreise, bis wir endlich in Thüringen über die Grenze kamen. Dann war die Freude Nr. 3, dass dort die Mutter noch lebte. Sie arbeitete mittlerweile bei den russischen Besatzern als Putzfrau. Immerhin konnte sie uns von den Abfällen der Russen eine schöne Mahlzeit bereiten.

Das waren so die drei schönsten Erlebnisse um diese Zeit herum.

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