Meine Ernährung und Essgewohnheiten in den 1950er Jahren

Tischmanieren bekam ich als Kind schon sehr früh beigebracht, was bedeutete, dass nicht mit vollem Mund gesprochen wurde und man beim Essen den Ellenbogen nicht auf dem Tisch legen durfte, wenn Löffel oder Gabel zum Mund geführt wurden. Natürlich mußten vor den Mahlzeiten die Hände gewaschen werden. In Erinnerung habe ich auch noch, dass der Tisch, an dem gegessen wurde, immer mit einer Tischdecke versehen und gut eingedeckt war. Schon sehr früh konnte ich mit Messer und Gabel völlig selbständig essen. Das Kinderessbesteck schenkte mir meine Großmutter, ebenfalls immer wieder Geschirrteile mit dem  bekannten Hahnenmuster.

Was das Essen anbelangte, war ich unkompliziert, da ich immer gerne die von meiner Mutter zubereiteten Mahlzeiten angemessen habe. Sie waren stets appetitlich angerichtet, ausgesprochen geschmackvoll, vielseitig, abwechslungs – sowie vitaminreich zubereitet.

Allerdings gab es eine Ausnahme: Ich mochte partout keine Milch trinken, denn sie schmeckte mir nicht. Daher bekam ich bis zu einem gewissen Alter jeden Abend entweder eine Haferflocken-Suppe, Milchreis mit Obst oder Griesspudding mit Himbeersaft, bevor ich noch etwas anderes vom Abendbrottisch verzehren durfte. Später haben wir uns auf Kakao, Quark und Joghurt geeinigt, und das Problem war für mich gelöst.

Unser Frühstück bestand aus Brot oder Stuten mit selbst hergestellten Marmeladen der verschiedensten Obstsorten und Honig. Für mich gab es warmen Kakao und meine Eltern tranken Schwarztee. An den Wochenenden kam noch ein gekochtes Ei, etwas Wurst und Käse hinzu.

Das Mittagessen war sehr unterschiedlich, und wie man heute sagen würde, alles Bioware aus dem eigenem Garten. Unter der Woche bereitete meine Mutter Eintöpfe von frisch geernteten Gemüsesorten zu. Ebenfalls gab es Kohlrabi, Spinat, Mangold, Erbsen, Bohnen, Möhren sowie Gestovter Wirsing, einzeln zubereitet in leckeren Kräutersoßen. Dazu wurden Kartoffeln und als Fleischprodukte entweder Bratwurst, Frikadellen, Lummerkottelets, Hackbraten (auch Falscher Hase genannt) oder Falsches Kotelett (dies war eine magere panierte  Scheibe Bauchspeck) gereicht. Meistens war auch ein Nachtisch vorhanden, so z. B. Wackelpeter mit Vanillesoße, Quark mit frischem Obst oder Früchte aus dem Garten.

Freitags stand grundsätzlich Fisch auf dem Speiseplan, entweder gekocht oder gebraten. Dafür ging meine Mutter an jedem Freitag morgens zu Fuß von unserer Wohnung in Mülheim-Dümpten in die Innenstadt nach Oberhausen zu Fisch Schmitz. Gleichzeitig brachte sie für uns alle drei eine Fischfrikadelle und eingelegte Salzgurken mit, die es dann abends gab. Manchmal kaufte sie auch grüne Heringe, die mein Vater gerne aß, welche gebraten und anschließend sauer eingelegt wurden. Zuerst mußten sie aber ausgenommen und von den Schuppen befreit und reichlich gewaschen werden. Frühestens nach 3 – 4 Tagen konnten die Bratheringe gegessen werden. Seltener gab es geräucherten Heilbutt oder Schillerlocken.

Natürlich standen auch fleischfreie Tage auf unserem Speisezettel. So zum Beispiel Nudeln mit gemischtem Trockenobst. Die getrockneten Pflaumen, Aprikosen, Apfelstücke und Birnen wurden über Nacht eingeweicht und am nächsten Tag kurz geköchelt. Anschließend mit einer  süß-saueren Soße zubereitet und über die Nudeln gegeben. Was wir auch gerne mochten, war eine köstliche Tomatensoße mit Nudeln und einem großen Teller mit gemischtem Salat.

In den Sommermonaten, wenn es sehr heiß und der Appetit eh nicht so groß war, bereitete meine Mutter Kaltschalen in Form einer Obstsuppe mit Eiweiß- oder Griessnocken zu. Erdbeeren oder rote Johannisbeeren mit Vanillepudding unter den noch Eischnee gehoben wurde, war auch eine gern gegessene Variante. Auf Wunsch meines Vaters wurde für ihn Dickmilch hergestellt. Dabei wurde Milch in einer flachen Porzellan-Schüssel auf die Aussenfensterbank in die Sonne gestellt, und binnen einiger Stunden war die Dickmilch fertig. Sie hatte eine festere Konsistenz als Joghurt, und  sie wurde von meinem Vater mit Obst oder einfach nur mit Zucker bestreut gegessen.

Sonntags wurden Braten von unterschiedlicher Art, Rolladen oder Gulasch zubereitet. Zuvor durfte die Suppe nicht fehlen, und ein Dessert war immer vorhanden, genauso wie der Kuchen am Nachmittag. Das Schöne an dem Sonntagsessen war, dass es immer noch für den Montag mit reichte.

Mein Vater hatte gewisse Speisen, die er gerne aß, aber meine Mutter und ich überhaupt nicht. So war es mit dem Schlabberkappes. Dabei wurden gewürfelte Kartoffeln gekocht und hinzu kam frischer grüner Blattsalat. Beide Komponenten wurden mit einer leicht säuerlichen Soße vermengt, eine ziemlich glitschige Angelegenheit. Als Beilage gab es gebratene Blutwurstscheiben oder gebratenen Panhas. Eine weitere Vorliebe hatte er für Erbswurstsuppe zum Abendbrot. Zwei weitere Gerichte konnten mich ebenfalls nicht in Begeisterung versetzten. Dies waren Himmel un Ääd, eine rheinische Spezialität, also Kartoffelbrei mit Apfelmus und gebratener Blutwurst, sowie Birnen, Bohnen und Speck, ein Gericht, welches aus Hamburg, der Geburtsstadt meiner Mutter, stammte. Außer Leber, die es zum Glück nur alle paar Monate gab, waren Innereien bei uns tabu. Ich mochte sie sowieso nicht.

Allerdings hatten mein Vater und ich zwei Favoriten, die nur wir beide voller Genuss verspeist haben. Das war frisches Brot mit Butter und Harzer Käse. Noch heute ist es eine Köstlichkeit für mich. Und zum anderen ein Gemisch aus Haferflocken, Milch, Zucker und Kakao, kalt gegessen, einfach lecker.

Auch war es zur damaligen Zeit nicht – so wie heute üblich-, dass eine Auswahl unterschiedlichster Säfte, Sprudelsorten, Coca Cola oder gar alkoholische Getränke bei uns zum Essen gereicht wurden.  Es stand zum Mittagessen nur ein Glas mit Wasser bereit. Abends tranken wir Pfefferminztee, verschiedene Sorten an Früchtetee, Muckefuck, der später durch Carokaffee ersetzt wurde, oder gekochten Kakao, welcher Anfang der 1960er Jahre durch löslichen Nesquick einfach nur mit kalter Milch angerührt werden mußte.  Kondensmilch kam bei uns nur für Tee oder Kaffee zum Einsatz. 

Die Abendmahlzeiten gestaltete meine Mutter stets anders. Mal gab es Pfannkuchen, so, wie sie jeder von uns gerne hatte, das hieß mit frischem Obst oder gebratener Mettwurst. Rührei, Reibekuchen, kleine Salate und Butterbrote mit Wurst, Käse oder selbst gemachtes Schmalz sorgten für Abwechslung. Mal wurde auch eine Fischkonserve geöffnet, russisches Ei oder Rollmöpse auf den Tisch gestellt. Auch füllten ab und zu  Buchweizen-Pfannkuchen mit Rübenkraut unsere Teller. Brotscheiben belegt mit Tomaten sowie Quark mit Schnittlauch und anderen Kräutern angerührt, ergänzten das Angebot auf dem Tisch.

Leidenschaftlich gerne habe ich die Üffelkes gegessen. Aus kalten gekochten Kartoffeln, die fein gestampft, mit 1-2 Eiern, Pfeffer, Muskat, Salz und etwas Mehl verrührt waren, wurde eine geschmeidigen Maße angefertigt. Der entstandene Kartoffelteig wurde mit den Händen in ovale, circa 1 cm dicke und mit einem Durchmesser von etwa 10 cm Breite in Form gebracht und in heißem Fett in der Pfanne gebraten, so dass sie nur leicht gebräunt waren. Dazu gab es selbst gemachte Remoulade und einen frischen Salat, einfach köstlich.

An Festen, wie Geburtstagen, Weihnachten, Ostern, Silvester und Neujahr kamen stets ganz besondere Gerichte auf den Tisch.

Erwähnen möchte ich noch, dass meine Mutter und ich jeden Montag mit meiner Oma mütterlicherseits nachmittags in Oberhausen bummeln gingen, Ausflüge unternahmen oder Friedhofsbesuche, die anfielen, erledigten. Gegen Abend gingen wir drei gemeinsam zum Essen in ein Restaurant, meistens oben ins Kaufhaus – Restaurant bei Magis in Oberhausen. Dies war immer ein Genuss und eine Freude der besonderen Art für mich. Ich glaube, schon damals wurde damit der Grundstein dafür gelegt, dass ich auch heute noch gerne in guten Restaurants essen gehe.

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