Besiegt – Befreit-Besetzt

Ich möchte Ihnen etwas erzählen über die verschiedenen Besatzungen nach dem Zweiten Weltkrieg, die ich mitgemacht habe. Das war mehr oder weniger lang. Ich habe als Überschrift genommen: Besiegt – Befreit – Besetzt. 

Ich bin Jahrgang 1928, bei Kriegsausbruch war ich 11 Jahre alt, bei Kriegsende dann schon 17. Kurz vor dem Zusammenbruch des Naziregimes war ich als Jugendlicher als Panzergrenadier auf dem Rückzug von der Oder runter zur Elbe. Unterwegs bewegten einen natürlich noch Gedanken wie, leben die Angehören noch, lebt die Mutter noch, die in Thüringen war, wo steckt der Vater, der war bei den Landesschützen, der schwirrte auch irgendwo rum, und was blüht uns jetzt in der Gefangenschaft?

Man hatte ja genügend Feindbilder aus den Wochenschauen und aus dem Rundfunk erhalten. Dort hörte man von Terroangriffen der Alliierten Westmächte und von den Russen, die Leute verschleppten und Frauen vergewaltigten. Die Flüchtlinge aus Ostpreußen, die 1945 das Gebiet dort verlassen hatten, konnten genügend Geschichten davon erzählen. 

Wie war also das Rachegefühl der Sieger? Auf was musste man vorbereitet sein? Das trieb mich schon um. Es kam nun der 9. Mai, wir waren noch 10 km von der Elbe entfernt und marschierten in Dreierkolonne in die Gefangenschaft. Dort machten wir die erste Bekanntschaft mit den Amerikanern, und das waren für uns Menschen wie aus einer anderen Welt. Sie fielen schon dadurch auf, dass die Uniformen wesentlich eleganter waren als die unserigen: Sie hatten sportlich geschnittene Jacken und statt Stiefel trugen sie Schnürschuhe – wir trugen damals Knobelbecher, die nicht gerade vor Schönheit strotzten. Die größte aller Fragen war aber bei Tag und Nacht, was macht jetzt der Ami mit uns? Denn es waren immerhin Tausende von Leuten, die da in die Gefangenschaft gingen. 

Zunächst einmal trieben sie uns zu einer Sammelstelle, südlich von Schwerin gab es einen großen Flugplatz, da passten 80.000 bis 100.000 Landser drauf. Wir kampierten dort auf dem Feld ohne Wasser, Verpflegung und ohne hygienische Einrichtungen. Sie können sich vorstellen, wie das da aussah. Von der amerikanischen Besatzung sah man so gut wie nichts, die hatten sich außerhalb gehalten damit auch keiner flüchten konnte – aber das war damals total überflüssig. Die Amerikaner waren hart, mitunter auch etwas arrogant, aber ansonsten sehr fair. Sie hatten – wie die anderen Alliierten auch – von ihren Regierungen die Auflage zur Nichtverbrüderung bekommen. Trotzdem kam es dann doch in der Bevölkerung nachher zu freundschaftlichen Kontakten, nachdem das strikte Verbot gelockert wurde. Sie herzten Kinder und verteilten Schokolade, Kaugummi, Bonbons usw.

Unser großes Glück war, dass – und das war die erlösende Botschaft – wir nicht den Russen ausgeliefert wurden, wir wurden vielmehr von den Engländern übernommen. Wir wurden nach Schleswig-Holstein gekarrt und kamen nach Eutin, diesmal kampierten wir in den Wäldern. Auch von den Engländern sahen wir wenig. Auch sie hatten andere Uniformen, ein bisschen grober als die Amerikaner. Sie teilten uns in Gruppen, Zügen und Kompanien ein. Unsere ehemaligen Vorgesetzten behielten ihre Rangabzeichen, deswegen herrschte unter uns eine ziemliche Disziplin. Die Engländer selbst hatten Schwierigkeiten mit ihrer eigenen Verpflegung, denn die war katastrophal, und an Flucht konnte unsereiner auch nicht denken. Sie waren so loyal, dass sie sogar erlaubten, dass eine Big-band gegründet wurde. Es waren unter den vielen Landsern auch gute Musiker. 

So verlebten wir in Malente bei schönem Wetter eine ganz gute Zeit, wenn, ja wenn nicht der Hunger so groß gewesen wäre. Eigentlich konnte man sich nur noch am Stock fortbewegen. Schließlich wurden Bergleute fürs Ruhrgebiet gesucht. Ich meldete mich und kam in das große Gefangenenlager in Rheinberg. Da herrschten aber andere Sitten. die Engländer suchten nach SS-Leuten, und da wurde man schon bei den Verhören durch die Engländern sehr hart behandelt. Aber Ungerechtigkeiten oder irgendwelche Übergriffe gab es da auch nicht. 

Ich hielt es dort nicht lange aus und konnte nach Mülheim fliehen. Auch hier erfuhr ich die Engländer als fair, auch wenn manchmal die Hausbesetzungen ungerecht verteilt wurden und dergleichen. Aber im Großen und Ganzen waren die westlichen Alliierten Besatzungen doch so human, dass man später doch aus diesen Zonen eine vernünftige deutsche Republik, also eine Bundesrepublik schaffen konnte.

Dann ging es weiter durch Deutschland, alles noch 1945: Bekanntschaft mit der sowjetischen Besatzung. Meinem ebenfalls inzwischen heimgekommenem Vater und mir lagen hauptsächlich das Schicksal meiner Mutter im Kopf und deren Rückholung aus Thüringen am Herzen. Die Grenze zur sowjetischen Zone war noch offen, aber wie lange noch? Was erwartet uns in der sowjetischen Zone, wenn wir dort hinfahren? Nichts Gutes, dafür gab es unzählige Gründe: Die Russen wurden damals von uns überfallen, obwohl wir mit denen einen Freundschaftspakt hatten. 16 Millionen Zivilisten kamen ums Leben sowie 13 Millionen Soldaten. Hierüber waren die Rotarmisten, als sie deutsches Gebiet betraten, wohl informiert und das waren keine guten Vorzeichen für unsere Aktion und auch für unser Vorhaben. 

Herr Heckmann spricht über die drei Besatzungsmächte, unter denen er zwischen 1945 und 1946 lebt.

Wir versuchten zunächst mit einem der Züge, die noch hin und wieder mal fuhren, nach Thüringen zu kommen. Es gab keinen planmäßigen Bahnverkehr. Wenn ein Zug fuhr, dann nur auf Teilstrecken, meistens hing man da auf dem Trittbrett oder den Puffern zwischen den Waggons oder es ging per Anhalter in mit Holzkohle betriebenen Lastwagen ein paar km weiter. Ziel war Duderstadt und der Ort hieß Bad Langensalza. Wir brauchten dafür mehrere Tage. Nach dieser langen Fahrt erreichten wir den mittelalterlichen Stadtwall meiner Wahlheimat Bad Langensalza, und es sah fast so aus, wie wir es verlassen hatten: Da war kein Haus zerstört und nichts deutete auf Kriegshandlungen. Wir konnten, als wir uns da wiedersahen, nur den Worten anschließen: Hurra, wir leben noch! 

Meine Mutter wohnte noch in der Villa eines Steinbruchbesitzer, aber unter dem Dach hatten sich mehrere russische Offiziere mit einem Burschen einquartiert. Es gab dann unterschiedliche Gründe, die uns davon abhielten sofort gen Westen zurückzukehren. 

Wir mussten allerdings dadurch die augenblicklichen Zustände unter der sowjetischen Besatzung in Kauf nehmen. Was ich damit meine, zeigen mehrere Beispiele. Wenn sie Ausgang hatten, wimmelte in der kleinen Stadt, die nur 12.000 Einwohner hatte, eine ganze Division von Russen. Meistens waren sie betrunken, pöbelten die Passanten an und spähten nach Beute aus. Beliebt waren Armbanduhren, da hatten sie mitunter 5 bis 10 Stück an einem Arm. 

Fahrräder waren begehrte Objekte. Die wurden dem Besitzer einfach weggenommen. Und dann versuchten sie, sich darauf fortzubewegen, aber weil sie betrunken waren, verloren sie meist das Gleichgewicht und fielen dann auf die Nase – unter dem Gelächter der umstehenden Zuschauer. 

Es wurde ja fortan die deutsch-sowjetische Freundschaft beschworen – ein oft und gern gebrauchtes Wort dort drüben. Wodka erhöhte das Wohlbefinden der Rotarmisten. Im Gegensatz zu den Alliierten westlich, suchten sie die Bekanntschaft mit der deutschen Bevölkerung, und vor allem auch mit Frauen. Sie machten sich einen Spaß daraus, vorübergehende Passanten mit Alkohol abzufüllen. Je größer der Widerstand, desto wurde die Eintrichterung, wobei auch mitunter sexuelle Berührungen den Spaß noch erhöhten. Das war natürlich eine merkwürdige Form von Kontaktaufnahmen. 

Ein weiteres Beispiel: Die Soldaten waren meistens mit Pistolen bewaffnet, unterwegs wurden dann Schießübungen gemacht. Da flogen die Geschosse einem so um die Ohren, dass man dachte, man wäre getroffen worden. Man musste man diese Gegend tunlichst meiden. Ziel waren bei denen dann auch Tauben, leere Schnapsflaschen und entleerte Konservendosen. 

Dann das fünfte Beispiel: Bad Langensalza verfügte damals über 5 Tanzcafés, die schon früh wieder geöffnet waren. In unserem bevorzugten Lokal spielte eine 4-Mann-Kapelle deutsche Schlager, beliebt waren damals die sogenannten Schieber wie „Ja, wir sind Zigeuner“ oder „Ein Abend auf der Heide“. Wenn die gespielt wurden, kamen wir richtig ins Schwofen. Die Auswahl der tanzlustigen Frauen war ja groß, dagegen die Auswahl der Getränke sehr bescheiden. Das Angebot bestand hauptsächlich aus Heißgetränken und Sprudel mit Geschmack. Als ein paar russische Offiziere – das einfache Personal war inzwischen kaserniert und durfte nur in geschlossenen Gruppen an die Öffentlichkeit unter Aufsicht eines Offiziers die Kaserne verlassen – das Lokal betraten, wusste man, das gibt Ärger.  Ich befand mich einmal gerade mit einer – für meine Begriffe – hübschen Tänzerin auf dem Parkett, da dauerte es auch nicht lange, als einer der ungebetenen Gäste auf uns zutaumelte und mich mit den Worten beiseite stieß: „Ich tanzen, du weg“. Meine Begleiterin, ob sie nun wollte oder nicht, musste tanzen und wurde nachher einfach auf der Tanzfläche stehen gelassen. Ähnlich sind die anderen Offiziere verfahren. Alle Gäste, auch der Inhaber, hatten keine Möglichkeit, solche Verhaltensweisen zu unterbinden. 

Dann das sechste Beispiel: Es war kurz vor Mitternacht, als gegen unsere Wohnzimmertür heftig mit den Fäusten getrommelt wurde. Es schallte laut: aufmachen, aufmachen! Wir fuhren hoch, einer von uns öffnete die Wohnungstür, und vor uns standen mehrere Beamte, Soldaten und ein Offizier. Ich wurde aufgefordert, mich anzuziehen und mitzukommen. Auf die flehenden Fragen meiner Mutter, was los sei, bekam sie auf russisch irgendeine Antwort, die keiner verstand, aber auch alles heißen konnte. Vor der Haustür stand bereits ein LKW, und da waren auch schon einige Leute drauf, die ich kannte, all in meinem Alter. Es wusste keiner, wohin die Reise ging, das konnte irgendein Lager in der Region sein, das konnte ebenfalls Sibirien sein. Mit diesen Gefühlen fuhren wir die Landstraße Richtung Erfurt. Am Ortsende von Langensalza nahm der LKW Kurs auf den Bahnhof-Ost. Nun, da war unsere Vermutung: Das gibt eine lange Reise. Auf den Gleisen befand sich ein Güterzug vollbeladen mit Kohlen. Die Wachleute drückten uns eine Schippe in die Hand und eine Schaufel und machten uns klar, das ein Waggon geleert werden musste. Es dauerte nicht lange, da kamen noch weitere LKWs zum Abtransport. Mit 5 Mann begannen wir dann die Herkulesarbeit. Es dauerte bis zum frühen Morgen, bis endlich der Waggon leer war. Dabei hatten wir aus der Not eine Tugend gemacht und schaufelten in regelmäßigen Abständen statt in einen LKW auf die Gegenseite in die Büsche und sicherten uns damit Brennmaterial für eine der nächsten Tage.

Und jetzt zum Schluss noch eine Episode: Mein Vetter Helmut, der aus einem Prager Lazarett nach Mülheim entlassen war, machte in Langensalza Zwischenstation und wohnte einige Tage bei uns. Am Nachmittag kam der Offiziersbursche, ca. 20 Jahre alt, mit einer Flasche Wodka ohne anzuklopfen zu uns ins Zimmer, um sie mit uns zu leeren. Um nicht in Ungnade zu fallen, machten wir von dem Angebot Gebrauch und füllten das scharfe Zeug bei vorgetäuschter guter Laune hinunter. Irgendwann kam unser Gespräch auf den Krieg zu sprechen und der Offiziersbursche fragte meinen Vetter, wo er denn in Russland gewesen sei. Nichts Böses ahnend erzählte er und erwähnte dabei auch noch die Tapferkeit der Roten Armee. Es wurde sich umarmt und gesungen. Plötzlich stand er auf, verschwand und kam mit einer Maschinenpistole zurück. Er zielte auf meinen Vetter und schrie „Du Nazi!“ und schoss dabei in die Decke. Wir nahmen alle Deckung und hörten, dass die Offiziere von oben runter geeilt kamen und den durchgeknallten Rotarmisten aus der Wohnung führten. Wir waren mal wieder mit dem Schrecken davon gekommen. Am anderen Tag war die Welt auch nur scheinbar wieder in Ordnung.

Nun, da gab es auch einige positive Beispiele, was die russische Besatzung betrifft, und die will ich auch nicht auslassen. Da war das Verhältnis zu den Offizieren in der Wohnung. Die Offiziere waren wohl reserviert, andererseits aber auch freigiebig und hilfsbereit. Meine Mutter war damals 48 Jahre alt, resolut, und im Bedarfsfall putzte und kochte sie für unsere einquartierten Gäste. Sie wurde immer Buschka (Großmutter, Oma) genannt, hatte die Bagage ansonsten aber gut im Griff. Hin und wieder landete ein Fleischbrocken in den undurchsichtigen schwarzen Putzwassersud. Dasselbe geschah mit den herumliegenden Hühnereiern. Anschließend gut gewaschen verzehrten wir die als Delikatesse. Ein Obermann der Gruppe hatte die Fähigkeit meines Vaters entdeckt, dass er Fahrräder reparieren konnte. Er verschaffte ihm Kunden aus seinen Besatzungskreisen, die uns dann mit Naturalien wie Brot, Eier und Öl, Tabak bezahlten und für ihn weiterempfahlen. Es entwickelte sich dadurch mit der Zeit ein einträchtiger Geschäftsbetrieb. Dadurch lernten wir unter den Besatzern Leute kennen, die uns Vorteile verschaffen konnten. So ergab sich für meinen Vater und mich die Möglichkeit, im Verpflegungslager in der Kaserne zu arbeiten und so ganz nebenbei die Hilfsmittel für private Zwecke abzuzweigen. 

Nachdem der Befehl der russischen Administration herausgekommen war, dass Rotarmisten die Kasernen nur in Gruppen und in Begleitung eines Offiziers verlassen durfte, verbesserte sich das Sicherheitsgefühl. Ein weiterer positiver Punkt war die Bekanntschaft mit einem jüdischen Hauptmann, der perfekt Deutsch sprach und sich für das Zusammenkommen von vielen Freizeitaktivitäten einsetzte. Er ließ uns Nutznießer seiner Beziehung zu der Stadtkommandantur werden. Nicht zuletzt fanden wir Gehör bei ihm, auch im privaten Leben. Durch ihn wurde die Jugendbewegung – später Freie Deutsche Jugend – gegründet.

Was ich bisher geschildert habe, waren meine Beobachtungen im Alltag unter drei Besatzungsmächten von Anfang 1945 bis 1946, und zwar in positiver und negativer Hinsicht. Was ich ebenfalls unter der sowjetischen Besatzungsmacht in der Zeit von 1946 bis 1952, in der auch die Gründung der DDR stattfand, erlebt habe mit zum Teil folgenschweren Maßnahmen der Enteignung, der Bodenreform, Schulreform etc., ist eine weitere große Geschichte.

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