Meine erste Reise mit 6 Jahren 1934 nach Holland

Ich wohnte zu der Zeit in Mülheim-Heißen auf der Heinrichstraße in der Nähe der damaligen Zeche Wiesche. 

Ein Bruder meiner Mutter hatte in Bochum die Bergbauschule besucht und war, weil in Deutschland große Arbeitslosigkeit herrschte, in Heerlen-Limburg auf einer Zeche in Südholland, mit dem schönen Namen „Emma “, wie auch meine Mutter hieß, als Steiger tätig. Seine Tochter, meine Cousine Helga, war gerade 14 Jahre alt geworden und die Konfirmation stand an. Dazu wurde die nähere Verwandtschaft, die aus ca. 20 Personen bestand, eingeladen. Ich wusste mit meinen damals 6 Jahren noch nicht, wo Holland liegt. Die Vorbereitungen ließen allerdings vermuten: sehr weit weg.

Es muss  März/ April gewesen sein, als die Koffer gepackt wurden. Große Geschenken enthielten sie nicht, denn das Geld war knapp, und die Reise für unsere Verhältnisse sehr teuer. Am Vortag des Ereignisses versammelten sich die Familienmitglieder pünktlich auf dem Bahnsteig des Bahnhofs Mülheim, dem heutigen S- Bahnhof West (einen Hauptbahnhof gab da noch nicht in Mülheim).

Auf die Minute genau lief auch der Zug ein. Die Dampflokomotive zog sechs Waggons. Jeder Waggon hatte ca. 7 Coupes , jedes eine eigene Eingangstür. Das Abteil fasste acht bis zehn Personen, sodass unser Familienverband 2 davon komplett belegte. Die Bänke waren aus Holz, ungepolstert, und an den Rückwänden über den Köpfen mit sehr hoch angebrachten relativ schmalen Gepäcknetzen versehen. Wenn auf ihnen das Gepäck nicht fachgerecht gestapelt wurde, stellte dies bei ruckartigen Situationen eine Gefahrenquelle für Kopf und Kragen dar.

So dampften wir am frühen Morgen durch die flache niederrheinische Landschaft, zunächst an rauchenden Schloten und dann an grünen Wiesen vorbei in Richtung Aachen. 

Zu dieser Zeit gab es natürlich noch keine Klimaanlage  und die Entlüftung musste manuell von den Passagieren selbst organisiert werden. Die Scheiben konnten dazu mittels eines breiten Lederriemens herabgelassen oder hochgezogen werden. Da es bei offenem Fenster  zog,  musste kurz danach die Scheibe wieder hochgelassen werden. Auf Grund  der Tatsache,  dass ich einen Fensterplatz belegte, riss ich mir eigenmächtig das Klimatisieren unter den Nagel und  sorgte für vernünftige Luftzufuhr. Wahrscheinlich waren die Intervalle zu kurz  und nervten, denn meine Mutter gab den Befehl: “ Lass endlich die Finger davon!“

Wir fuhren nach meinen Begriffen unendlich lange. Ich kannte ja nur die Strecken mit der Straßenbahn von der Haltestelle Wiescher Weg bis zur Stadtmitte in Mülheim. Als der Zug an einem Bahnhof länger hielt, erklärte man mir, dass wir jetzt nicht mehr in Deutschland, sondern Holland sind. Zwei Männer in Uniform kletterten nun in unser Abteil und fragten auf holländisch  „Je hebt iets te melden?“ Dass hieß, ob jemand was zu verzollen hat.  Meine  Angehörigen schüttelten allesamt mit dem Kopf und sagten: “Nee!“ Die Sache schien damit geklärt zu sein, denn die Männer zogen wieder ab.

Die Fahrt dauerte dann auch nicht mehr lange, und ich kann mich nur noch schwach besinnen, dass wir dann von dem Onkel und der Cousine abgeholt und geschlossen mit der Tram – sprich Straßenbahn – das schon vorher vom Hörensagen schmucke Einfamilienhaus ansteuerten. Besonders beeindruckten mich die mit weißem Rahmen umsäumten großen Fenster, durch die man von außen in die geräumige Wohnung bis in den dahinter befindlichen Garten schaute. Hier konnte man im wahrsten Sinne des Wortes den richtigen „Durchblick“ bekommen, weil die Gardinen fehlten. 

Das war in ganz Holland gang und gäbe. Hatten die Menschen nichts zu verbergen, oder wollten sie sich vor einer,  wie gemunkelt wurde, üblich gewesene Gardinensteuer drücken? (In der Mitte des Wohnzimmers,  welches durch Schiebetüren von dem Esszimmer getrennt war, stand ein Klavier, auf dem meine Cousine Helga am späten Nachmittag zur Unterhaltung gekonnt den Donauwellen-Walzer und eine holländische etwas ältere Freundin als Höhepunkt des Programms das herzergreifende Tangolied Du schwarzer Zigeuner zu Gehör brachten.

Während wir Jüngeren nach dem Abendessen eine Schlafstätte zugewiesen bekamen, veranstalteten die Erwachsenen schon eine kleine Vorfeier. Der Gesang, wie Einmal am Rhein und Ich mööch zo Foos no Kölle jonn ließen nicht ausschließen, dass dabei Alkohol  mit im Spiel gewesen sein konnte.

Am anderen Tag fand das große Ereignis statt, weswegen wir nach Holland gefahren waren. 

Ich kann mich nur noch darauf besinnern, dass ich brav auf der Bank sitzen, die Hände falten und mir hin und wieder Gesang anhören musste, dessen Texte ich nicht verstand und Melodien nicht meinem Geschmack entsprachen.

In der Erinnerung blieben: die ulkige holländische Sprache, die schönen Klinkerhäuser, die sauberen Straßen, die langen Trams und nicht zuletzt eine Sorte Eier, die in großen Gläsern salzig eingelegt und mit Öl sowie scharfem Senf gegessen wurden, die sogenannten Soleier – als ständige Kindernahrung eigentlich nicht zu empfehlen. Die Erwachsenen lernten andere Dinge schätzen: den Genever und Bohnenkaffee. Beide schmeckten wohl gut und waren für deutsche Verhältnisse sehr preiswert. Verständlich, dass Köstlichkeiten dieser Art im Rückreisegepäck immer ein Plätzchen verdient hatten. 

Dann kam der Tag des Abschiednehmens. Das Gepäck war merklich schwerer geworden. Dieses Mal dauerte es nicht so lange, bis die Grenze erreicht war und der Zug länger hielt.

Wieder stiegen uniformierte Männer in das Abteil  und fragten nun auf deutsch: „Haben Sie etwas zu verzollen?“ Jetzt nannten sie die infrage kommenden Dinge beim Namen, die da lauteten: Schnaps, Zigaretten, Kaffee etc. Als das Wort Kaffee fiel, wurde ich hellhörig, und als alle wieder mit dem Kopf schüttelte und im Chor: „Nee“ sagten, wollte ich zeigen, dass die häufig auf mich bezogene Behauptung, nicht hören und sehen zu können, unzutreffend war. Ich hatte ja beim Packen zugesehen und gehört, wie Tante  Milly meiner Mutter  flüsternd Ratschläge für die besten Verpackungstricks gab.

In Gegenwart der uniformierten Männer erinnerte ich also meine Mutter  für alle gut hörbar und voller Stolz: „Weißt du nicht mehr, dass wir von Tante Frieda  einige Pakete Kaffee bekommen haben?“

Meiner Mutter blieb die Spucke weg und die anderen Familienangehörigen hielten den Atem an. Sie ahnten alle, was nun kam, nämlich die schroffe Aufforderung:  Alle das Gepäck öffnen. 

Das Abteil verwandelte sich ein Schlachtfeld. Nicht nur Kaffee, sondern auch einige Fläschchen Schnaps kam zutage. Jeder musste sein Portemonnaie zücken und Zoll zahlen. 

Was ich nach der Weiterfahrt zu hören bekam, war zunächst sehr heftig, schwächte sich aber bald ab. Immerhin hatte ich die Wahrheit gesagt, und lügen soll man ja als Kind und auch als Erwachsener im wahren Leben nicht.

Übrigens: Eine Gardinensteuer hat es nach meinem heutigen Wissensstand nie gegeben. Diese besondere holländische Wesensart entwickelte sich in der calvinistischen Glaubenslehre vor dem Dreißigjährigen Krieg: offen nach außen und innen sein.

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