Kurzurlaub ins Sauerland

Reisen standen bei uns in den 1950er Jahren nicht auf dem Plan, denn meine Eltern waren in den ersten Jahren ihrer Ehe damit beschäftigt, sich eine finanzielle Grundlage zu schaffen und für uns einen gewissen Wohlstand herzustellen. Weiter hatten sie schon damals den großen Traum, ein eigenes Haus zu besitzen, den sie nicht aus den Augen verloren und welcher Anfang der 1960er Jahre  endlich wahr wurde.

Somit waren wir in meinen Schulferien immer zu Hause, was mich jedoch nicht störte, denn wir unternahmen bei gutem Wetter Ausflüge in die nähere Umgebung: Mit einer Freundin und deren Mutter besuchte ich das Freibad oder ich spielte mit meinen Freundinnen und Freunden, die ebenfalls keine Urlaubsreise mit der Familie unternahmen.

Dennoch gab es eines Tages eine Ausnahme. In den Sommerferien 1958 fuhren wir mit Freunden meiner Eltern in einem VW-Käfer nach Brilon ins Sauerland, um befreundete Bekannte unserer beider Familien zu besuchen, die dort ein Hotel besaßen. 

Die Hinreise in dem Auto bei hochsommerlichen Temperaturen, war eine Belastung für uns alle, denn Klimaanlagen gab es noch nicht. Ebenfalls waren die Straßen teilweise auch eine Herausforderung für das vollbesetzte Auto. Wir fuhren mit 2 Wagen, da die ältere Tochter der Freunde schon im Besitz eines  Führerscheines war und einen kleinen Fiat fuhr.

Vor Antritt der Fahrt kam von dem Fahrer die obligatorische Frage:„ Wart ihr auch alle noch mal auf dem Klo?“  Wir lachten immer herzlich darüber. Doch nach etwa ½ Stunde Fahrzeit wusste ich genau, warum er diese Frage gestellt hatte.

Wir waren noch nicht lange unterwegs, da wurden die in Pergamentpapier verpackten Brotscheiben, mit Leberwurst und Käse belegt, aus der Tasche hervorgeholt und verteilt. Die hartgekochten Eier, Essiggurken  und Frikadellen durften natürlich auch nicht fehlen und wurden von uns verputzt. Innerhalb kürzester Zeit roch es in dem Auto wie in einer Werkskantine, so dass unser Fahrer die winzigen Kippseitenfenster nach außen stellte, natürlich mit dem Kommentar, die Sitze nicht zu verschmutzen.

Die Fahrt verbrachten wir in ausgelassener Stimmung, es wurde gemeinsam gesungen, und nach einigen Stunden erreichten wir unser Ziel, wo wir auf das Herzlichste von den Bekannten empfangen wurden.

Nachdem wir uns in unseren Zimmern eingerichtet hatten, gingen wir los, um gemeinsam die Umgebung zu erkunden. Das Hotel, ein gepflegtes Fachwerkgebäude, befand sich außerhalb des Ortes direkt am Waldrand gelegen. 

Während sich die Erwachsenen angeregt unterhielten, streiften wir Jugendlichen durch den Wald oder spielten mit unseren mitgebrachten Gesellschaftsspielen. 

Abends wurde feudal gespeist und anschließend zur Musik einer kleinen Kapelle getanzt. Alle waren fröhlich und guter Dinge. Die nächsten beiden Tage waren bestückt mit Ausflügen, Essen, Ruhen im Liegestuhl, Schwimmen in einem nahegelegenen Baggersee und stundenlangen Unterhaltungen. 

Viel zu schnell ging die schöne Zeit in der herrlichen Landschaft dem Ende entgegen, und Wehmut über den Abschied machte sich bei allen breit. 

Auf der Rückreise machten wir auf einem Rastplatz eine kleine Pause. Die Erwachsenen wollten sich die Beine vertreten, und wir Jugendlichen bekamen plötzlich Appetit auf Süßigkeiten. Da fiel mir ein, wir hatten eine Tafel Schokolade bei unserer Abfahrt, also 3 Tage zuvor, ins Handschuhfach gelegt. Die Sonne hatte den Wagen tagsüber enorm erhitzt. Die jüngste Tochter der Freunde holte die Tafel aus dem Fach, riß, ohne weiter zu überlegen das Papier auf, und die flüssige Schokolade spritzte nur so durch die Gegend und lief an ihren Händen herunter. Ihre Kleidung war von oben bis unten voller Schokoladensprenkel und plötzlich –wir schauten uns an – brachen wir in ein schallendes Gelächter aus, so dass wir kaum noch Luft bekamen. Wir haben uns allesamt gebogen vor Lachen und hatten dadurch eine lustige Heimreise.

Dies war mein erster Kurztripp in die weite Welt. Es waren zwar nur drei Tage, aber sie haben uns viel Freude bereitet.

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