Meine erste Flugreise – und die unfreiwillig

Nach achtern hinausgesegelt!

Fragt man heute einen jungen Menschen, so von 18-20 Jahren, wie oft er denn schon eine Flugreise absolviert hat, dann reichen meist die Finger einer Hand nicht zum Aufzählen. Zu meiner Studienzeit, ab Mitte der 1960er Jahre, war das noch ganz anders. Selbst eine heute banale Bahnreise nach Paris oder London war schon ein Ereignis, über das wochenlang gesprochen wurde.

Als Studenten der Schiffstechnik an der TU Wien wurden wir angehalten, nicht nur eifrig theoretisches Wissen in uns hineinzuschaufeln, sondern auch praktische Erfahrung zu erwerben. Unser Schiffstechnik-Professor Dr. Völker half uns tatkräftig bei der Beschaffung von Praktikumsstellen auf Hochseeschiffen.

So kam es, dass ich 1967 zum ersten Mal zur See fuhr. Mit einem Bananendampfer – also ein Schiff mit gekühlten Laderäumen für den Transport der tropischen Früchte – ging die Fahrt von Bremerhaven nach Mittelamerika und zurück. Ich arbeitete als Ingenieur-Assistent im Maschinenraum. 2 ½ Monate schwitzte ich als „Assi“ und „Bazi“ – denn alle Seefahrer von südlich der Mainlinie werden auf deutschen Schiffen Bazi genannt – bei Temperaturen von gut 40° und 100% Luftfeuchtigkeit. Sämtliche Restbestände der Biere der letzten Semester verdunsteten schnell durch die Haut.

Im darauffolgenden Sommer 1968 zog es mich wieder auf die See. Nun im Besitze eines Seefahrtsbuches kreuzte ich beim Seefahrtsamt in Hamburg auf. Für Landratten: Das Seefahrtsbuch ist der Paß der Seefahrer, eine entscheidende Voraussetzung auf einem Schiff anzuheuern. Mein Schiff war die Usaramo der Deutschen Afrika Linie. Der Frachter lief mit Stückgut von Hamburg zu den Häfen der westafrikanischen Küste, hinunter bis Duala in Kamerun. Diese Reise dauerte für mich 3 ½ Monate.

Meine Schwester Ilse hatte mich vorher gebeten, für den Fall, dass ich nach Dakar käme, doch Bücher von ihrer Freundin Christ Savel mitzunehmen. Christel arbeitete in Dakar an der österreichischen Botschaft, und Ilse hatte ihr die wertvollen Bücher – später stellte sich heraus es waren 11 Kilo – geborgt.

Tatsächlich, der Dampfer lief Dakar an. Am Nachmittag des Ankunftstages hatte ich frei. Also nichts wie umgezogen, Paß eingesteckt und raus zum nächsten Telefon. Dabei ist der entscheidende Fehler passiert. Ich meine noch heute, die Zeit des Auslaufens war mit Mitternacht auf der Nachrichtentafel neben der Gangway angegeben. Der erste Offizier behaupte nachher dagegen, es stand immer 22 Uhr dort.

Ich fuhr mit dem Taxi zu Christel, trank in gepflegtem Ambiente ihrer Wohnung einen Drink. Mit einer Freundin von ihr gingen wir in ein Lokal an der Küste chic essen und kurz nach 23 Uhr fuhren wir in das Hafengelände hinein, ich mit der Tasche mit Ilses Büchern in der Hand.

Doch, oh Schreck! Das Schiff war weg! Heftiges Telefonieren erbrachte die traurige Nachricht – das Schiff hatte um 21 Uhr den Lotsen bestellt und war kurz nach 22 Uhr ausgelaufen. Ich hatte es doch tatsächlich geschafft nach achtern hinauszusegeln, wie es in der Seemannssprache heißt. Das war der einzige Moment in meinem Leben, in dem mir das Herz in die Hose rutschte. Unzählige Flüche zerdrückte ich zwischen den Zähnen. Half alles nichts, an diesem Abend war nichts mehr zu machen.

Am nächsten Morgen rasten wir zur Agentur der Reederei. Eine Nachricht von der Usaramo lag vor: „Marin Hausmann es manque‘. Signalite si trouvez“ (Matrose Hausmann fehlt. Bitte Nachricht, wenn ihr ihn eingesammelt habt). Der Kapitän eines Schiffes muß jedoch zustimmen, daß der verlorene Matrose wieder an Bord darf. Er könnte ja auch ein unerträglicher Störer sein, den man gerne los sein würde. Der nächste Hafen, den die Usaramo anlief, war Abidjan, die Hauptstadt der Elfenbeinküste. Ohne dass die positive Nachricht des Kapitäns eingetroffen war, flog ich zerknirscht dorthin. Etwas Risiko mußte nun in Kauf genommen werden. Die Ausgaben für den Flug borgte mir Christel. 

Die Nachrichtenübermittlung war damals noch umständlich und langsam. Wegen meiner unwesentlichen Person hat sich sicher keiner beeilt, ein Telegramm abzusetzen. Funkverkehr zu Schiffen ex Dakar gab es nur an vier Stunden am Tag. Das mich betreffende Telegramm lag irgendwo im Stapel noch zu erledigender Telegramme. „C’est Afrique!“ grinsten die Kenner.

So kam ich zum ersten Flug meines Lebens, ohne Koffer, aber mit 11 Kilo Bücher meiner Schwester im Handgepäck bewaffnet. Damals flogen in Westafrika nur die Wichtigen, die Schönen, alle französisch elegant und gut gekleidet. Ich dazwischen unrasiert, mit kurzer Hose, billigem Hemd und kein Wort Französisch. Der Flug führte über Conakry nach Abidjan.

Christel hatte mir eingeschärft, auf jeden Fall einen Quarantäne-Aufenthalt zu vermeiden. Die Warnung war nicht unbegründet, denn mein Impfpass mit allen erforderlichen Stempeln lag wohl verwahrt im Tresor des Schiffes. Quarantäne hieß damals in Afrika Gefängnis, und von dort ist selten ein Europäer zurückgekommen. Es findet einen auch keiner mehr. Beim Gesundheitsschalter am Flughafen stotterte ich herum: „Je suis marin, bateau allemand, bateau en Dakar, pfft, pfft“. Nach einem skeptischen Blick grinste der weiße Offizier, er konnte sich meine Situation offensichtlich gut vorstellen, und gab mir den erlösenden Stempel. Bon, jetzt musste ich nur noch den österreichischen Konsul anrufen, damit er mir ein billiges Hotel empfiehlt.

Der Flughafen von Abidjan war damals nur etwas größer als der Flughafen in Mülheim an der Ruhr heute, also schön übersichtlich. In der Haupthalle mit allen Schaltern gab es fünf öffentliche Telefone. Doch bei dem einen fehlte der Hörer, beim anderen die Wählscheibe, kurz alle fünf konnte man vergessen. Nun stand ich etwas ratlos in der Halle und strengte mein Hirn sehr bemüht nach einem Ausweg an.

Da kam ein Weißer in einer Flughafenuniform, zu erkennen an den diversen Flügeln auf den Schulterstücken des Hemdes, auf mich zu und fragte mit schwerem französischen Akzent in Deutsch: „Sind Sie Deutscher?“ – Ich überlege kurz und sage „Oui“. Da breitete er die Arme aus, strahlte und sagte: „Isch liebe alle Deutschen. Isch war in Bad Kissingen in Kriegsgefangenschaft. Esch war eine schöne Zeit. Was brauchen Sie?“ – Tja, manchmal gibt es der Herr den Seinen unvermutet. Also ich schilderte meine Situation, er, froh etwas tun zu können, führte mich in sein Büro. Kaffee wurde angeboten, er telefonierte mit Begeisterung: „ Monsieur le Consul? Oui, en marin…!“, etc. Mein Französisch war damals wie heute leider sehr, sehr bescheiden, ich verstand wenig bis gar nichts. Schließlich brachte er mich zu einem Taxi, sagte dem Fahrer, er solle mich nicht bescheißen, nur Tarif 1 Monsieur. Ich bedankte mich vielmals, und ab ging es in Richtung Abidjan Stadt. 

Am nächsten Tag besuche ich zuerst den hilfreichen österreichischen Konsul. Nach ein paar Telefongesprächen nannte er mir eine Pier, und ich fand dort kurz darauf hocherfreut, sogar an der angegebenen Stelle, die Usaramo wieder. Was hätte ich gemacht, wenn sie unterwegs aufgehalten worden wäre? Das geborgte Geld war alle. Der Chief, der leitende Ingenieur, war irgendwie erleichtert, mich zu sehen, denn die Besatzungsstärke ist von den Behörden vorgeschrieben, und vernünftiger Ersatz, noch dazu mit deutschen Papieren, bekam er in Westafrika auf die Schnelle nicht. Der Kapitän hielt mir eine väterliche, aber durchaus energische, Standpauke, und dann ging es wieder hinab in den Maschinenraum.

Dem unbekannten Franzosen am Flughafen Abidjan bin ich noch heute sehr dankbar. Zum Ausgleich habe ich später öfters Unbekannten uneigennützig geholfen.

Was für ein Kontrast zu einer heutigen Reise mit einem Ferienflieger nach Teneriffa oder den Malediven!

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