Wer Sorgen hat, hat auch Likör!

In den 60er Jahren hatte sich in der DDR das Trinken alkoholischer Getränke bei allen familiären Treffen und bei Treffen unter Freunden immer mehr ausgeweitet. Das Angebot an Wein war sehr begrenzt und auch teuer. Die Weine kamen überwiegend  aus Ungarn und Bulgarien. Hauptgetränk war deshalb Bier. Zur Unterstützung des Biergenusses wurden starke alkoholische Getränke wie Korn, Klarer,Wodka und Weinbrand-Verschnitt (im Volksmund Baracken-Whisky genannt) getrunken. Aber auch zur Verbesserung der Verdauung nach den Essen gab es sehr „gesunde“ Schnäpse wie Schierker Feuerstein, Stichpimpuli, Stonsdorfer, Magenfreund usw.

Mit der Emanzipation der Frauen wollten auch diese ihr eintöniges Dasein durch ein „Schnäpschen in Ehren kann niemand verwehren“ verbessern. Es kamen deshalb eine Reihe von Likören mit niedrigen Alkoholgraden auf den Markt. So gab es vor allem sehr süße Liköre mit Pfefferminzgeschmack (Pfeffi) oder mit den Hauch der großen weiten Welt (Kreuz des Süden). – Ein Renner war aber der Eierlikör.

Nun hatte seinerzeit die staatliche Plankommission nicht vorgesehen, dass das Nahrungsmittel Ei für Getränke eingesetzt wird, zumal in der Zeit, die die Christen Ostern nennen, auch noch der Eierbedarf die geplanten Zahlen überschreitet. Also muss die Eierlikörproduktion verringert werden.

Die Partei fordert mehr Eigeninitiative: Frauen der Welt überlegt euch was! Und sie entwickelten ein ausbaufähiges Grundrezept:

Man nehme:   

15 Eigelb

500 g Puderzucker

750 ml Kondensmilch (aus Mangel an Sahne)

1 Pck. Vanillezucker

Alkohol (z.B. 500 ml Rum 52% )

Zuerst die Eigelbe mit dem Vanillezucker schaumig schlagen. Dann den Puderzucker und die Kondensmilch unterrühren. Jetzt kommt das Wichtigste, der Alkohol wird dazugegeben. Dazu ist es von Vorteil, durch Geschmacksprobe den Alkoholgrad zu bestimmen. Es kann auch ein wenig stärker sein, je nach Gusto. Das Ganze wird nun am besten über einem Wasserbad unter ständigen Rühren erhitzt, bis es dickflüssig ist, und dann in Flaschen abgefüllt.

Wenn nun aber viele Frauen Eierlikör ohne eine staatliche Planung machen, kommt es zu einem Mangel an Rum. Was nun? Ein Alkohol von mehr als 30% ist nötig, wenn rohe Eier verarbeitet werden. Am besten man verwendet daher reinen Alkohol von 99%. Jede Apotheke hat davon in reinster Form jede Menge auf Lager. Meine Oma sagte immer: “Beziehungen sind das Wichtigste in schweren Zeiten“.

Eine Rundfrage bei Verwandten, Freunden und Kollegen war erfolgreich. Die Frau eines Kollegen hatte eine Schwester und diese war Apothekerin. Für die Überlassung einer Kostprobe des noch herzustellenden Eierlikörs erhielten wir zum üblichen Preis 500 ml Alkohol ( Ethanol). Der damit hergestellte Eierlikör hat nicht den Beigeschmack von Rum oder den Fuselgeschmack von Wodka oder Korn. Er kann durch Zugabe von Pfefferminzlikör zu After-eight-Likör oder durch Kakao zu Schokoladenlikör veredelt werden.

Aber auch für Desserts z. B. auf frischen Erdbeeren oder beim Backen von Rührkuchen zur Aromatisierung des Teiges kann man ihn verwenden. Auch im Winter ist ein Eierlikörpunsch nicht zu verachten.

Na dann: Prost!!

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